Johnny Logan (foto: Manfred Baumann)

Interview: Johnny Logan über Lordi, den ESC und „Hold Me Now“ als Fußball-Hymne

Er gilt als Mister Eurovision Song Contest: Johnny Logan. Der Ire gewann 1980 mit dem Song „What’s Another Year“ und 1987 mit „Hold Me Now“. Und dann verhalf er auch noch  Linda Martin mit dem von ihm komponierten „Why Me?“ 1992 zum ESC-Sieg. Anfang September kommt der immer noch umtriebige 72-Jährige nach Wörth. Benjamin Fiege sprach mit ihm vorab über überraschende Kollaborationen, seine Sicht auf den ESC heute und seine Zukunftspläne.

Johnny, Sie scheinen  in Kollaborationslaune zu sein. Da gibt es zum einen eine neue Single mit Andreas Gabalier …

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Scheint so! Vor fünf Jahren begann ich, an einem neuen Album zu arbeiten. Dann starb  mein älterer Bruder, mit dem ich sehr eng war. Das führte dazu, dass ich erst mal nicht in der Lage war, Songs zu schreiben. Irgendwann überredete mich meine Partnerin Tanja, mit ihr auf eine Insel zu reisen. Dort floss mir dann der Song „Whiskey and Wine“ aus der Feder, ein Song über die Jahre, in denen ich zu viel getrunken und schlechte Entscheidungen getroffen habe. Ich trinke seit 23 Jahren nicht mehr. Bei einer TV-Show habe ich dann Andreas getroffen, ich habe ihm den Song vorgespielt.

Sie kannten sich?

Wir  hatten früher schon  zusammen gejammt. Er hat sofort gesagt, dass er den Song gerne aufnehmen würde. In dem Geschäft hört man das oft und dann melden sich die Leute nicht mehr, aber bei Andreas war das anders. Ich bin dann zu ihm  ins Studio, wir haben dort an einer Unplugged-Version  gearbeitet, viereinhalb Stunden lang. Die Mühe hat sich gelohnt, Andreas ist ein unglaublicher Sänger und sehr nett.

Sie hatten auch einen interessanten Song-Tausch mit Lordi.

Das Management von Lordi hat meine Partnerin und Managerin kontaktiert, dann hat Mr. Lordi, der Sänger der Band, mich angerufen.  Er fragte mich, ob ich Lust hätte „Hard Rock Hallelujah“ zu singen, er hatte da an einer amerikanisch-80s-Nils-Lofgren-klingenden Version des Songs gearbeitet. Im Gegenzug würde er gerne „Hold Me Now“ singen. Wir haben uns zwei Stunden lang verquatscht, viel gelacht – und  dann gesagt: Wir machen’s. Mit den Ergebnissen waren wir zufrieden, wir haben uns gegenseitig überraschen können. Mr. Lordi ist ein talentierter, smarter Typ. Später sind wir dann zusammen im ZDF-Fernsehgarten aufgetreten, sind dann auch zusammen essen gegangen. In kompletter Kostümierung, weil es für ihn  echt aufwendig ist, sich zu schminken und abzuschminken. Es war superlustig. 

Lordi sind dem Hard Rock beziehungsweise Metal zuzuordnen. Steckt da ein heimlicher Rocker in Johnny Logan?

Ich wuchs mit Jimi Hendrix auf, Thin Lizzy, bin mal – wegen eines Busstreiks – 39 Meilen zu einem Led-Zeppelin-Konzert gelaufen. Ich war ein großer Black-Sabbath-Fan. Deep Purple. Leider gab meine Stimme es nicht her, solche Songs zu singen, daher bewege ich mich in anderen Genre-Gefilden. Ich habe  früh gelernt, mich in verschiedensten Bereichen zu bewegen, von Oper über Country und Pop bis Schlager.

Die Deutschen haben ein ambivalentes Verhältnis zum Schlager.

Ich habe schon für Andrea Berg geschrieben, eine  harte Arbeiterin, ich bin mit Semino Rossi befreundet. Auch wenn das persönlich nicht mein Genre ist, trete ich der Musik mit Respekt entgegen. Helene Fischer finde ich echt gut. Neulich war ich auf einem Schlager-Festival gebucht, in Willingen im Sauerland. Da hatte ich Bedenken, dass mich das Publikum nicht akzeptieren würde. Aber die Resonanz war überwältigend.

In den 1980ern wäre eine Zusammenarbeit zwischen so unterschiedlichen Künstlern wie Ihnen und Lordi nicht denkbar gewesen. Da gab es strenge Abgrenzungen.

