Slow Leaves (foto: Matt Horseman)

Interview: Slow Leaves über sein neues Album, das Vatersein und ungesunde Vergleiche

Mit „The Ruins of Things Unfinished“ hat der kanadische Singer-Songwriter Grant Davidson aka Slow Leaves gerade sein sechstes Album vorgelegt. Darauf untersucht er, wie Familiengeschichte, Generationenmuster und persönliche Ambitionen das Leben prägen, das wir uns aufbauen – und das Leben, das wir erben. Benjamin Fiege sprach mit ihm über die neue Platte, das Vatersein und ungesunde Vergleiche.

Grant, wenn man sich deinen Instagram-Account anschaut, lernt man über Dich, dass es Dich gern mal an Orte zieht, die entweder unentdeckt oder nicht so stark frequentiert sind …

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Gerade wenn man auf Tournee ist, sitzt man viel im Auto. Da nutze ich jede Gelegenheit, einfach mal umherzuwandern. Wenn ich also mal einen freien Tag habe, suche ich mir Orte, die mir interessant erscheinen. Oft zieht es mich dann in die Natur, in den Wald. Ein guter Kontrast zu den Städten, Tankstellen und den Autobahnen, mit denen man es auf Tournee sonst so zu tun hat. Zu viel Beton. Ich brauche Bäume.

Das Artwork Deines neuen Albums ist an einem, man kann fast sagen: Lost Place entstanden.

Ja, das stimmt. Das ist einfach mein Mindset. Das mag nun etwas prätentiös klingen, aber ich mache mir viele Gedanken über das Bewusstsein, über Achtsamkeit. Über die Tatsache meiner Existenz, dass ich da drin bin, in diesem Körper. Man realisiert, dass man quasi ein Gefangener seiner selbst ist und die Dinge nur durch seine eigenen Augen betrachten kann. Damit geht der Wunsch einher, dass ich eine Perspektive einnehmen könnte, die irgendwie von außen kommt. Deswegen zieht es mich oft an Orte, die mir eigentlich gar keinen Grund liefern, dort zu sein. Wenn ich dann dort bin, begegne ich diesen Orten mit einer Neugier, sie wirken plötzlich neu und interessant auf mich. Ich fühle mich dann präsenter.

Das Cover der neuen Platte. (foto: Make My Day Records)

Als ich mir die Fotos ansah, dachte ich mir, dass sich wohl nicht viele dorthin verirren, weil diese Orte nicht instagramtauglich erscheinen. Aber Du entdeckst die Schönheit in Ihnen.

Ja, auch wenn der eine oder andere da vielleicht mit den Augen rollt. Ich fühle mich zu diesen Plätzen hingezogen, gerade in der Natur. Wenn man wie ich in Kanada aufgewachsen ist, hat man das Privileg, keine weiten Strecken auf sich nehmen zu müssen, um irgendwo in der Natur zu sein, fernab von Menschen. Selbst im Umkreis einer großen Stadt wie Winnipeg. Ich bin jemand, der gerne mal die Einsamkeit sucht. In einer Stadt klappt das am besten an Orten, die niemand gern besucht. Urban Wastelands: vergessene Orte ohne sichtbaren Wert. Aber irgendwas Schönes gibt es dort immer. Auch dort ist Leben. Das schien mir ganz passend für mein Album-Artwork.

Irgendwie scheint mir das alles auch eine gute Metapher für deine Musik generell zu sein. Die ist oft sehr melancholisch geprägt, dennoch wohnt ihr immer aber auch eine gewisse Schönheit inne. Sie will nie komplett düster sein. Sie verbindet das Melancholische mit dem Leichten. Ein ähnlicher Ansatz wie Deine Natur-Ausflüge.

