Bevor Thomas D mit den Fantastischen Vier die letzte Tournee absolviert, kommt er solo in die Region: nach Worms. Vor seinem Auftritt sprach Benjamin Fiege mit ihm über sein neues Album, seine Arbeit mit Reinhard Mey und die Zukunft der Fantas.
Thomas, Dein neues Album heißt „Neocortex“. Das ist der Teil des Gehirns, der komplexe Sinnesreize verarbeitet und auch fürs logische Denken und Problemlösung zuständig ist …
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Ja, die Erklärung hat mir Google auch so ähnlich ausgespuckt. Irgendwas mit Rhythmus und Bewegung war da noch. Bewegung, das hat für mich mit Musik zu tun. Außerdem dachte ich, dazu werde ich in Interviews bestimmt gefragt. Leider fehlt mir noch die perfekte Antwort (lacht). Ein Titel für ein Album zu finden, ist schwierig. Ich hatte vor über zehn Jahren die Idee, eine Platte zu machen, die musikalische Psychotherapie sein sollte. Davon bin ich dann zwar abgerückt, aber trotzdem brauchte ich einen griffigen Titel für das Projekt. Da schien mir „Neocortex“ interessant.
Zehn Jahre? Das klingt so, als hätte das Dein persönliches „Chinese Democracy“ werden können …
Nein, so viel Studiozeit wie Axl Rose hatte ich sicherlich nicht (lacht). Ich habe auch nicht zehn Jahre am Stück daran gearbeitet, zwischendrin ruhte das Ganze für acht Jahre. Ich bin ja hauptberuflich bei den Fantastischen Vier, da bin ich gut eingespannt. Daher ist das mit den Solosachen immer so ein: Man muss ja nicht, man kann. Als ich mit den KBCS aus Hamburg eine grandiose Band gefunden hatte, hat das Ding wieder mehr Fahrt aufgenommen. Seither gibt es solo wieder mehr Output.
Ist bei Dir immer erst die Songsammlung da, und dann überlegst Du Dir einen Titel dazu? Oder gibt es schon vorher immer eine klare Richtung, in die es geht?
Bei den Solosachen ist immer eine Vision da. In diesem Fall hätte das Album auch „Musikalische Psychotherapie“ heißen können, aber das war mir zu hochgegriffen. Ich bin ja kein ausgebildeter Therapeut. Bei „Lektionen in Demut“ war der Titel seinerzeit schon ziemlich früh da, es gab ja eine eigens erschaffene Comicwelt dazu. Am Ende sind Titel aber nicht so wichtig, es kauft ja eh keiner mehr Platten, sondern checkt einfach im Stream, was ein Künstler gerade so macht, unter Umständen achten die Menschen da gar nicht mehr so darauf. Wenn ich dran denke, was wir mit den Fantas uns immer für einen Kopf über den Albumtitel gemacht haben. Das war jedes Mal wie eine Geburt.
Wieso bist Du denn von der Idee abgerückt, eine therapeutische Platte zu machen?
Ich hatte ein paar Songs, die mich zunächst in diese Richtung führten. „Federleicht“, „Mutterliebe – Vaterstolz“, „Nur Mut“, „Vom Ich zum Wir zum Wir zur Einheit“ und „Ständige Veränderung“. Fünf Themen also, aber nicht genug, um ein ganzes Album zu füllen. Danach kam nichts mehr in diese Richtung. Vielleicht hätte ich extra studieren müssen, um noch andere Themen aus diesem Bereich zu finden. Ich habe mich dann entschieden, mich nicht so verkrampft in dem Thema festzubeißen und habe andere Songs zugelassen, die nicht so schwer und nachdenklich sind. Musikalische Raucherpausen. Insgesamt finde ich die Platte im Vergleich zu meinen anderen dennoch analytischer.
Gibt es Musik, die auf Dich eine therapeutische Wirkung hat?
