Insgesamt 260.000 Menschen haben zwischen Donnerstag und Sonntag bei „Das Fest“ in Karlsruhe Party gemacht. Das waren die Glanzlichter des Festivals.
Die Partymacher
Wenn es um ihre besten Konzerte überhaupt geht, kommen die Beatsteaks immer gern auf ihren ersten Gig bei „Das Fest“ zurück. 2007 war das, man sei voller Endorphine gewesen, erinnerte sich Sänger Arnim Teutoburg-Weiß am Freitag. Ob man den Mount Klotz auch ein zweites Mal so zum Beben bringen könnte? Man konnte. Im Grunde hatte die Alternative-Rock-Band das Publikum schon im Sack, bevor sie die Bühne betrat. Da wurde als Intro „Total Eclipse of the Heart“ gespielt, eine Verneigung vor der kürzlich verstorbenen Bonnie Tyler.
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Tausende Menschen sangen aus voller Kehle mit, die Energie konnte die Band in ihr Set übertragen. Das war gespickt mit Hits, besonders gut gefielen „Summer“ und „Let Me In“. Zwischendrin gab es noch mal einen Querverweis auf den Auftritt 2007: Wieder packte Sänger Teutoburg-Weiß ein Surfboard aus, mit dem er über die Hände des Publikums ritt. Crowdsurfing im Wortsinne.
Die Kontroverse
Auf dem offiziellen „Das Fest“-Instagram-Account suchte man vergeblich Eindrücke vom Disarstar-Konzert vom Freitag. Der linke Hamburger Rapper – er verortet sich selbst als Marxist – hatte bei seinem Konzert für viel Wirbel gesorgt, indem er gegen die CDU schoss. Die Partei habe auf den Veranstalter „eingewirkt“, zum Glück sei der „stabil“ geblieben. Wollten die Christdemokraten etwa den Auftritt verhindern?
Veranstalter und Partei haben das auf RHEINPFALZ-Nachfrage bestritten. Richtig sei aber, dass die Junge Union (JU) Karlsruhe das Wirken von Disarstar und seinen Auftritt in der Günther-Klotz-Anlage schon im Vorfeld sehr kritisch gesehen habe, so der CDU-Kreisvorsitzende Tobias Bunk-Merkel. Die JU hatte deshalb einen offenen Brief verfasst, der aber nach einem Gespräch mit den Festival-Verantwortlichen nicht veröffentlicht wurde.
In dem zweiseitigen Schreiben, dass dieser Zeitung vorliegt, steht explizit: „Eine kurzfristige Ausladung von Disarstar fordern wir nicht“. Die Junge Union betont den Wert künstlerischer Freiheit, befand die Einladung des Künstlers dennoch als „erklärungsbedürftig“. Sie forderte vom Veranstalter eine öffentliche Begründung der Buchung, eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Werk (etwa in Form einer Podiumsdiskussion) sowie eine „Bekräftigung des Selbstverständnisses, dass Das Fest als Veranstaltung einer städtischen Gesellschaft auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung steht“.
Am Samstagmorgen schob die CDU dann noch eine Pressemitteilung nach. Sie fühle sich vom Sänger diskreditiert, wirft ihm vor, in seinen Songs Einsatzkräfte verächtlich zu machen: „Für die CDU Karlsruhe ist klar: Marxistische Systemwechsel-Ideen, Antisemitismus, Israelhass, Gewaltverherrlichung und Angriffe auf die Polizei dürfen weder relativiert noch durch öffentliche Auftritte auf einem Familienfestival normalisiert werden.“
Die schönste Überraschung
Der große Star am Eröffnungstag war Nico Santos, keine Frage. Auch der Auftritt des „Rooftop“-Sängers war am Ende großes Gesprächsthema. Das lag nicht an einer Kontroverse, sondern an einer spontanen Aktion. Rund 40 Karlsruherinnen sorgten lautstark dafür, dass Santos auf einen jungen Mann im Justin-Bieber-Shirt aufmerksam wurde und ihn auf die Bühne bat. Mit ihm sang er dann den Bieber-Song „Boyfriend“, nachdem er sich mittels Smartphone in den Song einarbeitete. Hakan, ein früherer DSDS-Teilnehmer (2018) und heutiger Karateka (Bronze bei der JKA-Europameisterschaft 2024 in Belgien), machte seine Sache gut, lieferte sich mit Santos auch witzige Dialoge. Da flogen den beiden die Sympathien des Publikums nur so zu.
