Grant Davidson hat wieder neue, wunderbare Musik am Start. Auf dem sechsten Slow-Leaves-Album „The Ruins of Things Unfinished“ erkundet er, wie Familiengeschichte, Generationenmuster und persönliche Ambitionen das Leben prägen, das wir uns aufbauen – und das Leben, das wir erben.
Grant Davidson ist einer dieser Musiker, die deutlich bekannter sein sollten als sie es sind. Der aus Winnipeg stammende Musiker aka Slow Leaves macht wunderbar melancholische, bittersüße Musik, die immer ehrlich gemeint und nie aufgesetzt wirkt. Sein Stil hat ihm schon Vergleiche mit Künstlern wie Nick Drake eingebracht – und man würde sich wünschen, dass der Mann von diversen Chart-Spitzen grüßen würde. Wahrscheinlich ist er dafür zu leise.
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Was bestimmt wer wir sind?
Wie dem auch sei, Davidson hat ein neues Album am Start. Eine Song-Sammlung von Slow Leaves, das ist immer ein Versprechen, das auch konsequent eingelöst wird. „The Ruins Of Things Unfinished“ heißt das neue Machwerk, der Albumtitel ist ein Zitat des portugiesischen Schriftstellers Fernando Pessoa: „Ich bestehe aus den Ruinen unvollendeter Dinge.“ Für Davidson spiegelt dieser Satz sowohl die Last der Vergangenheit als auch die Möglichkeit der Transformation wider.
Es ist der perfekte Titel für ein Album, auf dem der Kanadier untersucht, wie man durch Familiendynamiken und generationenübergreifende Traumata geprägt wird. Wie durch sie bestimmt wird, wer wir werden, wie Muster unsichtbar weitergegeben werden und wie die Auseinandersetzung mit Unbehagen selbst ein Akt der Fürsorge sein kann. Durch seine Songs wird das Album zu einer Meditation über Heilung, Verantwortung und den Mut, der nötig ist, um uns selbst neu zu erfinden.
Die Highlights
Zu den Glanzlichtern gehört etwa der herzzerreissende Opener „Tired“ und das als Single ausgekoppelte „Happen Like That“. Über letztgenannten Song sagt Grant: „Manchmal wünschte ich, das Leben wäre wie im Film – mit unverkennbaren Helden und Bösewichten und einer Liebesgeschichte, die am Ende immer funktioniert.“ Der sanfte Folksong trägt jene Melancholie in sich, die viele von Davidsons Reflexionen über das Leben und die Hoffnung untermalt.
Auch das leise, aber dennoch kraftvolle „Not Your Fault“ gefällt. Geschrieben in einem Moment emotionaler Turbulenzen, fängt „Not Your Fault“ die zerbrechliche Klarheit ein, die nach einem Konflikt entstehen kann. Aufgebaut um Davidsons ruhigen, intimen Gesang und sein feinfühliges Gitarrenspiel, entfaltet sich der Song mit einem geduldigen, zurückhaltenden Arrangement. Anstatt Schuld zuzuweisen, erkundet „Not Your Fault“ behutsam den Raum, in dem Verständnis beginnt.
„Over It“ geht für Slow-Leaves-Verhältnisse überraschend nach vorn. Steht ihm auch gut. Die Indie-Folk-Nummer „Don’t Fret“ erinnert dann wieder an frühe Slow-Leaves-Werke. Der Song, der eigentlich „Molecules in Self-Defence“ heißen sollte, entstand aus einer Meditation über die Existenz selbst: der Idee, dass sich alle bekannte Zeit irgendwann zu flüchtigen Materieklumpen verdichtet, die verzweifelt versuchen, eine ursprüngliche Einsamkeit durch Liebe oder deren viele Annäherungen zu lindern. Der Track basiert auf Davidsons warmer, suchender Stimme, fingergepickter Gitarre und sanften Keyboards und wird durch Rejean Ricards geduldige Basslinien, Roman Clarkes subtiles, gemächliches Schlagzeugspiel und die melodische Hebung von Jeremy Penners Geige zum Leben erweckt.
Und schöner als mit „Out Of Time“ haben nur wenige Alben geendet. Das Beste kommt zum Schluss. „Ich schreibe keine traurigen Lieder, ich schreibe einsame Lieder“, hat Davidson mal über sein Werk gesagt. Einsame spitze sind sie auf jeden Fall.
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