Den gebürtigen Schweizer und Wahlwiener David Howald mögen die meisten als Kopf der Alternative-Rock-Formation Werckmeister kennen. Unter dem Eindruck der breit angelegten Soundwelt von Werckmeister, arbeitete Howald die vergangenen Jahre parallel an einer Sammlung von reduzierten Songs. Einen Teil davon finalisierte er zusammen mit dem Stuttgarter Produzenten und Klangkünstler Ralv Milberg, der vor allem im deutschen Post-Punk-Bereich der letzten Jahre, etwa mit Die Nerven Akzente gesetzt hat. Dabei ist das Album „Der Narr“ entstanden, das im Februar erschienen ist. Reinhören lohnt sich – und reinschauen. Und zwar in diese My-Soundtrack-Episode, die wir mit Howald auf die Beine gestellt haben.
The Velvert Underground – „Pale Blue Eyes“
Dieser Song (und wie er aufgenommen ist) hat mir wie kaum ein anderes Stück Musik gezeigt, welche Kraft in der Fragilität liegen kann.
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„Pale Blue Eyes“ hört sich an wie das leer gewaschene Skelett des Rock ’n‘ Rolls. Die Atmosphäre, in welcher das Lied aufgenommen ist, trieft aus den Lautsprechern, wenn man es abspielt (was ich zeitweise im stundenlangen Loop mache). Die Gesten in Gesang und Melodie sind zögerlich, teilweise gar nur in Anbetung vorhanden und trotzdem, oder gerade deswegen, unerschöpflich und absolut erhaben. Vermutlich war Lou Reed nicht mal bewusst, was für einen Jahrhundert-Song er damit geschrieben hatte: Er singt „Pale Blue Eyes“ wie jede andere Nummer, die er innerhalb von zehn Minuten geschrieben hat. Was das Ganze nur noch unglaublicher macht.
Björk – „Jóga“
Vielleicht eines der emotional intensivsten Lieder überhaupt. Es hat mich immer schon bis auf die Knochen durchgeschüttelt und mich vor mir selbst für kurze Momente transparent gemacht. Es gibt Live-Versionen davon, wo Björk es lediglich von einem Streich-Quartett begleitet singt. In dieser Reduktion kommt zur Geltung, auf welch geniale Art das von Björk geschriebene Streicher-Arrangement symbiotisch mit dem Gesang ist und was für ein Übersong „Jóga“ auch ohne Elektronik schon ist. Die Krönung davon ist aber die offizielle Produktion des Tracks, wie er auf dem Album „Homogenic“ zu hören ist: Wo die Streicher mit Industrial-Sounds kollidieren und eine schier unerträgliche Tiefe und Schönheit entsteht.
Yeah Yeah Yeahs – „Soft Schock“
Es gibt kaum Tage, an welchen ich nicht Lust darauf hätte, dieses Lied zu hören. Ein elektronisch angehauchtes Lullaby, das irgendwie ein Gefühl trifft, welches so in keinem anderen Stück Musik getroffen wird. Der Gesang von Karen O ist unnachahmlich. Die Synths und der Beat sind sehr toll und organisch mit den Gitarren verwoben. Und dann sind da noch diese fernöstlichen Harmonien, die bei den Yeah Yeah Yeahs oft auf so verblüffende Art vorhanden sind. „Soft Schock“ beweist, dass man glückliche und verspielte Musik machen kann, die gleichzeitig tief geht und steht als Vorbild für meine eigenen Versuche, etwas Ähnliches zu schaffen.
Madrugada – „A Deadend Mind“
Von dieser norwegischen Band, deren Gitarrist leider viel zu jung verstorben ist, taucht so mancher Song unter meinen Lieblingen auf. Ich nehme hier „Dead End Mind“ weil es in seiner einsamen, fast asketischen, nordischen Atmosphäre bezeichnend ist für das Album „The Nightly Disease“, welches ich für den Höhepunkt Madrugadas Schaffen halte. Der Gesang von Sivert Høyem ist nicht von dieser Welt und das Gitarrensolo am Ende – bei dem jede Note in Herz trifft und dann absinkt, wie ein einsamer Stein umhüllt vom unermesslichen Raum des Ozeans – einer der wenigen Gitarrenmomente in der Geschichte des Rock ’n‘ Rolls, bei welchen ich mir wünsche auf diesem Instrument besser Sprechen zu lernen.
Bohren & der Club of Gore – „1“
Eine abgrundtiefe Meditation, die mir als ich sie zum ersten Mal hörte, all meine Hörgewohnheiten niederriss und obsolet machte. Obwohl in den fast dreiundzwanzig Minuten, die der Track dauert, oberflächlich betrachtet kaum was passiert, passiert in jeder Sekunde dieses Stücks jede Menge. Obwohl meine eigene Musik sehr stark von Text und Sprache geprägt ist, hatte dieses, zusammen mit ein paar anderen Instrumetal- und Ambient-Stücken, immer einen ganz besonderen Platz an meinem Tisch und einen nicht zu bestreitenden Einfluss auf das, was ich mache. Mit meiner ersten Band (Tranqualizer) pflegten wir diesen Bohren-Track bei Konzerten, bevor wir die Bühne betraten, ab Band zu spielen, um das Publikum in eine Art Hypnose oder hypnotische Bereitschaft zu versetzen.
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