Ahoi! Die Shanty-Rocker von Santiano haben am Samstagabend wieder in Mannheim festgemacht. In der gut besuchten, aber nicht vollständig ausverkauften SAP-Arena setzten die Nordlichter ein musikalisches Zeichen für Liebe und Freiheit.
Mit US-Superstar Billie Eilish ging es 2024 los. Dann folgten Top-Namen wie Ed Sheeran, The Lumineers, Laufey oder A$AP Rocky. Die Rede ist von der Serie „Amazon Music Songline“, einer Mischung aus Doku und Performance. Künstler werden dafür in ein intim wirkendes Setting eingeladen, um ihre Songs neu zu arrangieren und zu interpretieren; das wird filmisch begleitet und mit Interviews sowie Einblicken hinter die Kulissen garniert.
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Besser als Taylor Swift
Auch in Deutschland ist das Format in diesem Jahr gestartet, und angesichts der großen Namen, mit denen Amazon das Ganze bisher auf die Beine gestellt hat, ist es schon eine Art Ritterschlag für Santiano, dass sie für den deutschen Markt als Türöffner auserkoren wurden.
Spätestens auf den zweiten Blick ist das aber nicht so überraschend. Denn die Nordlichter versprechen Glanz und Gloria, haben sozusagen eine eingebaute Erfolgsgarantie. Immer wenn die Seebären etwas veröffentlichen, grüßen sie hernach von Platz eins der Charts. Erst im Oktober 2025 war das wieder so: Santiano brachten ihr neues Album „Da braut sich was zusammen“ auf den Markt, und für das neunte Nummer-eins-Album der Shanty-Rocker in Serie musste selbst Taylor Swift den Platz an der Sonne in den deutschen Charts räumen. Klar, dass man mit einer Band, die eine solch treue Fanschar hat, dann auch gerne ins Geschäft kommt.
Band mit Haltung
Der Erfolg der Kapelle aus Schleswig-Holstein ist umso bemerkenswerter, als dass sie mit ihrer politischen Einstellung nicht hinterm Berg hält: Sie stellt sich dem Rechtsruck in der Gesellschaft entgegen – sowohl in ihren Songs als auch in den Ansprachen, die Frontmann Björn Both zwischen den einzelnen Nummern auf der Bühne hält. Das war auch in Mannheim nicht anders. Immer wieder rührte Both die Werbetrommel für die Liebe und einen Freiheitsbegriff, der nicht nur die eigene Freiheit in den Fokus rückt, sondern auch die der anderen. Santiano-Songs sind zwischen den Zeilen oft politisch, manchmal aber auch ganz plakativ, wie etwa in „Nie wieder Krieg“, einer Nummer aus dem jüngsten Album „Da braut sich was zusammen“. Ein Song, der sich gegen Kriegstreiber und Despoten richtet – auch gegen den „orangefarbenen Pavian, der gerade komplett durchdreht“ (O-Ton Both). Ausdrücklich nicht gegen jene, die sich nur verteidigen, wie Both noch einmal unterstrich.
Natürlich wissen er und seine Mitstreiter, dass sie bei ihrem Publikum hauptsächlich vor Bekehrten predigen. Darüber, dass ihre Botschaften auch darüber hinaus verfangen, machen sich Santiano keine Illusionen. Die naturgemäß begrenzte Wirkmacht ihrer Botschaften nahm Both selbstironisch aufs Korn, als er den Titelsong des jüngsten Albums „Da braut sich was zusammen“ ankündigte: „Den haben wir vor der letzten Bundestagswahl aufgenommen. Die Message ist durchgedrungen, wir haben unheimlich viele Menschen damit erreicht“, ulkt Both, um dann hinterherzuschieben: „Natürlich alles Quatsch. Es ist eine Vollkatastrophe.“
Neue Platte selbstbewusst eingebaut
Stichwort „neues Album“: Während andere Bands, die gerade eine neue Platte herausgebracht haben, neue Stücke auf der Setlist verschämt zwischen den Klassikern verpacken, wegen denen die Zuschauer ja eigentlich gekommen sind, ist das bei Santiano anders. Knapp ein Drittel der Setlist, genauer: neun Songs, wurde mit Nummern von der neuen Platte bestritten. Will heißen: „Da braut sich was zusammen“ wurde zwar nicht in Gänze gespielt, aber weit davon entfernt war man nun auch nicht. Mit „Tanzen wie die Teufel“ wurde die Show gar eröffnet.
Diese Breitbeinigkeit, dieses Selbstbewusstsein kann sich die Gruppe auch leisten. Die neuen Tracks können neben den Klassikern bestehen; Songs wie „Dann bin ich weg“ oder „Ekke Nekkepenn“ gehörten zu den Glanzlichtern des Abends.
Musikalisch boten Santiano ihre gewohnte Mischung aus Shanty, Rock, Folk, Pop und Schlager und bewiesen, dass sie es amtlich krachen lassen können („Wenn die Kälte kommt“, „Gott muss ein Seemann sein“), aber auch die ruhigeren Töne problemlos beherrschen („Land of Green“). Das Publikum fraß den Seemännern aus der Hand, ließ sich auch vom visuellen Spektakel beeindrucken, das Santiano neben dem musikalischen veranstalteten. Die Band ließ sich nicht lumpen, bot alles von Gold- und Funkenregen über aufsteigende Flammen bis hin zum explosionsartigen Knalleffekt.
Einseitige Liebe
Etwas mehr als zwei Stunden dauerte die Party mit Santiano, 30 Songs standen auf der Setlist – inklusive der drei Zugaben: „Santiano“, „Mädchen von Haithabu“ und, begleitet von einem Handylichtermeer und einem textsicheren Publikumschor, das gefühlige „Hoch im Norden“.
Gemessen an der Stimmung muss man sagen: Mannheim und musikalische Geschichten über das Meer, das scheint eine Liebesbeziehung zu sein. Dabei warnte Both: „Eine Liebesbeziehung zum Meer ist immer einseitig. Das Meer liebt dich nicht zurück. Wenn du da draußen bist, zeigt es dir, wo dein Platz ist. Es lehrt dich Demut.“ Vielleicht erbarmt sich ja mal ein Kapitän und lässt den ominösen „orangefarbenen Pavian“, von dem Both da sprach, eine Runde mitschippern.
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