Kurz vor seinem 50. Geburtstag wird Toni Morrisons Familiensaga „Solomons Lied“ (1977) neu aufgelegt. Soeben ist der Roman-Klassiker bei Rowohlt Hardcover in einer Neuübersetzung von Tanja Handels und mit einem Nachwort der Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal erschienen.
Es ist ein Roman der Spuren hinterlassen hat. „Ich denke an ,Solomons Lied‘, wenn ich mir Menschen vorstelle, die Schwierigkeiten durchleben. Dass es nicht nur Schmerz gibt, sondern auch Freude, Ruhm und Geheimnisse“, sagt Barack Obama über das Buch, das er wiederholt als eines seiner All-Time-Favoriten bezeichnete. Ein Buch, das den ehemaligen US-Präsidenten nicht nur inhaltlich, sondern auch sprachlich beeinflusst hat. Wer genau hinhört, wird in Obamas sprachlicher Kadenz und Rhythmik auch ein bisschen Toni Morrison bildreiche Sprache heraushören. 2012 ließ er es sich nehmen, die Autorin mit der Presidential Medal of Freedom auszuzeichnen.
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Für Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison (1931 bis 2019) war „Solomons Lied“ der große Durchbruch. Es war nicht ihr Erstlingswerk, sondern ihr drittes. Zuvor waren bereits „The Bluest Eye“ („Sehr blaue Augen“, 1970) und „Sula“ (1974) erschienen, die von der Literaturkritik zwar beklatscht wurden, beim Publikum aber unter dem Radar flogen. Mit „Solomons Lied“ sollte sich das ändern.
Das Seelenleben junger Schwarzer Männer
In dem Buch wird die Geschichte einer afroamerikanischen Familie über mehrere Generationen hinweg erzählt. Alles beginnt mit dem Versicherungsmakler Robert Smith, der in einer namenlosen Stadt im US-Bundesstaat Michigan vom Dach eines Krankenhauses springt, weil er glaubt, fliegen zu können. Kann er nicht. Er stürzt in den Tod. Am nächsten Tag bringt Ruth Foster Dead in dem gleichen Krankenhaus das erste afroamerikanische Baby zur Welt, das dort je entbunden wurde: Macon Dead III, den später alle Milkman nennen. Er wächst zwar privilegiert, aber auch recht gelangweilt auf. Mit 32 erfährt er von seinem Vater von einem mysteriösen Familienschatz: Millionen von Dollar in Gold, versteckt in einer Hütte, die einst seiner Tante Pilate gehört hat. Milkman verlässt seine Heimat im Rust Belt und macht sich im Süden auf die Suche nach dem Schatz, findet aber auch Zugang zu seiner Herkunft, seiner Familiengeschichte und seinem eigenen Platz in der Welt.
„Solomons Lied“ ist ein kraftvoller, überaus vielschichtiger und komplexer Roman über Identität, Erinnerung, Rassismus, Familienerbe und die Sehnsucht nach Freiheit. Einer, der gerade danach schreit, mehrmals gelesen zu werden, weil man immer wieder Neues entdecken kann. Voll mit interessanten Figuren, durchringen von biblischen Motiven und brillanten Beobachtungen. Wer sich durch den langsamen Einstieg in den Roman nicht abschrecken lässt, wird auf jeden Fall belohnt.
Morrison, inspiriert von der afroamerikanischen mündlichen Überlieferungstradition, schrieb hier erstmals über das Seelenleben junger Schwarzer Männer. Das Buch war ihrem Vater gewidmet, nach dessen Tod sie mit der Arbeit daran begann. Wie aktuell und relevant er ist, kann man allein daran ablesen, dass er in diversen US-Schulen seit 1993 verboten ist.
Lesezeichen
Toni Morrison, „Solomons Lied“, mit einem Nachwort von Mithu Sanyal, Rowohlt Hardcover, 496 Seiten.
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