Bevor New Model Army in Kaiserslautern Station machen, hat Benjamin Fiege mit Sänger Justin Sullivan über selbstgerechte Künstler und Coolness gesprochen, über die Einteilung der Welt in Nullen und Einsen – und über die romantische Ader der doch angeblich so harten Deutschen.
Justin, Sie und Ihre Band sind gerade auf dem wohl letzten Toten-Hosen-Album zu finden. Wie kam’s dazu?
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Ja, auch wenn ich hinzufügen muss, dass der Song „51st State“, um den es hier geht, nicht hundertprozentig unserer ist. Wir haben ihn 1986 von The Shakes übernommen und damit einen Erfolg gelandet. Campino erzählte mir, dass sie für das Album gerne mit anderen Leuten aufnehmen und Songs covern wollten, die sie mochten. So kamen sie auf uns, wir kennen uns ja schon ewig. Campino hat mich in Bradford besucht, wir haben sechs Stunden lang über das Leben gequatscht, über Geschichte und Musik. Dann schlug ich vor, das Lied einzusingen, wir machten zwei Durchläufe, dann quatschten wir weiter und sind Curry essen gegangen.
Wird es wirklich das letzte Hosen-Album sein?
Ja, den Eindruck hatte ich. Eigentlich zitiere ich mich nicht selbst, aber hier muss ich eine Zeile aus unserem Song „No Mirror, No Shadow“ heranziehen: „It seems so simple, but they just don’t get it. I meant what I said at the time that I said it.“ Es muss Menschen zugestanden werden, dass sie etwas sagen und später ihre Meinung wieder ändern. Gerade im Musikbereich ändern ja viele irgendwann wieder ihre Meinung – und kommen doch zurück. New Model Army haben niemals gesagt: Das war’s jetzt.
In 40 Jahren gab es nicht einmal so einen Moment?
Nun, keinen öffentlichen. (lacht) Wahrscheinlich gab es in den Achtzigern in quasi jedem Jahr den einen Moment, in dem ich einen Raum verlassen, die Türen geknallt und gesagt habe: Ich gehe. Und dann ging ich doch nicht. In den letzten Jahren ist das nicht passiert. Ich kann mir gar nicht vorstellen, aufzuhören. Wenn mich jemand fragt, wann ich in Rente gehen will, sage ich: Ich bin mit Mitte 20 in Rente gegangen. Das was ich hier mache, ist doch keine Karriere im klassischen Sinne, ich mache doch, was ich will. Songs schreiben und spielen. Ich kann mir aber vorstellen, dass das bei den Hosen anders ist. Die sind eine echt große Band, da hängt eine riesige Maschine dran. Wir sind kleiner und haben die Freiheit, zu tun und zu lassen, was wir wollen.
Ihr habt in der Thatcher-Ära begonnen, einer Zeit, die schwierig war, sozial, ökonomisch. Schwieriger als heute?
Wir leben in einer anderen Welt, die technologische Revolution hat alles verändert. Nach einer Disruption gibt es erst mal viel Leid. Der Beginn des Druckwesens hat seinerzeit die Hexenverfolgung befeuert. Jetzt ist es das Internet, das verrückte Ideen verbreitet. Dazu kommt das Thema Künstliche Intelligenz. Wir haben das alles noch gar nicht richtig verstanden und leben noch im Chaos, das einige Gewinner, aber noch viel mehr Verlierer hervorbringt.
Ihr geltet als politische Band. Frustriert einen das nicht, wenn man bilanziert, wie wenig sich zum Besseren entwickelt hat?
Schon, wobei ich immer versuche, nicht über ein spezielles Thema zu schreiben, mit der Botschaft: Dieses oder jenes sollte sich verändern. Als wir anfingen, gab es eine sozialistische Agenda in der Musik, auch eine anarchistische. Es gab Bands, die nur existierten, weil sie eine politische Agenda verfolgten. Für uns galt das nie. Wir neigen zwar nach links, aber für uns stand die Musik immer im Vordergrund. Es war nur einfach so, dass Politik mich als Songschreiber sehr interessiert hat. Trotzdem gibt es immer wieder Phasen, in der es in unseren Songs viel um persönliche Beziehungen geht.
