Musiker aus Australien haben es mitunter nicht leicht, außerhalb des Kontinents Fuß zu fassen, denn die Wege ins Ausland sind grundsätzlich weit. Das australische Geschwister-Duo Angus & Julia Stone hat es aber geschafft und überzeugt nun schon seit fast 20 Jahren mit ihrer Mischung aus Folk und Indie-Pop – und das auch international. Demnächst kommen die beiden auch wieder für drei Konzerte nach Deutschland. Vor den Auftritten sprach Benjamin Fiege mit Julia Stone über das neue Album „Karaoke Bar“, das im September erscheint, die Zusammenarbeit mit ihrem Bruder und darüber, wie die beiden ihre vielen Nebenprojekte mit dem Duo-Dasein unter einen Hut bekommen.
Julia, es steht ein neues Album von euch in den Startlöchern. Im Zeitalter der Singles keine Selbstverständlichkeit. Versteht ihr euch als Albumband?
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Wir denken gar nicht so sehr darüber nach, das ist einfach, wie wir Musik machen. Wir mögen das so, es fühlt sich natürlich an, weil wir mit Alben aufgewachsen sind. Nur einzelne Songs zu veröffentlichen, vielleicht mal für einen Film, ist bei uns die Ausnahme.
Die neue Platte wird den Titel „Karaoke Bar“ tragen. Ist die Karaoke-Bar ein Ort, an dem man euch oft antrifft?
Über die Jahre haben wir sicher sehr viele davon besucht. Für uns stehen solche Orte dafür, wie Musik unterschiedlichste Menschen zusammenbringen kann. Daher wurde der Song „Karaoke Bar“ zum Namensgeber des Albums, weil er für das steht, was wir mit unserer Musik erreichen möchten. Musik hat uns mit Menschen zusammen und uns als Geschwister enger zueinander geführt.
Wann warst du zuletzt in so einer Bar? Und was ist dein Go-To-Song?
In Sydney gibt es das The Pickled Possum. Das hat die ganze Nacht hindurch geöffnet, weshalb es für viele beim Ausgehen die letzte Station des Abends ist. Weil ich Mutter geworden bin, ist es nun schon zwei Jahre her, seit ich das letzte Mal dort war. Als ich noch in solche Bars ging, sang ich gerne Songs von Alanis Morissette, weil es so ganz anders ist als das, was ich mit meiner Stimme sonst anstelle. Das überrascht dann viele.
Du hast gerade erklärt, was die Message des Albums ist. Ist das etwas, was ihr euch schon im Vorfeld überlegt?
Es ist nicht so, dass wir eine Idee haben und um diese das Album herum bauen. Die Songs kommen zu uns, und nachdem sie alle da sind, überlegen wir, unter welchem Schirm sie stehen.
Eure Musik hat oft einen sehr positiven, sehr optimistischen Vibe.
Natürlich haben wir in den vergangenen 20 Jahren auch Musik veröffentlicht, die sich für uns sehr traurig angefühlt hat. Musik ist für uns immer ein Weg, Dinge zu verarbeiten. Mit „Old Friend“ hatte Angus zum Beispiel mal einen Song über den Tod unseres Großvaters geschrieben. Es gab Lieder über den Tod von guten Freunden, über Herzschmerz. Diese Platte jetzt fühlt sich im Ganzen aber sehr positiv an. Das hat mit dem Spaß zu tun, den wir beim Schaffen der Musik hatten, aber es repräsentiert auch, wo wir gerade im Leben stehen.
Ist die Platte auch ein bewusster Kontrast zur miserablen Lage, in der sich die Welt gerade befindet?
Im Grunde machen wir uns über solche Dinge erst in Interviews Gedanken. Da setzen auch wir die Puzzlestücke zusammen, weil wir beim Erschaffen nicht so strategisch vorgehen. Aber mir gefällt die Idee, dass es in der Musik immer Liebe zu finden gibt, egal, wie die Welt gerade aussieht.
Bist du jemand, der die Nachrichten ständig verfolgt?
Nachdem ich meine Tochter bekam, konnte ich mir nur sehr schlecht Nachrichten anschauen, in denen Kinder leiden. Das war emotional sehr schwierig. Dennoch mag ich es nicht, nichts von der Welt mitzubekommen, deshalb muss ich das ausbalancieren.
Ein Teil der neuen Songs ist auf der griechischen Insel Hydra entstanden, im Urlaub. Wie wichtig ist die Location fürs Songschreiben? Geht das auch gut in irgendeinem Asphalt-Dschungel?
Am wichtigsten ist für mich beim Songwriting das Gefühl, das wir in dem Moment haben. Tatsächlich entstehen ja viele Lieder auf Tour, im Bus, in Backstage-Räumen oder in Hotelzimmern. Orte, die per se nicht so inspirierend sind. Wenn das Gefühl da ist, kann man auch Magie schaffen, ohne dabei gerade aufs Meer zu blicken. Aber es hilft schon, wenn es da ist.
Ihr habt außerdem in den Miraval-Studios in Südfrankreich aufgenommen, in denen schon Pink Floyd, The Cure oder Sade gearbeitet haben. Gibt das zusätzlich Motivation oder ist das einschüchternd?