Ja, das ergibt Sinn, da hast Du wahrscheinlich Recht. Ein Fakt über das Leben, dem man nicht entkommen kann, ist, dass es sich nicht darum schert, was man fühlt, was einem vielleicht gerade leicht fällt. Meine Musik reflektiert die Akzeptanz dessen. Das Leben ist, wie es ist. Es ist nicht darauf ausgelegt, einfach und bequem zu sein. Die Schönheit ist zwar immer da, aber sie ist eben oft in diesem ganzen Chaos verborgen. Für mich ist das die Realität, und über die Jahre habe ich gelernt, mit ihr klarzukommen.

In Deiner Musik beobachtest Du Dich, Deine Gedanken und inneren Kämpfe sehr präzise. Du gräbst da sehr tief. Hilft Dir Deine Musik, Dich selbst besser zu verstehen? Hatte sie schon immer die Funktion? Oder gab es mal eine Zeit, in der Musik für dich auch reines Entertainment war?

Für mich war Musik immer schon mehr als reines Entertainment. Die Songs, die mich berührt haben, waren immer eher melancholisch und kontemplativ. Mir gefällt dieser mentale Space, den manche Lieder anbieten können. Melancholie ist so ein bisschen meine Werkseinstellung, wahrscheinlich hat mich solche Musiker daher immer angesprochen. Als ich dann anfing, selbst Musik zu machen, habe ich mich wohl unweigerlich an solcher Musik orientiert. Sie erschien mir geeignet, mein Innerstes nach außen zu kehren. Das ergab sich. Das ist keine Sache, für die man sich einfach so entscheidet. Es hilft mir, viele Gefühle und Gedanken zu verarbeiten.

In einem Interview sagtest Du mal, dass Dein ganzer Song-Katalog sozusagen eine Geschichte über Dich erzählt. Ist es das erste Ziel dabei, Dich anderen verständlich zu machen? Oder Dich selbst zu verstehen?

Der Akt des Musikmachens ist für mich ein sehr egoistischer Prozess, ich bin da vor allem auf mich fokussiert und mache mir zunächst keine Gedanken darüber, was andere denken könnten. Für mich geht es in erster Linie darum, ehrlich zu mir selbst zu sein und so Klarheit über mich zu gewinnen. Ich weiß aber auch, dass ich eine Person unter Milliarden bin, und da wird es auch ausreichend Menschen geben, die sich mit dem, was ich denke, irgendwie identifizieren können. Und das ist dann auch immer schön, klar.

Vielleicht ist es auch eine notwendige Einstellung, wenn man sich so verletzlich präsentiert. Da braucht man ein dickes Fell.

Sicher. Und natürlich möchte ich, dass Menschen meine Musik mögen. Ich bin schließlich Musiker und veröffentliche, was ich da tue. Aber ich will nicht, dass Erwartungen sozusagen in den kreativen Prozess intervenieren. Ich brauche da diese Ehrlichkeit.

Liest Du Dir Kritiken durch?

Generell schon, ich bin da neugierig, möchte Gutes über mich lesen und hoffe natürlich darauf, dass der Punkt, den ich machen will, auch rüberkommt. Manchmal ist das aber zu viel verlangt, und das verstehe ich. Zumal ich selbst auch einen sehr kritischen Blick auf Musik habe, die ich konsumiere. Natürlich ärgert es mich auch ein bisschen, wenn meine Songs jemandem nicht gefallen, das ist der fragile Part in mir. Dann richte ich mich immer an einem Interview mit Neil Young auf. Der trägt schlechte Reviews wie einen Orden. Weil die ihm zeigen, dass er nicht in der Komfortzone verharrt, sondern etwas gewagt hat. Wenn alle dein Lied mögen, hast Du vielleicht etwas falsch gemacht. Daran orientiere ich mich. Wahrscheinlich hilft es bei der Einstellung aber, Neil Young und bereits reich und berühmt zu sein. (lächelt)

Das große Thema Deines neuen Albums sind Familien-Dynamiken. Darum, wie generationenübergreifende Traumata uns zu dem formen, der wir sind. Was gab Dir für das Thema die Initialzündung? Der Umstand, selbst Vater zu sein?