Unbedingt. Ich war 16 Jahre alt, als ich das erste Mal Marvin Gayes „What’s Going On“ gehört habe und seither begleitet es mich. Ein Meisterwerk. Er singt davon, dass die Menschen nicht in Frieden miteinander leben können, dass wir uns gegenseitig bekriegen, dass wir die Natur zerstören. Leider alles immer noch sehr aktuell. Die Platte holt mich emotional ab. Und das ist die Art von Therapie, die Musik leisten kann.
Mit „Kurz zu mir“ hast Du einen Song auf der Platte, der Dein Leben verhandelt. Ich stelle es mir gar nicht so leicht vor, ein ganzes Leben in einen Song zu pressen.
Nein, das ist tatsächlich schwierig, man muss viel weglassen, viel kürzen. Ursprünglich startete das Ganze als geplante Rede in Reimform und mit Dia-Vortrag zu meinem 50. Geburtstag, auch wenn es erst zu meinem 57. fertig wurde. Zu den Fantas, obwohl das ein Riesenteil meines Lebens ist, gibt es nur einige wenige Zeilen. Auch meine Familie, der ich ja schon eigene Songs gewidmet hatte, wird nur kurz erwähnt. Klar war, dass der Tsunami in Thailand mit rein musste, der ja ein wahnsinniges Erlebnis war, über das ich damals zunächst gar nicht gesprochen hatte, weil ich das nicht gut fand, wie sich so mancher Promi dann hingestellt und gesagt hat: Ich war auch da. Ich habe da erst Jahre später öffentlich drüber gesprochen. Es war aber so einschneidend, dass ich es im Song erwähnen musste.
Wird der Song mit der Zeit wachsen?
Er könnte immer länger werden, theoretisch. Aber: Ich nenne in dem Song Ereignisse wie 9/11, den Tsunami. Die sind tief ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Ich habe das Gefühl, dass sich Ereignisse in der heutigen Zeit nicht mehr so tief verankern, weil sich alles immer schneller dreht und die schlechten Nachrichten nicht abreißen. Corona und der Krieg in Europa kommen im Text vor, aber in der Zwischenzeit hatten wir ja schon wieder zwei neue Kriege. Das ist einfach Wahnsinn. Fast inflationär. Übrigens: Live spiele ich den Song a cappella. Bei der Tsunami-Stelle kannst Du jedes Mal eine Stecknadel fallen hören.
Bei „Federleicht“ machst Du gemeinsame Sache mit Reinhard Mey. Wie kam’s dazu – und ist Mey einer, bei dem selbst ein Thomas D starstruck sein kann?
„Federleicht“ ist als erstes Lied entstanden. Als ich den Song schrieb, wusste ich, dass da jemand anderes als ich den Refrain singen muss, und ich hatte von Anfang an Reinhard Mey im Sinn. Aber ich hatte so Schiss, ihn anzurufen, weil ich dachte, der sagt mir ab. Ich hatte ihn vorher schon mal getroffen, da war ich noch der lustige, bunte Die-da-Thomas. Das war backstage bei einer Veranstaltung gegen Fremdenhass. Ich war wohl etwas überdreht, bin auf ihn zugestürmt: Reinhard, ich bin ein Riesenfan! Er schien regelrecht geschockt, ist mir in einer Art Thai-Chi-Move ausgewichen und hat mich an seinen kleinen Sohn verwiesen: Er ist auch ein Riesenfan von euch. Ich dachte echt, Reinhard Mey hält mich für bescheuert. Daher hatte ich mich zehn Jahre nicht getraut, ihn zu fragen. Ich habe dann Nash angerufen, die Chefin der Fantas sozusagen. Sie hat das in die Hand genommen – und Reinhard hat „Ja“ gesagt. Das war das schönste Geschenk für mich. Leider habe ich ihn aber nicht gesprochen, ich war auch nicht mit ihm im Studio. Er hat mir seinen Part geschickt.
Dann gehe ich davon aus, dass er in Worms nicht als Überraschungsgast aus der Torte hüpft?
