Sie war nicht ganz voll, aber trotzdem gut besucht, die Mannheimer SAP-Arena, als der US-amerikanische Gitarrist und Sänger Joe Bonamassa dort am Mittwoch aufschlug. Der 48-Jährige machte dabei nicht viel Gewese, sondern fokussierte sich auf das Wichtigste: die Musik.
Wenn es um Künstler und gelungene Eigenvermarktung geht, kommen einem normalerweise zuerst Kiss in den Sinn. Die Hard-Rocker hatten seinerzeit das Merchandising-Game durchgespielt, in der Hochphase sollen mehr als 3000 verschiedene Artikel über den Shop der New Yorker erhältlich gewesen sein. Fans der Band konnten nicht nur wie bei Otto Normalkünstler in olle T-Shirts schlüpfen, sondern auch in Kiss-Kondome (wenn es gerade mal besonders gut lief) oder im Kiss-Sarg ihre letzte Ruhe finden (wenn es gerade mal besonders schlecht lief).
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So extrem mag es bei US-Gitarrist Joe Bonamassa nicht sein, aber auch sein Online-Shop ist gut bestückt. So gut, dass ihm so mancher einen Hang zur Kommerzialisierung vorwirft. Ist das noch Blues, wenn man ihn im teuren Anzug auf einem Kreuzfahrtschiff darbietet? Oder ein Luxus-Hochglanz-Produkt? Macht einer wie Bonamassa Musik für reiche Leute? Vorwürfe, denen sich der Musiker im Netz häufig ausgesetzt sieht.
Minimalismus im Bühnenbild
In Mannheim spürte man nicht unbedingt, warum. Das Publikum wirkte jetzt auch nicht zwingend wohlhabender als bei anderen Konzerten von Künstlern dieser Altersklasse. Der eine oder andere, so munkelt man, soll sogar mit öffentlichen Verkehrsmitteln angereist sein.
Auch die Bühnenshow von Joe Bonamassa vermittelte nicht unbedingt den Eindruck, dass da mit Geld nur so um sich geworfen wurde. Sicher, die Musiker und Background-Sängerinnen wollen bezahlt werden, aber auf allzu viel Tamtam, das große Chichi, unnötigen Zierrat also, verzichtete Bonamassa. Es gab keinen Videoscreen, keine besonderen Lichteffekte, keine Pyrotechnik. Fast intim mutete die Atmosphäre an. Wäre das Zuschauerrund nicht so groß gewesen, hätte man meinen können, man befände sich in einem Blues-Schuppen und gleich geht der Hut rum. Selbst mit Worten war Bonamassa vor allem zu Beginn des Konzerts sparsam.
Der Mann konzentrierte sich in der Quadratestadt auf Wesentliche. Die Musik. Und seine Gitarre. Mit dem Instrument ist der Amerikaner schon früh eine innige Liebesbeziehung eingegangen. Mit vier Jahren hörte er schon Stevie Ray Vaughan. Und bereits mit zwölf Jahren griff Bonamassa dann selbst so gut in die Saiten, dass er im Vorprogramm von Blues-Legende B.B. King auftreten durfte, der ihm zugleich Potenzial beschied, mal selbst zur Legende werden zu können.
Vom britischen Blues geprägt
Maßgeblich geprägt war Bonamassa immer von der britischen Idee des Blues. In der Mannheimer Setlist schlug sich das allerdings nur eingeschränkt nieder. Mit Freddie King („Pack It Up“), Delaney & Bonnie („Well, Well“), Kenny Neal („If Heartaches Were Nickles“) und Bobby Parker („It’s Hard But It’s Fair“) wurde vor allem amerikanischen Kollegen gehuldigt. Auf die britische Vorliebe verwiesen immerhin die Cover von Rory Gallagher („A Million Miles Away“) und Free („Walk In My Shadow“).
Ob nun beim Spielen der Cover oder dem Vortragen von eigenem Material: Künstler und Band waren mit immenser Spielfreude unterwegs. Im Grunde wurde jeder Song mit einem ausufernden Gitarrensolo garniert, manchmal waren es sogar zwei. Erfrischend in Zeiten, in denen das Gitarrensolo ja schon mehrfach ausgestorben schien. Bei Bonamassa hat es dankenswerter nicht nur einfach Puls, sondern beste Vitalwerte.
Das Publikum war über die kompletten zwei Stunden in bester Stimmung. Besonders gut war diese bei der Zugabe: „Mountain Time“. Da hielt es die Zuschauer auch nicht mehr auf den Sitzen, zumindest die Fans im Innenraum standen hier jetzt, teils dicht gedrängt vor der Bühne, um dem Meister wenigstens für einen Moment ganz nah zu sein. Ein magischer Augenblick. Nicht der einzige an diesem Abend, der vor ehrlicher, authentischer Musik nur so strotzte. Da trug der eine oder andere sein Geld doch gerne nach der Show zum Merchandising-Stand.
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