Die Höchste Eisenbahn (foto: Max Smogol)

Interview: Die Höchste Eisenbahn über ihr Comeback und Songpaten

Sechs Jahre lang ließ Die Höchste Eisenbahn nichts von sich hören, jetzt ist die Band wieder da und kommt nach Kaiserslautern. Benjamin Fiege sprach vorab mit Moritz Krämer und Francesco Wilking über das Comeback, die neue Platte –  und den Gig in der Westpfalz.

Die Hitze macht uns gerade schwer zu schaffen. Seid ihr eher sommerliche Typen oder freut ihr euch jetzt schon wieder auf den Herbst?

anzeige

Moritz: Ich bin ein Sommertyp. Ich liebe es, nicht darüber nachdenken zu müssen, ob ich abends noch einen Pulli brauche, und finde es überhaupt nicht schlimm, wenn es heiß ist.

Francesco: Ich find’s schlimm.

Hätte ich diese unschuldige Frage jetzt in den Sozialen Medien gestellt und nicht euch, hätte wahrscheinlich auch sie das Potenzial gehabt, die Gesellschaft zu entzweien. Wie eigentlich alle Fragen gerade. Ist es das, was euer Albumtitel „Wenn wir uns sehen, schreien wir uns an“ beschreibt?

Francesco: Wenn man die Gesellschaft als große Beziehung sieht, schon. Aber im Prinzip ist Gesellschaft ja in der Form etwas Unpersönliches. Das Anschreien, das wir meinen, eigentlich etwas anderes. Es ist mehr ein Beziehungsding. Ich fühle mich da immer an den Film „Vergiss mein nicht!“ mit Jim Carrey und Kate Winslet erinnert.

Der Titel ist auch nicht auf das Innenleben der Band gemünzt?

Francesco: Das wurde uns mal gespiegelt und wir haben gemerkt: Das passt auch.

Moritz: Wir schreiben Texte und Titel nicht mit dem Gedanken: „Was könnte das Thema sein?“, sondern weil sich Sätze richtig anfühlen für unsere kleine Welt. Man kann immer viel reininterpretieren. Aber für mich stimmt der Satz vielleicht in einem Rahmen, den niemand kennt.

Könnt ihr gut miteinander streiten? Habt ihr das in den 16 Jahren, in denen es die Band gibt, gelernt?

Francesco: Ich würde das schon sagen.

Moritz: Ich kann generell nicht gut streiten. Ich schreibe seit sieben Jahren an einem Lied mit dem Titel „Streit“ und es wird nie fertig. Weil wir uns gut und lange kennen und viele Mechanismen zwischen uns erkannt haben, können wir gut mit Konflikten umgehen und sie lösen.

Bevor die Platte 2025 rauskam, habt ihr fünf Jahre jeder für sich sein Ding gedreht. War immer klar, dass die Band wieder zusammenfindet? Oder war das in der Schwebe?

Francesco: Es ist wichtig, dass es in der Schwebe ist. Wir sind keine Maschine. Keine Fabrik, die in einem Turnus von xy Monaten Alben produziert und Touren anhängt. Das fände ich blöd. Das immer wieder zu überprüfen und sich auch zu fragen, ob es neue Geschichten gibt, die man erzählen will, das finde ich eigentlich gut.

Die Seitenprojekte, die ihr so habt: Sind sie für euch notwendige Bedingung, um Die Höchste Eisenbahn am Laufen zu halten?

Moritz: Alle Sachen, die jeder für sich macht, machen wir nicht wegen Der Höchsten Eisenbahn. Wir haben auch eine Band zusammen, und dann hat jeder eben so seine eigenen Projekte. Francesco macht Crucchi Gang, ich mache meine Filmsachen und Soloplatten, Max spielt in anderen Bands, Felix auch, macht dazu Theatermusik. Jeder macht die Dinge, die er vor der Eisenbahn schon gemacht hat.

Bei der Arbeit an dem neuen Album habt ihr für die Songs eigene Songpaten gewählt. Wie muss man sich das vorstellen?

Francesco: Das war für uns auch neu und spannend. Für uns hat es funktioniert. Es bedeutete letztlich, dass drei Jungs den Song X los- und den Zuständigen machen lassen mussten. Der durfte dann Entscheidungen fällen. Da ging es um Produktion, denn geschrieben haben wir die Songs alle zusammen.

