Paul Carrack hat eine dieser Stimmen, die man sich aus dem Radio nicht wegdenken kann. Solo und mit Mike + The Mechanics hat der Brite Welthits gelandet. Vor seinem Gig in Worms hat er mit Benjamin Fiege über einen peinlichen Spitznamen, seine Arbeiter-Herkunft und seinen Abgang bei den Mechanics gesprochen.
Paul, Sie sind gerade 75 Jahre alt geworden. Wie haben Sie gefeiert?
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Meinen 75.? Nun, ich habe nicht allzu wild gefeiert, weil ich gerade inmitten einer Tour durch Großbritannien steckte. Immerhin hatte ich einen Tag frei, war zu Hause, meine Frau hat wunderbar gekocht und wir haben eine Flasche Rotwein zusammen genossen.
In vielen Artikeln zu Ihrem Geburtstag tauchte wieder dieser Spitzname: The Man with the Golden Voice, der Mann mit der goldenen Stimme. Haben Sie den immer nur als Kompliment aufgefasst? Oder hat der Ihnen auch Druck gemacht.
Das ist echt ein peinlicher Spitzname. Ich glaube, den hatte mal irgendjemand bei der BBC erfunden, als eine Doku über mich gedreht wurde. Nie im Leben würde ich mich selbst so nennen. Es gibt so viele fantastische Sänger da draußen, wie peinlich ist das denn? Aber gut, könnte auch schlimmer sein.
Sie sind in Sheffield aufgewachsen, einer Arbeiterstadt. Wie hat das Ihren Blick aufs Leben geprägt?
Nun, ich bin in einer sehr arbeitsamen Familie aufgewachsen – einer großen Großfamilie mit Tanten, Cousins und Brüdern –, die sehr bodenständig war und einen trockenen Humor hatte. Da wurden mir wichtige Werte wie Fleiß, Ehrlichkeit und Integrität vermittelt.
Sie haben einmal gesagt, dass man sich als jemand aus Sheffield lieber selbst auf die Schippe nimmt, bevor es ein anderer tut. Behandeln die Leute in Ihrer Heimatstadt Sie wie einen Star? Oder liegt das nicht in ihrer Natur?
Ich glaube, die Leute in Sheffield mögen es nicht besonders, wenn jemand abhebt. Wenn man also nicht aufpasst, holen sie einen schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Sie behandeln mich nicht wie einen Star – auch wenn mir vor Kurzem eine Plakette vor dem Rathaus für meine Verdienste um die Musik und die Stadt Sheffield verliehen wurde. Ich war sehr überrascht, diese Auszeichnung zu erhalten, fühlte mich aber sehr geehrt. Und ich weiß, dass meine Eltern und meine Familie sich riesig gefreut und wahrscheinlich auch gestaunt hätten, dass ich diese Ehrung bekommen habe.
Sie haben mit ziemlichen Größen zusammengearbeitet – von Elton John bis Eric Clapton, um nur einige zu nennen. Haben Sie sich dabei selbst jemals starstruck gefühlt?
Ja, lange Zeit litt ich unter dem, was man heute allgemein als „Hochstapler-Syndrom“ bezeichnet. Ich war wohl ziemlich unsicher, weil ich mir alles selbst beigebracht habe und nie Musikunterricht oder Ähnliches hatte. Aber die zehnjährige Zusammenarbeit mit Eric Clapton, das Touren und Musizieren mit einigen der besten Musiker überhaupt – Leuten wie Steve Gadd, Steve Jordan und Nathan East – sowie die Tatsache, dass sie mich akzeptierten und respektierten, haben meinem Selbstwertgefühl sehr gutgetan. Inzwischen gehe ich viel entspannter mit mir selbst um und versuche einfach, meine Musik zu genießen.
Sie hatten eine großartige Karriere mit Mike + The Mechanics, Ihre Solokarriere war erfolgreich, und Sie haben auch für andere Künstler geschrieben. Woran erkennen Sie, wann ein Song für Sie ist – und haben Sie es jemals bereut, einen Song abgegeben zu haben?
Nein, ich freue mich immer sehr, wenn jemand einen meiner Songs für aufnahmewürdig hält, egal wie gut oder schlecht die Version auch sein mag.
Sie haben viele große Hits geschrieben. Gibt es Songs, die vom Publikum missverstanden wurden? Überraschen Sie manche Interpretationen?
