Indie-Pop made in Canada: Bye Parula veröffentlichen mit „Something Out Of Nothing“ ein stimmiges, grooviges neues Album.
Wenn es stimmt, dass jeder für ungefähr für 15 Minuten berühmt sein kann, dann trifft das nicht für Bye Parula aus Montréal zu. Das in Kanada beheimatete Trio – Loïc Calatayud-Sola (Gesang/Bass) aus Frankreich, Sebastián Riquelme (Gitarre/Gesang) aus Chile und Sergio D’Isanto (Schlagzeug/Gesang) aus Italien – hat sozusagen jeden Werktagmorgen gegen 10 Uhr für 20 Sekunden den Platz an der Sonne inne. In diesem Moment wird nämlich in ihrer Heimat ihre 2023 veröffentlichte Single “Still Got the Spirit“ landesweit auf CBC Radio One ausgestrahlt – vielen Hörer*innen bekannt als Titelmusik der renommierten Kunst- und Kultur-Talkshow “Q with Tom Power“.
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Der groovige Song mit seinen Disco-Streichern stammte aus dem ansonsten eher opulent arrangierten Prog-Pop-geschwängerten DIY-Debütalbums “I” aus dem Jahr 2023. Diese Platzierung brachte die Newcomer der Montréaler Indie-Szene nicht nur einem breiteren nationalen Publikum näher, sondern wurde auch zum Impuls, ihren Sound weiterzuentwickeln und zu erweitern.
Das Ergebnis dieser Bemühungen lässt sich jetzt auf dem neuen Album „Something Out Of Nothing“ nachvollziehen. Die Band ist spürbar gereift und eingespielt, da scheint jetzt ein Rädchen ins andere zu greifen. Und so ist die neue Platte eine bunte, aber funktionierdende Mixtur, die sich aus dem orchestralen Groove von Serge Gainsbourg, den verletzlichen Melodien von Elliott Smith, den kosmopolitischen Rhythmen der Talking Heads sowie dem handgemachten R&B von Dijon speist. Durchzogen ist das Ganze von einer filmischen Ästhetik der 1970er-Jahre.
Album zweigeteilt
Der Clou: “Something Out Of Nothing” ist in zwei Teile gegliedert. “Songs to Listen to in a Standing Position“ und “Songs to Listen to in a Sitting Position“. Zwei Atmosphären, die zunächst gegensätzlich wirken, letztlich aber doch eng miteinander verknüpft sind. Ob in der Nacht vorwärtsdrängend oder im ersten Licht des Morgens zur Ruhe kommend – jeder Track ist aus demselben Stoff gewoben: Liebe, die durch Fürsorge lebendig wird.
So entfaltet sich das Album als zusammenhängende Erzählung. Die “Standing Position“-Songs feiern, wie uns Liebe in Bewegung versetzt, während die “Sitting Position“-Songs zeigen, wie sie uns trägt. Gemeinsam sollen sie an die Notwendigkeit von Bewegung und Stillstand erinnern, von Helligkeit und Tiefe – und daran, wie sich die Freude, die uns erhebt, und der Schmerz, der uns erdet, miteinander verbinden.
Das sind die Glanzlichter
Zu den Highlights der zehn Titel umfassenden Platte gehört sicherlich das vorab als Single veröffentlichte „KISSBURN“. Der Song funktioniert als Erzählung aus der Perspektive einer Person, die mit jemandem flirtet oder diese Person obsessiv verfolgt. Die Figur ist selbstbewusst, möglicherweise verführerisch, vielleicht überzeichnet – eventuell beides zugleich. Gemeinsam mit dem Stück “I Don’t Know“ eröffnet “KISSBURN“ das Album mit einer energiegeladenen, von Falsett-Chören und Wah-Wah-Gitarren geprägten Atmosphäre, die in eine Disco-Szenerie führt. Während “I Don’t Know“ die Perspektive einer Person einnimmt, die sich von den Annäherungsversuchen eines Fremden beinahe bedrängt fühlt, erzählt “KISSBURN“ aus Sicht des entschlossenen Gegenübers.
Auch der eingängige Titeltrack bleibt haften. Sänger und Bassist Loïc Calatayud-Sola beschreibt den Song als “eine Hymne für Introvertierte – man sieht jemanden, der sich scheinbar völlig frei durch die Welt bewegt, beneidet ihn dafür und möchte mit ihm sprechen, bringt aber kein Wort heraus. Im Kopf rast alles, aber nach außen kommt nichts.“ Über den Titel sagt er weiter: “Ich mochte die beiden Bedeutungen dieses Titels. Als Band haben wir etwas aus dem Nichts geschaffen. Wir haben unglaublich hart gearbeitet, hatten keine Kontakte und das hier war nicht unser Heimatland. Also war uns klar, dass wir etwas aus dem Nichts erschaffen mussten, um diese Musik möglich zu machen.“
Und sonst so?
Zu Herzen geht das persönliche “Orange Blossom“, eine Hommage an Calatayuds Urgroßmutter, die 101 Jahre alt wurde und deren Durchhaltevermögen ihn bis heute begleitet. “Burning Down the House“ verarbeitet eine Trennung und zählt laut Calatayud zu den schwierigsten Songs, die er bislang geschrieben hat. Die atmosphärisch dichte Komposition “Home“ entstand aus einer Phase existenzieller Zweifel, ausgelöst durch eine tägliche Pendelstrecke von insgesamt zweieinhalb Stunden, die in eine Identitätskrise mündete. Die spanischsprachige Folk-Ballade “Miedo de olvidar“ wurde durch das gemeinsame Gefühl aller drei Bandmitglieder inspiriert, ihre Mütter zu vermissen, die weit entfernt von Montreal leben.
Gefühlig ist auch das nostalgische Liebeslied “Quand vient le soir“. Eine durchaus atmosphärische Nummer, die die Band erneut von ihrer weichen Seite zeigt.
Einen Gegenpol zur rhythmischen Komplexität vieler Stücke bildet “Needed“, ein reduzierter, hypnotischer Song, der über fünf Minuten hinweg um eine wiederholte Textzeile kreist. Entstanden ist das Stück kollektiv während Bandmitglied Sergio D’Isanto eine schwierige Trennung verarbeitete. Für eine Band, deren Mitglieder sich 2020 noch kaum kannten, markiert der Song die inzwischen gewachsene enge Verbundenheit.
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