Das Literaturfestival Feelit in Heidelberg geht diese Woche in die vierte Runde. Benjamin Fiege fragte Jagoda Marinić, ob der Imagewandel gelungen ist und fragte, wie sicher die Zukunft der Feelit ist, die dieses Jahr deutlich gekürzt daher kommt.
Frau Marinić, 2023 ist das Feelit-Literaturfestival als Nachfolger der Literaturtage gestartet. Damals sind Sie mit dem Ziel angetreten, dem Ganzen ein jüngeres Image zu verpassen. Ist das gelungen?
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Im Projektmanagement-Sprech würde man wohl sagen: Wir haben unsere Ziele übererfüllt. Es ging ja darum, auch ein jüngeres Publikum zu gewinnen. 50 Prozent unserer Besucher sind mittlerweile junge Leute, also vom Schul- bis Studierendenalter. Eine Strategie dabei war, die Ticketpreise gerecht zu gestalten und an Gruppen zu richten. Es gibt zum Beispiel Kombi-Tickets für WGs. Auch insgesamt ist der Zuspruch hervorragend, wir hatten im vergangenen Jahr 12.000 Besucher – so viele wie noch nie.
Vergangenes Jahr ist das Festival aus dem historischen Spiegelzeit in die Halle 02 umgezogen. Ging es da darum, einen niederschwelligen Besuchsanreiz für junge Leute zu schaffen? Sonst finden da ja eher Partys statt.
Das war ein Gedanke bei der Location-Wahl. Aber der eigentliche Grund, aus dem Zelt rauszugehen, war, das Festival günstiger zu gestalten. Die Kommunen müssen sparen und so mussten wir der Verwaltung ein Angebot machen, wie wir die Kosten reduzieren. Das war auf der einen Seite ein Verlust an Tradition, auf der anderen Seite hat es uns neue Räume und Möglichkeiten eröffnet. Etwa, größere Namen nach Heidelberg zu bekommen. Denn die Halle 02 fasst deutlich mehr Besucher als das Zelt. Wir sind durch den Wechsel der Location im Wettbewerb um Autoren, die wenige Städte besuchen, wieder interessant geworden.
Weniger Wasserglas, mehr Debatte
Das „Feelit“-Festival hat ein einen internationalen Schwerpunkt, die Literaturtage hatten einen regionalen. Die Heidelberger Literaturszene befürchtete am Anfang, hinten runter zu fallen. Ist sie mittlerweile besänftigt?
Historisch war das Festival immer sehr international, als der Verleger Manfred Metzner es gründete, war das Ziel, die Welt nach Heidelberg zu holen. Ich denke , wir haben in Heidelberg an die Tradition angeknüpft und auch konstruktive Lösungen für die regionale Szene gefunden. Die regionalen Akteure präsentieren sich beim Festival „Heidelberger Herbst“. Das regionale Festival wurde vom Gemeinderat gestärkt, wird nun auch institutionell gefördert, findet zu einem guten Zeitpunkt statt und wird gut besucht. Auf unserem Festival werfen wir auch Schlaglichter auf die regionale Szene, weisen auch auf den Heidelberger Herbst hin. Doch unsere Aufgabe bei „Feelit“ ist es, die internationalen Autorinnen und Autoren herzulocken, mit den meistdiskutierten Büchern des Landes. Es gibt keine Doppelstruktur, die beiden Festivals ergänzen sich in meinen Augen gut. Das ist ein Gewinn für alle.
Das „Feelit“ hat von Beginn an weniger auf die klassischen Wasserglas-Lesungen gesetzt und sich als Debattenforum aufgestellt.
Da liegen wir im bundesweiten Trend. Das Publikum scheint das Bedürfnis zu haben, die Autoren über ihre Bücher reden zu hören. Das erleben auch andere Festivals. Die Wasserglas-Lesung kann zwar sehr schön und sinnlich sein, aber die meisten Menschen suchen derzeit andere Reize. Es interessiert viele, den Autor hinter dem Buch zu erleben, vor allem, wenn dieser mit einem qualifizierten Gesprächspartner zusammentrifft. Es wird heute leider viel zu wenig über Bücher gesprochen. Das Angebot unterbreiten Festivals wie unseres.
