Die Toten Hosen biegen auf die Zielgerade ein. Die Zeichen stehen auf Abschied für die Düsseldorfer Punkrocker. In Frankfurt wurde aber am Samstag noch mal ausgiebig die fast 45-jährige Bandgeschichte gefeiert.
Aufhören, wenn’s am schönsten ist. Was schon im wahren Leben nur selten gelingt, ist für Bands noch einmal eine ganz besondere Herausforderung. Wer zieht schon gern den Stecker, solange einem die Leute noch zuhören und zu Zigtausenden im Stadion zujubeln? Und so kann man durchaus verstehen, dass die Hosen mit sich gerungen haben. Doch die Ansage ist raus, das Ende Mai veröffentlichte Album „Trink aus, wir müssen gehen!“ soll das letzte sein.
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Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Neun Jahre sind seit dem Vorgänger-Album „Laune der Natur“ vergangen, gemeinsam ins Studio zu gehen, hatte in der letzten Dekade offensichtlich nicht mehr oberste Priorität bei den Hosen, sieht man mal von einer Cover-Platte in der Corona-Zeit ab. Würde die Band in dem Rhythmus weitermachen, käme die nächste Platte, wenn die Hosen-Mitglieder die große 70 geknackt hätten. Ein Alter, in dem gesundheitlich nichts garantiert ist und die Band, das verriet sie im „Rolling Stone“-Interview, hätte schon gerne Kontrolle darüber, was denn nun die letzte Platte gewesen sein soll. Eine derart wichtige Frage sollte nicht die Natur beantworten. Und dann beantwortete sie eben Campino, auch wenn das dem Rest der Band zunächst nicht wirklich schmeckte.
Neue Prioritäten
Aber: Campinos Lebensprioritäten haben sich verschoben. Er ist erneut Vater geworden. Wann wäre also ein besserer Moment, Lebewohl zu sagen als jetzt? Auch wenn’s weh tut. Als die Aufnahmen für das finale Album abgeschlossen waren, war Campino sichtlich angefasst, was man in einer ARD-Doku zum Album sehen konnte: „Ich fühle mich wie verprügelt“.
Also sind die Hosen jetzt auf Irgendwie-Abschiedstournee, die Termine für 2026: alle ausverkauft. Auch der Deutsche Bank Park in Frankfurt. Sicher, es lag schon eine gewisse Sentimentalität in der Luft, die Bedeutung dieser Tour war dem Frankfurter Publikum natürlich bewusst. Es war nun aber auch nicht so, dass sich Zuschauer und Band, übermannt vom Abschiedsschmerz, ständig die Tränen aus den Augen wischen mussten. Das wussten die Hosen zu verhindern, indem sie es nicht zu gefühlig werden ließen. Über weite Strecken hat es „geballert“, wie Campino sagen würde.
Los ging es direkt mit „Opel-Gang“ aus dem gleichnamigen Debütalbum, danach rockten sich die Hosen kreuz und quer durch ihren umfangreichen Backkatalog. Die neue Platte „Trink aus, wir müssen gehen!“ war mit acht Songs dabei am häufigsten vertreten. Das noch taufrische Material konnte neben den Klassikern bestehen, Lieder wie „Schicksal“, „Schlechte Nachbarn“ und „Was früher einmal war“ kommen live sogar noch besser als auf Platte. Besonders stark aber: „Was ist mit uns los“. Ein Lied, das sich der permanenten Unzufriedenheit und Frustration in diesem Land widmet, ein treffender Kommentar zur Zeit.
Tribut an verstorbene Freunde
Der emotionalste Moment des Konzerts hatte gar nichts mit dem Abschied der Hosen zu tun, nein, da ging es vielmehr um persönliche Verluste. Den Song „Nur zu Besuch“ widmete Campino dem überraschend verstorbenen, langjährigen Chef und Mitbegründer des Frankfurter Kult-Clubs Batschkapp, Ralf Scheffler. Die Batschkapp trat als Veranstalter des Konzerts auf, mit dem Club verbindet die Hosen eine lange Geschichte. „Anfang der 1980er Jahre haben wir beinahe gebettelt, in der Batschkapp spielen zu dürfen. Da war man erst nicht so überzeugt, irgendwann kam dann aber ein Konzert zustande. Es entwickelte sich eine Partnerschaft, die bis heute anhält“, so Campino. Die Nummer ging unter die Haut.
Dramaturgisch perfekt schloss an den Song die Durchhalte-Hymne „Steh auf, wenn du am Boden bist“ an, sie hob die Stimmung nach der gefühligen Nummer wieder an. Denn auch wenn es ein paar dieser ruhigen Momente hatte, wollten die Hosen schließlich vor allem für Abriss und Ausnahmezustand sorgen.
Der Hitze getrotzt
Stichwort Ausnahmezustand. Der herrschte auch ob der Hitze am Samstagabend. Bei Temperaturen in Hessen von um die 40 Grad war nicht nur auf der Bühne Durchhaltevermögen gefragt, sondern auch davor. Der Veranstalter hatte extra das Dach geschlossen, der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) hatte sein Personal nochmal aufgestockt und mehr Fahrzeuge als sonst vor Ort. Campino warf immer wieder Wasserflaschen in die Menge. Ihm nötigten die hitzetrotzenden Zuschauer Respekt ab: „Wahnsinn, was ihr hier abreißt. Das werden wir euch nicht vergessen.“ Aber auch die Band ließ sich die Hitze nicht anmerken, die Energie der Kapelle war und ist beeindruckend.
Den größten Jubel zogen an diesem Abend natürlich die Klassiker auf sich. „Altes Fieber“, „Bonnie & Clyde“, „Tage wie diese“, „Alles aus Liebe“, „Hier kommt Alex“ und „Eisgekühlter Bommerlunder“ waren die großen Publikumsfavoriten. Zweieinhalb Stunden heizten die Toten Hosen dem Publikum ein, allein der Zugabenteil umfasste neun Songs (!). Dafür hatten die Hosen aber auch die eine oder andere Überraschung in den Encore-Part gepackt. Etwa das Ärzte-Cover „Schrei nach Liebe“ als Respektsbekundung für die einstigen „Rivalen“. Und den Gast-Auftritt von Marteria, der mit der Band „Welt der Wunder“ performte. Wahrscheinlich hätten die Hosen noch stundenlang weiterspielen können. Aber, und das wissen sie ja, man sollte aufhören, wenn es am schönsten ist. Wer’s verpasst hat: In Mannheim hat man am 17. Juni 2027 übrigens nochmal Gelegenheit, Goodbye zu sagen.
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