Eine so groß angelegte Tour hat Tori Amos seit einem Jahrzehnt nicht mehr gespielt. Grund für die Konzertreise: das neue Album „In Times Of Dragons“. Am Freitag war die Amerikanerin damit in Frankfurt.
Tori Amos nimmt es mit den Echsendämonen auf, die gerade die Welt beherrschen. Nein, keine Sorge: Weder der Autor dieser Zeilen noch die Künstlerin selbst sind dem Wahnsinn beziehungsweise Verschwörungstheorien anheimgefallen. Die „Echsendämonen“ sind eine Metapher, und man muss kein Detektiv sein, um zu erahnen, wer gemeint ist.
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Der 1. Mai war der Tag der Veröffentlichung von Tori Amos“ neuem Studioalbum „In Times of Dragons“. Es hat einen roten Faden: In 17 Songs erzählt es vom Kampf für die Demokratie und gegen die Tyrannei. Diejenigen, die die Grundmauern der Demokratie niederbrennen, sind in Toris Songs eben jene erwähnten Echsendämonen.
Bei Tori Amos hört man genau hin
Es gibt nur wenige Musikerinnen und Musiker, die bereits mehr als 30 Jahre im Geschäft sind und immer noch beständig Qualität abliefern. Tori Amos gehört dazu. Jene Frau, die Anfang der 1990er Jahre mit dafür gesorgt hat, dass das Singer-Songwritertum – das in den 1980ern dahinsiechte – eine Renaissance erfuhr, die bis heute anhält. Wenn Tori Amos etwas zu sagen hat, hört man genau hin.
Entsprechend voll war es am Freitagabend in der Frankfurter Jahrhunderthalle. Es ist ja auch ein Ereignis, Tori Amos einmal live auf einer so groß angelegten Tour zu erleben. In 17 Ländern tritt Amos bei dieser seit April andauernden Konzertreise auf; eine so ausgedehnte Headliner-Tour gab es seit rund zehn Jahren nicht mehr.
Nach so langer Zeit war das „Hallo“ natürlich groß. Als Amos die Bühne betrat – die Band war schon vollzählig versammelt –, gab es bereits Standing Ovations seitens des Publikums. Da hatte Amos noch keinen Ton gesungen oder gespielt. Frankfurt, das wurde schnell klar, war auf Liebe eingestellt – und bereit, mit Amos in den Kampf gegen die Dämonen zu ziehen.
Unprätentiöser Auftritt
Und lange ließ sich die Musikerin nicht bitten. Vier Songs aus dem neuen Album hatte Amos auf die Setlist gepackt, zwei davon direkt unter die ersten drei Lieder des Abends. So ein Album-Release-Tag ist für sie immer noch etwas Besonderes, selbst wenn es bereits ihr 18. Longplayer ist.
Obwohl die 62-Jährige maximal unprätentiös daherkam, umgab sie diese gewisse Aura, wie man sie nur bei den ganz Großen spürt. Neunmal war die Frau für den Grammy nominiert. Für Künstlerinnen wie Tori Amos wurde einst der Begriff „Wunderkind“ geprägt. Schon im Alter von zwei Jahren war sie in der Lage, erste Stücke auf dem Klavier zu spielen; mit drei Jahren soll sie bereits ihre ersten Songs komponiert haben. Mit fünf hatte sie ein Stipendium am Peabody-Konservatorium für Musik in Baltimore in der Tasche – als jüngste Studentin in dessen Geschichte überhaupt. Acht Jahre wurde sie dort in klassischem Gesang und Klavier ausgebildet, dann brach sie das Ganze ab, weil das Interesse an Pop- und Rockmusik am Ende doch größer war.
Jede Nacht ein neues Programm
Gut so: Sie hat der Welt ja so einige Song-Perlen geschenkt. 15 davon waren in Frankfurt zu hören, Amos ritt mit dem Publikum einmal quer durch den eigenen Backkatalog. So gab es beispielsweise ein Wiederhören mit „Crucify“ und „Winter“ vom ersten Amos-Album „Little Earthquakes“; auch die Nullerjahre waren gut vertreten. Ganz im Gegensatz zu den bis dato letzten Amos-Alben „Ocean to Ocean“ (2021) und „Native Invader“ (2017), die gar nicht vertreten waren. Das muss aber gar nichts über das Verhältnis von Amos zu diesen beiden Arbeiten aussagen. Im Gegensatz zu vielen anderen Künstlerinnen und Künstlern, die während einer Tour Abend für Abend dasselbe Set spielen, würfelte Amos den Fahrplan auf dieser Tour für jedes Konzert kräftig durch.
Keine Nacht glich der anderen – eine Herausforderung für sie, aber auch für ihre Bandmitglieder Jon Evans (Bass), Ash Soan (Schlagzeug) sowie Liv Gibson, Deni Hlavinka und Hadley Kennary (Backgroundgesang). Eine Herausforderung, der diese jedoch gewachsen schienen. Auch in Frankfurt machte die Kapelle ihre Sache hervorragend.
Knapp zwei Stunden stand Amos auf der Bühne. Oder besser: Sie saß – und zwar zwischen einem Keyboard und ihrem Bösendorfer-Piano, die sie dann und wann gleichzeitig bediente. Am Ende spendierte sie noch zwei Zugaben: „God“ vom zweiten Album „Under the Pink“ (1994), dann das große Rad: „Big Wheel“ aus dem Album „American Doll Posse“ (2007). Danach war Schicht im Schacht. Will heißen: kein „Cornflake Girl“. Amos“ wohl bekanntester Hit blieb im Reisekoffer. Der Stimmung in der Halle hat das aber keinen Abbruch getan.
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