Auch das Publikum darf Fragen stellen?
Ja, das ist mittlerweile 50/50. Wir können das aufgrund der Größe der Veranstaltungen nicht immer anbieten. Bei 600 Leuten im Publikum kommt keine echte Gesprächsatmosphäre auf. Das vermissen einige der alten Zeltgänger, weil es im Zelt gemütlicher war. Aber dafür signieren die Autoren ihre Bücher, da gibt es Gelegenheit, ein paar Worte zu wechseln. Bei den kleineren Veranstaltungen gibt es die Fragerunden noch. Bundesweit sind solche Fragerunden mittlerweile eine Seltenheit auf Festivals, wir sind eine Mischform.
Politische Relevanz und literarische Ästhetik
Wie wählen Sie die Autoren und Autorinnen aus? Viele Bücher, die vorgestellt werden, haben politische Relevanz. Liegt da eher der Schwerpunkt als auf der literarischen Ästhetik?
Nein, im Programm der feeLit gibt es diese Gegenüberstellung nicht. Wenn ich da etwa Miljenko Jergovic als Beispiel anführen darf, ein hochpolitischer Mensch, der mit seinen Romanen regelmäßig als Nobelpreis-Kandidat gehandelt wird. Es ist ein Irrglaube, dass politische Themen nicht in Form von literarisch hochkarätigen, ästhetischen Erzählungen und Romanen umgesetzt werden könnten. Auch Künstler leben ja nicht isoliert von den Geschehnissen in der Welt. Sie versuchen, mit literarischen Mitteln mit diesen zurechtzukommen. Politik und Literatur geht zusammen. Am Ende entscheidet die Qualität. Das Edgar-Allen-Poe-mäßige Schreiben ist so heute kaum mehr möglich, dafür werden wir alle zu sehr zerrieben von der Nachrichtenlage.
Die aktuelle „Feelit“-Ausgabe steht unter dem Motto „Freedom Fries“.
„Freedom Fries“ bezieht sich natürlich auf George W. Bush und seine damals gegen Frankreich gerichtete Kampagne: In USA heißen Pommes ja French Fries. Als die Franzosen nicht mit ihm in den Irakkrieg ziehen wollten, benannte er sie aus Wut darüber in „Freedom Fries“ um. Dieses Sprachspiel zeigt den Machtgestus der USA gegenüber Europa, das fing ja nicht erst mit Trump an, auch wenn es mit ihm krasser wurde. „Freedom Fries“ zeigt, dass da viele Autoren sind, die sich mit Stoffen beschäftigen, die Freiheitsdebatte für Europa bedeuten, etwa Jury Andruchowytsch.
Das Spielerische im Motto muss wohl in der Luft liegen: Ich habe mit dem neuen Intendanten der Volksbühne, Matthias Lilienthal, gesprochen, der zum Start auch einen Pool und eine Pommes-Bude vor die Volksbühne gestellt hat. Es gibt offenbar so ein Bedürfnis, die angebliche Hochkultur als Tempel zu entweihen. Jörg Immendorf hat diesen großartigen Satz geprägt, die Kunst muss zur Kartoffel werden. Etwas, das zum Alltag dazu gehört.
Gibt es einen Programmpunkt, einen Autoren, auf den Sie sich besonders freuen? Oder dürfen Sie das nicht verraten, weil die anderen dann nicht wieder kommen?
Natürlich darf ich meine Lieblinge haben, liebe aber wie eine Mutter ihre Kinder alle meine Gäste (lacht). Das Programm ist aber nicht automatisch Spiegelbild meines persönlichen Geschmacks. Ich versuche Gäste zu finden, von denen ich hoffe, dass sie mein Publikum inspirieren. Es gibt viel zu entdecken. Persönlich freue ich mich sehr auf Miljenko Jergovic und Barbi Markovic. Jergovic hat viel für die Vermittlung und Übermittlung der Literatur aus dem ehemaligen Jugoslawien getan. Auch auf Miriam Davoudvandi bin ich gespannt, da sie „Armut in Familien“ und „sozialen Aufstieg“ zum Thema macht. Es gibt eine eigene Festival-Schiene, in der über Armut und soziale Durchlässigkeit nachgedacht wird. Auch Tomer Gardi stößt mit „Liefern“ in diese Richtung.