Es hat eher motiviert. Es war eine Riesenerfahrung für uns. Das Studio befindet sich auf Brad Pitts Wein-Anwesen in der Provence und wurde aufwendig saniert. Eine ganz andere Erfahrung als das Studio in Hydra, das eher rustikal war. Wir hatten so viel Spaß, auf diesem Anwesen zu sein, dass wir das Arbeiten fast vergaßen. „Maybe tomorrow“ hat man von uns da sehr oft gehört.
Du und Angus habt jeweils auch erfolgreiche Solokarrieren. Sind die notwendige Bedingungen, das Duo am Laufen zu halten? Oder kommen sich die vielen Projekte da in die Quere?
Es ist essenziell für uns. Angus und ich haben zwei unterschiedliche Stile, die wir für das Duo zwar zusammenführen können, aber es macht auch Spaß, sich selbst mit eigenem Material zu 100 Prozent ausdrücken zu können. Gerade wenn man dann lange Zeit im Duo verbracht hat. Man hat ja immer sehr lange mit so einem Album zu tun, vom Songschreiben über das Aufnehmen bis hin zur Veröffentlichung und dem Promomachen und Touren. Da tut Abwechslung gut.
Fühlt es sich noch einmal vulnerabler an, ohne das andere Geschwisterteil auf der Bühne zu stehen?
Natürlich haben wir noch einmal mehr das Gefühl der Sicherheit, wenn wir zusammen auf der Bühne stehen. Wir können uns aneinander anlehnen. Das ist bei dem Pensum, das wir fahren – auf Tournee oft bis zu fünf Shows die Woche – auch durchaus wichtig. Alleine überkommt einen vielleicht mal eher die Sorge, das nicht zu schaffen. Wenn man zu zweit da vorne steht, dann kann der andere das vielleicht eher auffangen, wenn es dem anderen gerade nicht so gut geht. Es ist ja auch nicht einfach, für so lange Zeit nicht zu Hause zu sein. Da schätzen wir uns glücklich, uns zu haben.
Geschwister können miteinander sehr direkt sein. Wenn man gewohnt ist, lange mit seinem Bruder oder der Schwester zu arbeiten, fällt es einem dann schwer, zu anderen nicht so direkt zu sein?
Das Schöne ist, dass mein Bruder und ich zwar direkt sind, aber mit viel Humor. Das Lustige polstert die Wahrheit etwas aus. Ich kollaboriere viel mit anderen, habe aber das Glück, dass die auch einen sehr ähnlichen Humor und eine ähnliche Direktheit haben. Das ist gut so, weil im kreativen Prozess Ehrlichkeit viel hilft. Kritik kann in dem Sinne ein Ausdruck von Liebe sein.
Es gab mal eine Zeit, da lag das Duo auf Eis. Zwei Jahre lang sollt ihr nicht miteinander kommuniziert haben. Stimmt das?
Angus und ich sind beide nicht sehr gut am Telefon und verbringen nicht viel Freizeit damit, zu telefonieren Wenn wir uns also gerade nicht sehen, kann es vorkommen, dass wir uns nicht sprechen, weil wir auch immer sehr busy sind. Als wir damals die Pause einlegten, hatten wir gerade drei, vier Jahre intensiv Zeit miteinander verbracht, sind viel zusammen getourt. Da gab es dann erst einmal nicht viel zu erzählen, und wir haben uns in die Soloarbeiten gestürzt. Wir sind uns dann mal zufällig in Paris über den Weg gelaufen, wo wir gerade jeweils beruflich zu tun hatten, und sind im selben Restaurant gelandet. Das war sehr schön.
Rick Rubin hat euch dann wieder zusammengeführt. Aktuell arbeitet ihr ohne Produzent. Bleibt das so?
Man soll niemals nie sagen, wir arbeiten immer gern mit Menschen zusammen. Im Moment haben wir einfach viele Ideen, die wir auch umsetzen wollen, und verbringen viel Zeit damit. Ich habe mich mittlerweile sehr ins Engineering reingefuchst. Aktuell haben wir Spaß daran, uns praktisch gegenseitig zu produzieren. Zur Zeit sind unser Songwriting und das Produzieren so eng miteinander verknüpft, dass es schwierig wäre, eine dritte Person einzubinden.
Dieser DIY-Ansatz greift ja auch bei eurem neuen Video zu „Karaoke Bar“, bei dem du Regie geführt hast. Wie war das?
Das hat sehr viel Spaß gemacht. Aufs Regieführen hätte ich auch in Zukunft Lust, aber leider wird die Zeit dafür wohl fehlen.
Ihr seid ja jetzt ohnehin erst einmal auf Tour. Was können wir von den Shows in Deutschland erwarten?
Von der neuen Platte wird es noch nicht so viele Songs zu hören geben, da sie erst im September erscheint, aber zumindest ein paar. Ansonsten geht es quer durch den Katalog – und wir haben auch den Fans ein paar Nummern zur Auswahl gestellt.
Termin
Angus & Julia Stone – Sa 27.6., 19 Uhr, Stuttgart, Bürger Freilichtbühne Killesberg, Tickets: www.eventim.de
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