Das lokale Ausrufezeichen
Vergleiche sind der oft hilflose Versuch, den Stil eines Künstlers besser einordnen zu können. Oft wirken sie auch ein bisschen drüber, weil als Vergleichsgröße eben meist die ganz Großen herhalten müssen. Loi aber hat keine Probleme damit, wenn die Leute sie mit Adele vergleichen. Die Mannheimerin ist ein großer Fan der Britin, hier und da erinnert sie stimmlich tatsächlich an sie, auch wenn man sie stilistisch jetzt nicht unbedingt in eine gemeinsame Schublade stecken würde. Am Mount Klotz konnte Loi auf jeden Fall überzeugen. Ihre Setlist setzte sich vor allem aus ihrem Debütalbum „Left In Your Love“ zusammen. Gefiel. Und ihr The-Weeknd-Cover „Blinding Lights“ (mit dem sie 2021 viral ging) kommt live richtig gut.
Der Nostalgie-Kick
Die Festivalmacher hatten bei der Zusammenstellung ihres Line-Ups vor allem das Hier und Jetzt im Auge; Künstler also, die gerade maximal angesagt sind oder das Potenzial haben, mal angesagt zu sein. Nostalgie als Hauptmerkmal war eher nicht gefragt, auch Künstler, die schon länger im Geschäft sind, sollten noch Relevanz mitbringen. So wie die Beatsteaks. Oder eben Max Herre & Joy Denalane. Letztere überzeugten mit ihrer Mischung aus Rap und Soul, das Power-Paar performte sowohl gemeinsam als auch jeweils solo.
Und ja, so einen nostalgischen Moment gab bei all der Gegenwart dann eben doch. Als Max Herre den Freundeskreis-Klassiker „A-N-N-A“ auspackte, fühlte man sich doch schnell zurückversetzt in den Sommer 1997. Die Nummer war seinerzeit von dem Gedicht „An Anna Blume“ inspiriert, das der Dada-Künstler Kurt Schwitters 1919 veröffentlichte. Rap aus einer Ära, in der dieser noch ohne Vulgärlyrik auskam. Wenige Jahre später sollte das Genre seine Breitbeinigkeit entdecken.
Der Blick in die Zukunft
Musst du hier wirklich stehen?“. Die Mädchen aus der ersten Reihe waren fassungslos, als sich die Fotografenschar wenige Minuten vor dem Zartmann-Auftritt vor ihnen im Fotograben aufbaute. „Ja, wir arbeiten.“ „Aber wir stehen hier doch schon seit neun Stunden. Seit 12 Uhr.“ „Es ist ja nur für die ersten drei Songs.“ „Das sind doch die wichtigsten!!!“ So leidenschaftlich verhandelt wurde im Graben nur bei Zartmann. Nico Santos, die Beatsteaks, Max Herre, sie alle hatten ihre Fans dabei, aber so viele ekstatische Mädchen und junge Frauen wie Zartmann hat keiner von ihnen angelockt. Der Mann ist ein Gen-Z-Phänomen. Und so war es wahrscheinlich auch kein Zufall, dass der Festivalsamstag schon im Vorverkauf als „ausverkauft“ gemeldet wurde – als einziger Veranstaltungstag. Sicher, der Samstag ist für einen Konzertbesuch per se der attraktivste Tag, die große Nachfrage dürfte aber auch viel mit dem Indie-Rapper aus Berlin zu tun gehabt haben.
Und warum der junge Mann so anschlussfähig ist, stellte er am Mount Klotz auch unter Beweis. Der Mix aus Pop und Rap bleibt im Ohr, und trotz der oft gefühlvollen und melancholischen Ebene seiner Lyrics sind die Songs maximal festivaltauglich. Die Stimme ist voluminös und warm, hier und da ein bisschen angeraut, das kommt gut an. Bühnenpräsenz hat der Musiker ohnehin wie ein Großer. Wer erlebt hat, was für einen Abriss der Berliner da in Karlsruhe veranstaltet hat, wird den Gedanken nicht los, dass er hier gerade nicht nur Zeuge der Gegenwart, sondern auch der Zukunft der deutschen Popmusik geworden ist.
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