Ich lasse Songs oft offen für Interpretationen und überlasse es den Zuhörern, hineinzuinterpretieren, was sie wollen. Das offensichtlichste Beispiel ist „How Long“; die meisten Leute halten es für ein ganz normales Lied über eine Trennung zwischen Mann und Frau. Ich habe es geschrieben, als Ace noch eine kämpfende Bar-Band war und Freunde von uns – denen es deutlich besser ging als uns – versuchten, uns unseren Bassisten Tex Comer abzuwerben. Es war das erste und einzige Mal, dass ich einen Song über einen Bassisten geschrieben habe. Vielleicht sollte ich es noch einmal versuchen – schließlich ist es mit Abstand mein erfolgreichster und langlebigster Song.
Es gab gewisse Spannungen zwischen Ihnen und Mike + The Mechanics, als Sie die Band verlassen hatten; einige Jahre später formierten sie sich ohne Sie neu. Ist das Verhältnis immer noch belastet, oder konnten Sie die Sache aus der Welt schaffen?
Es gibt kein böses Blut. Ich war damals ein wenig enttäuscht – vor allem, als sie ein „Greatest Hits“-Album mit Fotos der neuen Besetzung veröffentlichten! Es war meine Entscheidung, mich auf meine eigenen Projekte zu konzentrieren, daher kann ich mich eigentlich nicht beschweren.
Singen Sie auch heute noch gerne die Lieder aus jener Zeit?
Sicher, ich habe immer Songs wie „Over My Shoulder“, „The Living Years“, „Silent Running“ und „Another Cup of Coffee“ im Programm. Ich habe die Originale gesungen und war teilweise auch am Songwriting beteiligt – daher finde ich, dass ich auch das Recht habe, sie zu singen.
Sie kommen nun zum zweiten Mal nach Worms. Haben Sie noch Erinnerungen an Ihren Auftritt dort im Jahr 2012?
Ehrlich gesagt kann ich mich im Moment nicht wirklich daran erinnern, aber ich weiß, dass alles wieder präsent sein wird, sobald wir dort sind.
Was haben Sie für die anstehende Show dort geplant?
Die Setlist wird Songs aus meiner Zeit bei Mike, ACE und Squeeze enthalten. Wir wollen, dass die Leute eine gute Zeit haben. Robbie McIntosh (bekannt durch Paul McCartney und Norah Jones) wird uns an der zweiten Gitarre unterstützen. Er ist eine großartige Bereicherung für die Band.
Deutschland scheint für Sie ein sehr treuer Markt zu sein …
Nun, ich genieße die Zeit dort immer sehr. Ich kam zum ersten Mal als 17-Jähriger hierher und habe in den Clubs von Frankfurt, Köln und auf der Hamburger Reeperbahn gespielt. Das war meine Schule!
Wird Ihr Sohn Teil der Live-Band sein? Wie ist es, mit ihm gemeinsam auf der Bühne zu stehen?
Ja, Jack gehört schon seit Langem fest dazu. Es ist großartig, ihn bei uns zu haben. Er ist nicht nur ein hervorragender Schlagzeuger, sondern hat sich auch zu einem wunderbaren Mann und Vater zweier unserer Enkel entwickelt.
Nach all den Jahren auf Tour: Gibt es eine Geschichte oder einen Moment von unterwegs, der Ihnen ganz besonders in Erinnerung geblieben ist?
Es sind zu viele, um sie alle zu nennen. Es war ein wahr gewordener Traum, und wenn ich zurückblicke, kann ich es selbst kaum glauben. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass meine Karriere so lange dauern würde; ich habe immer nur bis zur nächsten Woche geplant. Ich bin sehr, sehr dankbar und zähle mich zu den wenigen Glücklichen oder Gesegneten.
Zur Person
Paul Carrack, 1951 in Sheffield (England) geboren, ist ein britischer Musiker, der unter anderem als Sänger von Mike + The Mechanics (1985 bis 2004), der Zweitband von Genesis-Mitglied Mike Rutherford, bekannt wurde. Auch solo hat er eine erfolgreiche Karriere hingelegt, veröffentlicht immer noch regelmäßig neue Platten. Am 7. August erschien mit „The Country Side of Paul Carrack“ das zweite Country-Album binnen eines Jahres. Carrack: „Es ist wirklich ein Herzensprojekt – etwas, das ich schon immer machen wollte: ein echtes Nashville-Country-Album. ,Vol. 1’ kam gut an, und es macht großen Spaß, mit den Top-Musikern aus Nashville zusammenzuarbeiten.“
Termin
Paul Carrack tritt am Samstag, 22. August, 22 Uhr, auf der Sparkassen-Bühne beim Wormser „Jazz & Joy“-Festival auf.
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