Nach Habeck kommt Kretschmann
Mit Winfried Kretschmann kommt im zweiten Jahr in Folge ein Grünen-Politiker. Beim letzten Mal war es Robert Habeck. Drängt da die Kommunalpolitik nicht darauf, dass da bitteschön ein CDU-,SPD- oder FDP-Mann beim nächsten Mal zu sitzen hat?
(lacht) Bislang noch nicht. Da ist Heidelberg liberal genug, mir als künstlerischer Leiterin freie Hand zu lassen. Ich suche mir den Gast ja auch nicht anhand seiner Partei, sondern aufgrund von Kriterien aus. Wenn jetzt Manuel Hagel, der CDU-Mann, der in Baden-Württemberg gegen Cem Özdemir angetreten ist, ein Buch in der Qualität schreibt, wie es nun Kretschmann gelungen ist, und wenn Hagel dann auch noch in der selben Qualität über Hannah Arendt erzählen könnte wie Kretschmann, würde ich auch ihn einladen. Oder einen Olaf Scholz. Mir geht es bei dem Festival auch darum, dass wir wieder eine Konsensfähigkeit im öffentlichen Raum erlernen. Kretschmann steht dafür. Bei seiner Verabschiedung aus dem Amt war wirklich jeder da, von Horst Seehofer bis Angela Merkel. Mir geht es da weniger um seine Prominenz an sich. Die Qualität seines Wirkens ist hier die Eintrittskarte gewesen.
Sind die 12.000 Zuschauer vom Vorjahr jetzt die Benchmark?
Nein, schon allein deswegen nicht, weil das Festival ja aus Sparzwängen halbiert wurde. Es sind nicht mehr zehn Tage, sondern vier. Wir werden nicht mehr so vielen Bürgern das Angebot machen können, ihre Autoren zu erleben, das tut natürlich weh, nach dem was wir aufgebaut hatten.
Wie sicher ist denn das Fundament, auf dem das Festival in Zukunft steht?
Der Stadt geht es zwar finanziell nicht gut, es muss gespart werden, aber ich sehe schon das Signal, dass der Wert des „Feelit“-Festivals erkannt wird. Gerade auch dank der Besucherzahlen. Die Stadt hat ja Ambitionen, will europäische Kulturhauptstadt werden, ist nach wie vor Unesco City of Literatur, da machte es wenig Sinn, mühevoll aufgebaute Strukturen nicht zu pflegen. Nachhaltig ist es auch nicht. Schon dieses Mal gingen die Kürzungen an die Substanz, aber das Land ist eingesprungen, hat uns geholfen, internationale Abende umzusetzen. Auch private Geldgeber sind dieses Jahr eingesprungen, das Festival zu retten, weil sie wichtig finden, dass den Bürgern in Heidelberg auch internationale Literatur vorgestellt wird. Sie schauen aber genau darauf, dass die Politik sich nicht aus der Verantwortung zieht und Kultur in harten Zeiten verschwindet.
Zur Person
Jagoda Marinić, Jahrgang 1977, ist Schriftstellerin, Kolumnistin und Podcasterin. Sie wurde am 20. September 1977 als Kind kroatischer Einwanderer in Waiblingen (bei Stuttgart) geboren. In ihrer Wahlheimatstadt Heidelberg leitete sie von 2012 bis 2023 das Interkulturelle Zentrum. 2023 übernahm sie die künstlerische Leitung des Internationalen Literaturfestivals.
Info
Die Feelit steigt vom 2. bis zum 5. Juli in der Halle 02 in Heidelberg. Das komplette Programm ist auf feelit.de zu finden.
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