Ja, das ist der Grund. Im besten Falle ist es einem wichtig, ein gutes Elternteil zu sein. Und man bemerkt in diesem gedanklichen Prozess an sich Dinge und Gewohnheiten, die vielleicht kontraproduktiv sein könnten, die nicht hilfreich sein könnten. Man trägt eben selbst auch immer die Dinge mit sich herum, die einem selbst gegeben wurden. Von den Eltern. Durch die Genetik. Und den eigenen Eltern und deren Eltern ging es ja genauso. Ein endloser Strom an Verhaltensweisen, die man weitergibt. Egal, wieviel Bücher man über das Elternsein liest, das macht einfach etwas mit einem.

Du hast neulich in einem Interview gesagt: Das Leben wird durch unerfüllte Erwartungen und das Unperfekte geprägt. Ist das nicht aktuell das große gesellschaftliche Problem? Dass die Erwartungshaltung ans eigene Dasein mittlerweile so unrealistisch geworden ist? Früher hat man einen Job, ein Häuschen, eine Familie gewollt und das war das, was man vom Leben zu erwarten hatte. Heute vergleicht man sich ständig mit anderen und nichts scheint jemals genug zu sein.

So ist es, ich stimme Dir da zu 100 Prozent zu. Die Maschine ist mächtig, die Menschen, die uns Dinge verkaufen wollen, sind sehr gut darin geworden, uns weiszumachen, dass wir das alles benötigen, was sie da anbieten. Obwohl wir eigentlich nichts davon brauchen. Früher gab es im Fernsehen Werbeblocks, das war schlimm genug, jetzt leben wir aber in so einer Dauerwerbesendung. Ständig wird uns etwas angedreht, oft merken wir es nicht einmal. Alles ist auf den ständigen Vergleich mit anderen angelegt, auf dieses Streben nach einem unmöglich zu erreichenden Ideal. Und das, was sie uns als Vergleich anbieten, ist ihre Fake-Version von Realität. Das sorgt für viel allgemeine Unzufriedenheit. Ich versuche mich als Musiker da gegen diese Konditionierung zu wehren. Mich nicht ständig mit erfolgreicheren, besser situierten Kollegen zu vergleichen.

Hilft da einfach, sich aus Social Media zurückzuziehen?

Darauf habe ich keine zufriedenstellende Antwort. Die Welt ist in dieser Hinsicht sehr anstrengend geworden. Auch ich ertappe mich manchmal dabei, zu oft am Handy zu hängen. Manchmal wünschte ich mir, es einfach in einen Fluß werfen zu können. Als Musiker ist Social Media aber der einzige Weg, seine Musik noch zu vermarkten.

Die Hürden, die man als Künstler überwunden muss, sind ebenfalls Thema Deines neuen Albums. Sind die Zeiten für Künstler hart wie nie?

Ich denke, wir leben noch in dieser Hangover-Phase von dieser Zeit, in der Leute gute Musik machen und damit richtig Geld verdienen konnten. Das ist aber eine sehr moderne Sichtweise auf Kunst und Künstler. Wenn man weiter zurückblickt, dann brauchten Künstler immer eine Art Sponsoren, einen Mäzen. Es gab keine armen Leute, die einfach so Kunst und Karriere machten. Wir hängen da also einer modernen Illusion nach und die wird durch Plattformen wie TikTok befeuert, die einem vorgaukeln, dass das noch genauso geht.

