Die Kanadierin Amanda Marshall feierte am Donnerstag nach 25 Jahren in Mainz ihre Rückkehr nach Deutschland. Die lief so gut, dass es bald eine ganze Tour geben soll. Die führt sie dann auch in die Region.
Die Geschichte von Amanda Marshall ist auch eine „Was wäre gewesen, wenn“-Geschichte. Mitte der 1990er Jahre war es, da feierten Singer-Songwriterinnen gerade eine Renaissance, Künstlerinnen wie Tori Amos und Alanis Morissette gehörten zu den Frauen, die das weibliche Singer-Songwritertum wieder salonfähig machten, nachdem es in den 1980er Jahren in einer Krise steckte. Zu den jungen Künstlerinnen, die in den Neunzigern reüssierten, gehörte auch die Kanadierin Amanda Marshall; der legendäre Gitarrist Jeff Healey hatte sie entdeckt.
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1995 erschien ihr Debütalbum, die Singles „Let it Rain“ und „Birmingham“ wurden internationale Top-Ten-Hits. Ab 2003 – zwei Alben später – wurde es dann plötzlich still um die talentierte Musikerin. Sie trennte sich von ihrem Management, überwarf sich mit ihrem damaligen Label. Es folgte eine lange, juristische Auseinandersetzung, zwölf Jahre lang war es Marshall praktisch unmöglich, Musik zu veröffentlichen oder aufzutreten. Erst ab 2017 hat sie wieder langsam angefangen, Auftritte zu absolvieren. 2023 erschien das offizielle Comeback-Album (Corona hatte die Veröffentlichung verzögert) – und jetzt, am Donnerstag, war Marshall das erste Mal seit mehr als 25 Jahren wieder in Deutschland zu erleben. Wie wäre die Karriere der Künstlerin mit der prägnanten Lockenmähne wohl verlaufen, wenn es diese Zwangspause nicht gegeben hätte?
Geglückter Showcase
Es wirkte an diesem Donnerstagabend auf jeden Fall zu keiner Sekunde so, als hätte Marshall irgendetwas verlernt oder als sei sie ein bisschen eingerostet. Ganz im Gegenteil. Eher so, als hätte man sie endlich wieder von der Leine gelassen. Die Frau ist stimmlich in einer Bombenverfassung; auch in Sachen Energie, Intensität und Bühnenpräsenz macht ihr so schnell keiner etwas vor.
Das Konzert in Mainz war als Showcase gedacht, ein Gig (der einzige in diesem Jahr), mit dem man testen wollte, ob in Deutschland überhaupt nach all den Jahren noch Interesse besteht. Offenbar tat es das. Das Konzert im Frankfurter Hof war ruckzuck ausverkauft, was Marshall dazu veranlasst hat, für 2027 eine Deutschland-Tour zu planen. Auch Mannheim, genauer: das Capitol, wird dann auf dem Reiseplan stehen.
Vor allem die Klassiker auf der Setlist
In Mainz legte sie – um sich sozusagen in Erinnerung zu rufen – gleich mit dem größten Hit „Let it Rain“ los, das Publikum war also von Sekunde eins an auf ihrer Seite. Sechs Nummern aus dem Debütalbum standen an diesem Abend auf der Setlist, nur eine aus der Comeback-Platte „Heavy Lifting“ („Can’t Lose Me“).
Mitten im Konzert dann plötzlich Riesenjubel, einfach so, das Publikum war komplett mitgerissen. So viel Zuneigung hatte selbst Marshall nicht erwartet, die mehrfach verlegen lachend den Kopf nach hinten warf. Besonders schön an diesem Abend auch: die Coversongs. Neil Youngs „Don’t Let Bring You Down“, Janis Joplins „Get It While You Can“ oder im Zugabenteil Gino Vannellis „Wild Horses“, das in Marshalls Hit „Dark Horse“ überging. Ein Fest.
Die Energie im Raum war mit Händen greifbar, sie wurde auch durch die große Hitze im Saal nicht beeinträchtigt. „Traut nie einem Sänger, der nicht schwitzt“, gab Marshall dem Publikum mit auf den Weg. Ihre Band und sie kamen schon ab Song zwei nicht mehr ohne helfende Handtücher aus. Ein Trost: Beim Konzert in Mannheimer Capitol am 31. Mai 2027 sollte es nicht ganz so heiß werden.
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