Manchmal schreibe ich übrigens Songs über Haltungen, die gar nicht meine sind. Die ich ablehne. Wie „My People“, ein Song, der während des Ausbruchs des Jugoslawien-Kriegs entstanden ist, und die Perspektive eines Nationalisten einnimmt. Oder „One of the Chosen“ aus der „War on Terror“-Ära, in der es um einen religiösen Fundamentalisten geht. Da ist man wie ein Romanautor. Man muss die Figuren verstehen, aber nicht mögen.
Solche Texte haben heute das Potenzial, maximal missverstanden zu werden. Ist das für euch nicht gefährlich?
Vielleicht ist diese Freiheit, die wir uns nehmen, der Grund, weshalb wir nie ganz groß wurden, obwohl wir ein paar Mal kurz davor standen. Heute kann man sich das eigentlich noch viel weniger leisten, weil Kontext und Nuancen nicht mehr zählen. Das hat auch mit der technischen Entwicklung zu tun. Wir haben offenbar irgendwann entschieden, dass Computer schlauer sind als wir, und seither wird die Welt in Nullen und Einsen eingeteilt, damit die Computer uns besser verstehen. Die Welt wird binär. Wenn man sagt, dass man weder die Hamas unterstützt noch das, was Israel da in Gaza tut, dann verstehen das die Menschen nicht. Sie wollen, dass du eine Seite wählst. Immer und in allen Bereichen. Dabei funktioniert das menschliche Gehirn nicht wie ein Computer. Es ist Chemie. Viel komplizierter.
Es gibt ältere Interviews von dir, in denen du sagtest, dass du etwas ermüdet bist von politischen Botschaften in der Musik. Ist das noch so?
Wir arbeiten gerade an einem Album, dem schwierigen 18. (lacht), es gibt noch kein Release-Datum. Da wird es sicher Momente geben, in denen es politisch wird. Aus denen man etwas rauslesen kann. Die gab es auch auf der letzten Platte. Mich ermüdet eher Social Media. Da bin ich überhaupt nicht aktiv. Und ich gebe auch keine politischen Statements ab. Die wären nicht so wertvoll für die Leute, auch wenn man dazu immer gedrängt wird, weil man doch die Plattform und den Einfluss hat.
Es gab Zeiten, da haben sich Prominente, gerade auch Musiker, gern politisch geäußert, sich vielleicht auch in Kampagnen einspannen lassen. Ist diese Ära langsam vorbei?
Absolut. Wir erleben gerade einen großen Rückschlag gegen solche Äußerungen von Stars. Wenn etwa Aretha Franklin oder Bruce Springsteen in den USA bei Veranstaltungen der Demokraten aufgetreten sind, werden zwar viele die Musik gemocht, sich aber trotzdem gedacht haben: Das ist hier ein Festival der Reichen und Erfolgreichen. Und wenn die Reichen und Erfolgreichen sich hinstellen und den Arbeitern mitteilen, wie sie zu leben haben, wie sie zu schuften haben für einen Hungerlohn, und ihnen dazu ein paar Slogans auf den Weg mitgeben, dann ignoriert man sie irgendwann. Die Selbstgerechtigkeit war der große Fehler der liberalen Linken. Sie haben sich in Special-Interest-Diskussionen verheddert und den Blick dafür verloren, wie die Ungleichheit anstieg. Sie hätte sich um Themen wie Jobs, Wohnen, Bildung und medizinische Versorgung für alle kümmern müssen. Die Rechten sind dann natürlich draufgesprungen.
Sollten also Künstler ihre Plattform gar nicht für solche Statements nutzen?
Sie sollten ihre Plattform nutzen, etwas Gutes und Wahrhaftiges zu schaffen.
Bist du Optimist?
Von Natur aus ja. Ich gehe positiv in jeden neuen Tag. Politisch betrachtet, weiß ich, dass es Zyklen gibt. Demokratie, Oligarchie, Diktatur, Umsturz, Demokratie, und so weiter. Wir leben in Zeiten, in denen vielerorts die Oligarchen übernehmen. Ich bin 70, das macht mir schon Angst, weil ich nicht glaube, dass ich erlebe, wie es nochmal besser wird.