Ich stelle mir oft die Frage, was man als Künstler eigentlich erwarten darf. Kunst ist sehr wichtig und es wäre schön, wenn es eine Gesellschaft gäbe, die Kunst so sehr wertschätzt, dass sie es Künstlern ermöglicht, die Dinge zu tun, die sie tun. Aber bedeutet das, dass automatisch jeder das Recht dazu hat, Künstler zu sein? Ich muss mir selbst ja diese Frage auch regelmäßig stellen, ob es verantwortbar ist, dass ich diesen Karriereweg eingeschlagen habe und fortführe. Das Feedback, das ich bekomme, lässt mich sagen: ja. Auch wenn ich nicht reich damit geworden bin.

Macht es Dir Angst, dass die Streamingportale mit KI-Musik geflutet werden?

Ich hasse es. Es ist leider so, dass es vielen nicht einmal auffällt. Weil sie Musik nicht als Kunst, sondern nur als Unterhaltung schätzen. Gedudel, das läuft, während sie kochen. Vielen ist es also egal, ob Musik von einem Menschen oder einer KI gemacht wurde. Gleichzeitig setzen viele Firmen jetzt auf KI-Musik, weil sie damit noch ein bisschen Geld sparen können. Ich hasse es. In der Kunst hat KI nichts verloren.

Du hast gesagt, dass Du Dich immer hinterfragen musst, ob das alles so Sinn ergibt. Du hast Dich recht spät auf eine Musikkarriere festgelegt, bist in Deinen 30ern all in gegangen. War damals klar, in welche Richtung sich das Musikgeschäft entwickeln würde?

Ich war damals 33, ja. Aber so habe ich über diesen Weg gar nicht nachgedacht. Ich habe schon immer Musik gemacht, ging aber auch zur Uni, hab meinen Abschluss gemacht, in diversen Jobs gearbeitet. Weder diesen Jobs noch der Musik konnte ich mich damals zu 100 Prozent widmen. Irgendwann realisierte ich, dass ich mich entscheiden musste. Und es nagte an mir, wissen zu wollen, wie weit ich wohl mit der Musik kommen würde. Ich wollte nicht irgendwann 50 sein und mich fragen, warum ich es nie riskiert habe. Meine Frau hat mich dann darin bestärkt, es zu wagen und meinen Englischlehrer-Job an den Nagel zu hängen. Ich habe es dann getan – und nie bereut. Ich habe das Richtige getan. Spät, aber immerhin. Vielleicht wäre ich in meinen 20ern auch noch nicht reif genug gewesen.

Hättest du in Deinen 20ern gestartet: Hättest Du dieselbe Musik gemacht? Oder was ganz anderes?

Ich machte ja Musik, schrieb viele Songs. Wenn ich heute darauf zurückblicke, war da viel Peinliches dabei. Man wusste ja auch nicht, was man tat, kannte die Spielregeln noch nicht und schrieb irgendwelche kruden Siebenminüter voller Wechsel. Damals hörte ich viel R.E.M., Black Sabbath, Led Zeppelin, The Doors, Tori Amos. Ich war sehr ehrgeizig, aber auch ein bisschen ahnungslos, was meine eigene Musik anging. Dann plötzlich interessierte mich plötzlich Country-Musik, 70s-Outlaw-Nashville-Zeug: Willie Nelson, Townes Van Zandt. Mit der Zeit kam ich dann dem immer näher, das mir wirklich entspricht. Bei vielen meiner Songs habe ich heute das Gefühl, dass nur ich diesen Song so hätte schreiben können. Das ist ein befriedigendes Gefühl.

Die Künstler, die Dich beeinflusst haben, machen unter Kennern alle etwas her. Wen man sich jetzt aber Deine Playlist anschauen würde, was wäre die überraschendste Nummer, die man darauf finden könnte? Dein guilty pleasure?

Ich verurteile Musik nicht mehr so wie früher, bin da mit dem Alter etwas lockerer, vielleicht tiefer geworden. Heute denke ich: eine gute Melodie ist eine gute Melodie. Da fühle ich mich nicht mehr schuldig. Ich versuche, offen zu sein. Was mich abturnen kann, ist oft die Stimme, der Gesangsstil.

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