Ich hätte das  schon damals gemacht, wenn mich jemand gefragt hätte! Ich erinnere mich an ein Duett 1984 mit Helen Shapiro, die da schon längst zum Jazz gefunden hatte, mit Orchester. „Loving You“, ein Elvis-Song. Auch mit Montserrat Caballé habe ich gesungen.

Hierzulande kennt man Sie als Mr. ESC. Ist es wahr, dass Sie dieses Jahr in Wien hätten auftreten sollen?

Es gab vergangenes Jahr mehrere Anfragen, die ich aber abgelehnt habe – ich bin Ire, und Irland hat den ESC in diesem Jahr wegen der Teilnahme Israels und dem, was da in Gaza passiert, boykottiert. Dazu stehe ich. Das heißt aber nicht, dass ich aufseiten der Hamas zu verorten bin. Ich finde, zwei Gruppen von Menschen können  gleichzeitig falsch liegen. Insgesamt ist  der ESC sehr politisch geworden, das ist schade.

Ist das eine neue Entwicklung?

Zu einem gewissen Grad war er das immer. Das hat man ja stets gemerkt, dass osteuropäische Länder am liebsten für Osteuropäer votieren, westeuropäische Länder für Westeuropäer.  Natürlich hat das auch mit Hörgewohnheiten zu tun, klar. Mittlerweile ist der politische Aspekt aber sehr, sehr groß. Das ist gefährlich. Die eigentliche Idee des Song Contests war ja,  dass sich  die europäischen Länder besser kennenlernen. Wir waren uns fremd, es wurde noch nicht so viel gereist, es gab noch kein Internet. Die Veranstaltung hatte damals etwas Verbindendes,  man hat gemeinsam die Musik gefeiert. Jetzt ist das Ganze so aufgeblasen, Australien ist dabei, Kanada bald auch, diese Expansion sehe ich kritisch. Ich hoffe, man übernimmt sich nicht. Der Sinn der Show geht da verloren. 

Mögen Sie, wie sich das Event musikalisch entwickelt hat?

Mir gefällt nicht, wie sich die Musikindustrie entwickelt hat. Streaming hat die Industrie, wie ich sie kannte, gekillt. Man verdient nur noch live Geld, nicht mehr mit Alben. KI könnte jetzt der Sargnagel für das Business sein.  Live-Musik-Shows im Fernsehen gibt es ja auch nicht mehr. Der ESC ist der Musikindustrie gefolgt, es wird mit Backing Tracks gearbeitet, es gibt keine Live-Instrumente.

Ist ein Sieg beim ESC heute noch ein Karriere-Turbo?

Man gerät heute schneller in Vergessenheit. Samstags gewinnt man, montags ist man kein Thema mehr, weil Donald Trump wieder irgendwas gesagt hat. In den 1980ern konnte man  ein gutes Jahr  davon zehren. Wenn man dann von einem neuen Sieger abgelöst wurde, war man Yesterday’s News und wurde im schlimmsten Fall als One-Hit-Wonder abgestempelt. Das Stigma haftete  dann an. Ein Sieg beim ESC war also schon immer ein vergifteter Kelch. Ich habe den ESC insgesamt dreimal gewonnen, die Leute nennen mich heute immer noch ESC-Gewinner, reduzieren mich darauf. Die Musik, die ich seither gemacht habe, wurde ignoriert. Was vielen heute fehlt, das muss man aber auch sagen, ist ein veritabler Hit.

Ihr großer Hit hat überdauert. „Hold Me Now“ ist sogar eine Stadionhymne …

Ja, bei Bohemians, meinem Lieblingsverein. Der älteste Klub in Irland. Eine große Ehre für mich.

Wie kam’s denn dazu?

Bohemians spielte  im Norden Norwegens. Die norwegischen Fans sangen ihr Vereinslied und forderten unsere Fans auf, ebenfalls „ihr“ Lied zu singen. Da wurde dann spontan „Hold Me Now“ angestimmt. Die Norweger stiegen ein, und plötzlich machte das ganze Stadion mit. Seither hat sich die Nummer gehalten. Mir gefällt die Version der Fans sehr gut. Sie haben sogar den Tonartwechsel drin!

Sie bringen den Song mit nach Wörth?

Ich sollte auch ein paar Tausend Bohemian-Fans mitbringen, für die Backing Vocals!

Was haben Sie für die Show geplant?

Ich hab die Band dabei, die ist sehr funky, ein dreiteiliger Bläsersatz ist mit am Start. Es wird viel Spaß machen. Genretechnisch wird es ein Mix sein, auch „Hard Rock Hallelujah“ haben wir im Set. Von meinem neuen Album, ich hoffe es erscheint noch 2026, sind vier Songs eingeplant.

Termin

Johnny Logan spielt am 4. September, 20 Uhr, in der Festhalle Wörth.

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