Moritz: Wir möchten bei jeder Platte etwas Neues ausprobieren. Wir haben diesmal zu viert produziert, aber jedes Detail zu viert zu besprechen, kann anstrengend sein. Daher waren die Patenschaften eine gute Idee.

Habt ihr euch das Prinzip irgendwo abgeschaut?

Moritz: Nö, das haben wir uns selbst ausgedacht. Aber so ausgefuchst ist es jetzt nicht. Das machen wahrscheinlich viele so.

Wie schwierig ist es, zu viert einen Song zu schreiben?

Moritz: Wir sind zusammen in einem Raum und jammen. Manchmal singen wir dabei. Mal sind es Quatschtexte, manchmal aber auch schon finale Texte, weil sie haften bleiben. Manchmal gibt es dann Momente, die uns alle interessieren. Riffs, Melodien oder sonstige Teile. Dann versuchen wir, gemeinsam daran zu arbeiten. Irgendwann muss man dann Entscheidungen treffen. Das ist dann der Punkt, an dem die Paten übernommen haben.

Gibt es viel Ausschuss, wenn ihr an einem Album strickt?

Moritz: Es gibt Hunderte von Handyskizzen, die in irgendwelchen Ordnern herumliegen.

Francesco: Es ist auch ein bisschen random, an welchen Handyskizzen wir weiter arbeiten.

Moritz: Manchmal gehen auch welche verloren. Auf der neuen Platte sind Songs dabei, die auf Skizzen basieren, die wir zum Glück wiedergefunden haben.

Francesco: „Seit du weg bist“, eigentlich einer meiner Lieblingstitel, hätte schon auf der letzten Platte landen können, aber erst diesmal haben wir Lösungen für den Song gefunden, die uns allen gepasst haben. Es ist das Krasse am kreativen Arbeiten: Wann kann man sich wirklich sicher sein, jetzt das schönste Gewand für einen Song gefunden zu haben? Gibt es nicht immer noch ein besseres?

Moritz: Das ist das Schlimmste, dass man immer denkt, dass es eine beste Version von einem Lied gibt. Besser, wenn man die ganzen Skizzen loslassen kann und man damit okay ist, wie man es gerade aufgenommen hat. Das fällt mir immer schwer. Eine Platte ist ja eh ein Zeitdokument. Wenn man die Lieder dann live spielt, verändern sie sich.

Da kommt ja in der Regel ein Produzent ins Spiel, der dann auch mal sagt: So ist es jetzt. Ist es ohne so eine Kraft von außen also schwieriger?

Francesco: Auf jeden Fall. Daher haben wir uns dieses Patensystem auferlegt. Um Dinge abzugeben. Selbst wenn es an jemanden innerhalb der Band ist. Dass sich Songs durchs Livespielen verändern, ist immer eine gefährliche Sache. Wenn Sting seine großen Pop-Evergreens plötzlich in ein Jazz-Gewand gesteckt hat, hat das nicht jedem im Publikum gefallen.

Francesco: Ich habe neulich ein geiles Video von einem Konzert von Bob Dylan gesehen. Auch so ein krasser Typ, der mittlerweile Versionen von seinen Songs spielt, die es einem echt schwer machen, zu erkennen, was das jetzt eigentlich für ein Lied war. In dem Video trug er einen schwarzen Hoodie, er stand in einer dunklen Bühnenecke und sang da, auch ganz cool, aber man hat ihn gar nicht richtig erkannt. Der Tenor der Leute war, dass sie sich gar nicht sicher waren, ob sie da jetzt wirklich Bob Dylan gesehen hatten.

Welcher Song von euch wurde denn über die Zeit am meisten auf links gedreht?

Moritz: Wir haben jetzt gerade alte Lieder ausgegraben und sie mal wieder auf Tour gespielt. „Blume“ zum Beispiel, aus unserem zweiten Album. Das haben wir anders gespielt. Auch „Wer bringt mich jetzt zu den anderen“ ist in veränderter Form auf die Bühne gebracht worden. Das war immer sehr clean, jetzt ein bisschen schrabbeliger. Manchmal klingen Songs auch anders, weil man live andere Instrumente zur Hand hat.

Beschränkt sich das dann immer aufs Musikalische? Oder geht ihr manchmal auch nochmal an die Texte ran?