Was sicher gut wird: euer Konzert in Kaiserslautern. Was können die Fans erwarten? Ihr seid eine Band, die die großen Hits auch mal zu Hause lässt …
Wir sehen uns als Band, die etwa fünf bis zehn große Nummern hat. Von denen müssen zwei auf jeden Fall dabei sein. Ich erinnere mich: Als „Vengeance“ 1984 groß wurde, haben wir es nicht mehr live gespielt. Wir wollten nicht, dass die Leute nur für einen Song zu uns kommen. Vielleicht ist das andere Grund, weshalb wir nie so ganz groß geworden sind: Wir weigern uns, die Hits zu spielen. (lacht) Wenn wir Lust haben, spielen wir die Songs, wenn nicht, dann nicht. Das ist nur fair gegenüber dem Publikum, weil man uns Unlust anmerken würde. Wir wollen mit dem Herzen dabei sein.
Das Live-Geschäft wird für Künstler immer wichtiger, gleichzeitig auch immer schwieriger. Woran liegt es, dass es die Leute nicht mehr so sehr auf Konzerte zieht?
Das ist ein ganzer Mix aus Gründen. Zum einen fehlt derzeit vielen Leuten das Geld, klar. Zum anderen mag da auch eine gewisse Übersättigung sein. Denn Künstler touren heute oft und viel, um Geld zu verdienen. Generell geht es New Model Army gerade aber sehr gut, die Leute kommen zu uns, die Nachfrage ist groß.
Ist Deutschland ein guter Markt für Euch?
Ja, auch wenn ich den Begriff „Markt“ nicht mag. Deutschland, Polen, Brasilien und Griechenland sind uns seit unserem ersten Akkord sehr treu. Und auch uns gefällt es da jeweils sehr. Wenn man Stereotype bemühen will: Deutschland hat ja einerseits dieses Harte, Industrielle, gleichzeitig legen sie aber gern ihre Kleider ab und rennen in den Wald. Diese romantische Naturverbundenheit. Härte und Romantik, das spiegelt ja auch unsere Musik wider. Und außerdem habt ihr hier ein gutes Netzwerk an Auftrittsorten, selbst in kleinen Städten gibt es großartige, mit Leidenschaft betriebene Locations. Das haben wir so in England nicht, viele Briten touren sehr gerne bei euch. Ihr seid viel breiter aufgestellt, auch medial. Bei euch entscheiden nicht nur die Leute in Berlin, wer cool ist, ihr seid pluralistischer. Das kam uns zupass.
Hörst du auch Musik, um dich aufzuhypen, bevor es auf die Bühne geht?
Wenn wir auf Tournee sind, sind wir immer müde und schlafen daher viel. Vor dem Gig gehen wir ins Bett, bis etwa eine Stunde davor. Das ist praktisch, weil einen dann einfach nichts ablenkt. Man hat dann nur den Auftritt im Kopf. Dann wärmt man sich ein bisschen auf.
Hat man da nicht Angst, dass man verpennt?
Bei „Wacken“ ist mir das passiert. Alle dachten, ich sei wach, aber ich schlief noch im Bus – und in 25 Minuten sollten wir auf die Bühne. Irgendwie habe ich es im Halbschlaf da raufgeschafft. Das Konzert lief trotzdem überraschend gut. Vielleicht reichen 25 Minuten also in Zukunft aus.
Zur Person
Justin Sullivan (70) ist Sänger und Songwriter der englischen Rockband New Model Army, die 1980 in Bradford gegründet wurde. Die Gruppe hat bisher 17 Alben veröffentlicht und ist nach der Parlamentsarmee benannt, die 1645 während des Englischen Bürgerkriegs gegründet wurde.
Termin
New Model Army spielen am Freitag, 21. August, 19.30 Uhr, im Kulturgarten der Kammgarn in Kaiserslautern (bei Regen drinnen). Karten gibt es online unter www.kammgarn.de.
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