Nein, da hüpft er nur aus der Konserve, akustisch. Den Teil des Songs erlaube ich mir, vom Band kommen zu lassen. Den Part des Meisters nachzusingen, ergibt keinen Sinn. Bei einem anderen Feature singe ich selbst den Refrain, bei „Ständige Veränderung“.
Was hast Du sonst in Worms vor?
Die KBCS sind eine wunderbare Band, top eingespielt. Musikalisch wird das großartig, wir haben auch einen tollen Mischer und einen tollen Sound, die selbst die schwierigsten Locations wunderbar zum Klingen bringen. Inhaltlich werden es viele ruhige Stücke, gefühlvolle Texte aus meinem Leben, sehr tief, sehr persönlich, garniert mit ein paar Abgeh-Stücken. Ich finde es selbst richtig geil. Es wird sicherlich ein sehr emotionaler Abend, wir spielen über zwei Stunden. Alte Hits, aber auch viel von der neuen Platte.
Danach gibt’s Dich ab Herbst mit den Fantas auf Abschiedstour zu erleben. Sorgen, dass Ihr in Musikrente geht, muss man sich aber nicht machen, oder?
Diese Band wird sich nie auflösen. Selbst wenn wir irgendwann keine Musik mehr machen sollten, sind wir die Fantastischen Vier, unsere Verbindung ist sehr eng. Wir machen jetzt eine letzte Tour. Die impliziert natürlich, dass es irgendwie mal ein natürliches Ende geben wird. Aber: Es wird nach der letzten Tour auch noch Konzerte geben. Das verstehen viele nicht, aber dazu muss man wissen: Touren ist strapaziös, dieses ständige Unterwegssein, Abend für Abend in einer neuen Stadt. Wir sind jetzt in einem Alter, in dem wir das nicht mehr so machen wollen. Im Grunde heißt „Letzter Bus“ nur, dass wir den großen Zirkus in dieser Form ein letztes Mal auf die Straße bringen. Und nicht, dass es uns danach nicht mehr gibt.
Guckt Ihr da auch mit einem Auge, was die Hosen gerade machen? Die fahren da ja ein ähnliches Konzept, sind auch ähnlich eng miteinander.
Ja, das ist interessant, wie die Kollegen das so sehen. Die Hosen, die Ärzte, wir – die Kollegen sind einen Tick älter, aber man hat das Gefühl, dass da jetzt eine Generation an Bands langsam zurückfährt. Die wollen alle aufhören, solange es noch geil ist und man nicht zu einem Abziehbild seiner selbst wird. Alle sehr selbstkritisch und reflektiert. Was passiert, wenn diese Bands alle in ein paar Jahren nicht mehr da sind? Es kommen eigentlich in dieser Größenordnung keine mehr nach, weil sich die ganze Musikstruktur und Industrie verändert. Der Fokus liegt mehr auf Solokünstlern, dieses Band-Konzept, dieses gemeinsame etwas Aufbauen – das scheint aus der Mode gekommen zu sein. Da es dazu ja immer Zeit braucht, eine Subkultur, vielleicht auch ein neues Genre – aber da kam nix mehr seit Techno und Hip-Hop. Und vielleicht kommt da auch nichts mehr. Dementsprechend gehen also vielleicht gerade die letzten großen Bands aus Deutschland in den Vorruhestand.
Zur Person
Thomas D, bürgerlich Thomas Dürr, ist ein deutscher Rapper und Mitglied der Fantastischen Vier. Nebenher hat er auch seit Ende der 1990er-Jahre eine Solokarriere am Start, zu den bekanntesten Hits des 1968 in Stuttgart geborenen Musikers gehören „Rückenwind“, „Wish (Komm zu mir)“ (aus dem Soundtrack zu „Lola rennt“) und „Liebesbrief“.
Termin
Thomas D spielt am 23. August, 20 Uhr, in Worms beim Jazz & Joy-Festival auf der Sparkassen-Bühne auf dem Marktplatz.
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