Shirley Manson (foto: Fiege)

Live: Garbage in Wiesbaden – Wann Shirley Manson die Wut packt

Nach fünf Jahren Abstinenz geben Garbage mal wieder Konzerte in Deutschland. Beim ersten im legendären Schlachthof in Wiesbaden bewies die legendäre 1990er-Jahre-Kapelle, dass sie nichts von ihrer Energie und Rotzigkeit eingebüßt hat.

Es gibt Momente, da packt Shirley Manson die Wut. Und zwar immer dann, wenn die Garbage-Sängerin auf der Bühne Klänge eines Songs aus dem „Bleed Like Me“-Album der Band hört. Gleich vier davon hatte die US-amerikanisch-britische Kapelle an diesem Dienstagabend im Wiesbadener Schlachthof im Gepäck, den Titelsong, klar, aber auch „Metal Heart“, „Run Baby Run“ und „Why Do You Love Me“. „Ich fühle Zorn“, gestand Manson und ließ sich zu einem kleinen Ausbruch hinreißen.

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Keine Frage: Es war damals, als das Album erschien, 2005, keine glückliche Zeit für Garbage. Die Gruppe wurde seinerzeit zum Label Interscope Records abgeschoben, wahrlich keine Liebesheirat, Band und Plattenfirma hatten aneinander kein Interesse. Letztere wollte unbedingt, dass sich Garbage neu erfinden, fand, dass diese typische Garbage-Mixtur aus Alternative Rock, Post-Grunge und Electro-Rock irgendwie angestaubt war. War nicht eher Garage-Rock wie von den White Stripes oder den Strokes gerade das große Ding? Und: Könnte man nicht vielleicht etwas mit einem R&B- oder Hip-Hop-Star zusammen machen?

Fanden Garbage natürlich alles nicht so bombastisch, und weil sich die Band da verweigerte, ließ das Label jegliche Unterstützung für das Album vermissen, selbst die Bewerbung. Dass die Platte damals trotzdem Platz vier der US-Charts erreichte und damit die beste Platzierung der Band in den Vereinigten Staaten überhaupt, rettete sie damals trotzdem nicht: Eine US-Tour wurde abgesagt, das Label ließ die Band fallen – und Garbage waren für fünf Jahre Geschichte.

Nachhaltiger Frieden

Dass es nicht sogar mehr wurden, ist einer zufälligen Begegnung von Sängerin Shirley Manson und Drummer und Garbage-Mastermind Butch Vig (ja, der, der das „Nevermind“-Album von Nirvana produziert hat) zu verdanken. Ausgerechnet auf der Beerdigung des Kindes eines gemeinsamen Freundes. Shirley sang dort, und Butch sagte: Warum arbeiten wir nicht wieder zusammen? Shirley Manson fiel offenbar kein überzeugender Grund ein und seither machen Garbage wieder gemeinsame Sache. Ein nachhaltiger Frieden: Die zweite Karriere dauert mittlerweile schon länger als die erste. Und anders, als bei vielen wiedervereinigten Rockbands setzen Vig, Manson & Co. nicht auf Nostalgie, sondern bringen auch immer wieder neue und, wichtig, auch gute Alben heraus. 

Zuletzt erschien – sieht man vom Best-of-Album „Anthology“ (2022) ab – „No Gods No Masters“ im Jahr 2021. Gleich fünf Titel hatte die 1993 gegründete Band aus diesem Werk in Wiesbaden im Gepäck, es ist ein Gütesiegel für die Platte, dass Songs wie „Godhead“, „No Gods No Masters“, „The Creeps“, „The Men Who Rule the World“ oder „Wolves“ nicht gegenüber den Tracks aus dem Backkatalog der Band abfallen.

Kampf gegen das Patriarchat

Der eine oder andere wird sich dabei vielleicht über ein frisches Gesicht auf der Bühne gewundert haben: Ginger Pooley begleitet Garbage gerade auf Tour. Die Bassistin hat ihre Dienste früher schon den Smashing Pumpkins und Gwen Stefani zur Verfügung gestellt, ist also eine echte Könnerin ihres Fachs und als solche eine wunderbare Ergänzung des klassischen Garbage-Line-Ups.

„Ich fand, es waren auch einfach zu viele Penisse auf der Bühne“, stellte Manson in ihrer unnachahmlichen Art fest und unterstrich damit augenzwinkernd, wofür sie und die Band selbst steht: Geschlechtergerechtigkeit und Kampf gegen das Patriarchat. Dafür standen sie schon in den 1990er-Jahren, einer Zeit, in der Frauen wie Shirley Manson für ihren Einsatz als „wütende Feministinnen“ belächelt wurden. „If I had a dick …“, leitet Manson „Godhead“ ein, eine provokative Nummer, in der es um Machtstrukturen und Geschlechterrollen geht. Manson war im Ausdruck ihrer Gedanken immer, nun ja, forscher als Zeitgenossinnen wie die Spice Girls, denen man ja auch eine gewisse feministische Relevanz unterstellt.

Sie flucht wie ein Bierkutscher

Manson, 57 Jahre alt, ist immer noch die charismatische Frontfrau, wie sie es in den 1990er-Jahren war, eine, die ihre Leidenschaft für Musik, aber auch gesellschaftliche Themen nie verloren hat – und mit ihrem schottischen Zungenschlag immer noch fluchen kann wie ein Bierkutscher. Eine, bei der man nie so recht weiß, ob sie das Publikum gerade umgarnt oder beschimpft: „Fuck you, thank you all.“

Die knapp zwei Stunden vergingen am Dienstag auf jeden Fall wie im Flug, die Show war maximal energiegeladen, die Stimmung top, und es gab ein Wiedersehen – beziehungsweise hören mit den großen Hits („Only Happy When It Rains“, „Stupid Girl“). Beim genauen Hinschauen auf die Texte gab es auch die bittere Erkenntnis, dass man in vielerlei Hinsicht gesellschaftlich doch nicht wahnsinnig viel weitergekommen ist. Der eine oder andere Track ist inhaltlich noch erschreckend aktuell, gerade ein Song wie „Metal Heart“, bei Erscheinen auf den Irak-Krieg gemünzt, heute durchaus auf den russischen Angriffskrieg in der Ukraine und Putins Lügen anwendbar. Erschienen ist er 2005 auf „Bleed Like Me“. Und da könnte man selbst doch auch wütend werden.

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