Moritz: Manche Textstellen verändern sich automatisch, weil ich sie live anders singe, ohne es zu merken. Das ergibt sich. Wir geben uns live auch gerne Improvisationsslots.

Francesco: Das sind immer Kleinigkeiten. Da geht es dann nicht um ganze Strophen oder so, die man jetzt lieber anders erzählen würde.

Der „Musikexpress“ hat euch textlich mit Udo Lindenberg verglichen. In vielen Rezensionen wird eurer Musik auch eine gewisse Beiläufigkeit beschienen. Könnt ihr damit etwas anfangen?

Moritz: Das kommt drauf an, wie so etwas gemeint ist. Ob es um seine manchmal sexistischen Lieder geht. Oder eher die Art, wie er textet. Lindenberg verwendet ja oft auch eher kleine Szenen.

Francesco: Mit der Beiläufigkeit kann ich etwas anfangen, das ist vielleicht auch der Udo-Lindenberg-Aspekt bei uns. Die Texte bei ihm klingen beiläufig, nicht geschrieben, sondern so, als würde ihm das, was er singt, gerade in dem Moment einfallen. Da ist eine Natürlichkeit, die ich sehr cool finde. Als Band achten wir da sehr drauf, dass man nicht so sehr das Gerüst sieht, mit dem wir unsere Songs gebaut haben. Man soll sie als Gefühl, als Farbe wahrnehmen.

Seid ihr insgesamt mit der Resonanz zufrieden gewesen? In Interviews vor der Veröffentlichung schient ihr nicht erwartet zu haben, dass sich die Produktionskosten wieder einspielen?

Moritz: Wir sind ganz happy, es kamen Leute zu unserer Tour, wir konnten tolle Konzerte spielen. Wir haben keine Platte gemacht, auf der ein Radio-Hit drauf ist. Die Produktionskosten der Platte können wir nur über Konzertgagen rein kriegen. Über Verkäufe kommt nichts zurück, weil alle diesen Streamingdienst benutzen, der nicht fair ausschüttet. Es gibt auch andere Dienste, zum Beispiel Qobuz, die den monatlichen Zehner an deine Lieblinskünstler*innen weiterleiten, anstatt ihn zu verschlucken.

Alben aufzunehmen grenzt heute an Liebhaberei. Ist es euch wichtig, eine Album-Band zu sein?

Francesco: Nicht unbedingt. Musiker müssen flexibel sein und sich neue Konzepte ausdenken. Es ist einfach so: Wer nur in 100er, 200er Clubs spielt, wird es sich nicht leisten können, ein Album aufzunehmen.

Wenn man sich die Nachrichten aus der Branche so anschaut, könnte man meinen, auch das Live-Geschäft entwickelt sich zur Liebhaberei. Spürt ihr auch eine Zurückhaltung bei den Ticketkäufen?

Francesco: Man weiß ja nie, wieviel Zuspruch man in normalen Zeiten bekommen hätte. Ich habe auch gehört, dass die Leute nur noch Geld für Taylor Swift ausgeben und nicht mehr für kleinere Sachen, aber ich weiß nicht. Wir können sagen, dass wir mit der Resonanz auf die Tour zufrieden waren.

Moritz: Die Tickets sind einfach sehr teuer geworden.

Was habt ihr euch denn vorgenommen für Kaiserslautern?

Moritz: Wir schauen gerade, wie wir die Setlist zusammenstellen und wollen uns vorher noch einmal treffen. Mal schauen, welchen Song wir ausgraben, den wir schon lange nicht mehr gespielt haben.

Zu den Personen

Die Pop-Rock-Formation Die Höchste Eisenbahn wurde 2011 in Berlin gegründet und besteht aus Francesco Wilking, Moritz Krämer (beide Gesang und Gitarre), Max Schröder (Drums) und Felix Weigt (Bass, Keyboard). Bisher sind vier Alben und drei EPs erschienen.

Termin

Die Höchste Eisenbahn spielt am Samstag, 8. August, 19.30 Uhr, im Kulturgarten der Kammgarn in Kaiserslautern. Karten gibt es unter www.kammgarn.de.

anzeige

Zeen is a next generation WordPress theme. It’s powerful, beautifully designed and comes with everything you need to engage your visitors and increase conversions.

Zeen Subscribe
A customizable subscription slide-in box to promote your newsletter
[mc4wp_form id="314"]
WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner