Heinz Strunk liebt Kurzgeschichten. 36 davon hat er in „Kein Geld, kein Glück, kein Sprit“ versammelt. Vor der Lesung in Karlsruhe sprach Benjamin Fiege mit dem Schriftsteller, Musiker und Satiriker über Inspiration, seine Antennen für die Umwelt und melancholische Figuren.
Herr Strunk, bei Ihnen geht es derzeit Schlag auf Schlag. Sie scheinen eine unheimlich produktive Phase zu haben.
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Als Phase würde ich das nicht bezeichnen, ich finde, das geht jetzt schon seit 2015 so. Man muss im Alter nicht zwangsläufig schlechter werden oder weniger Ideen haben. Im Gegenteil. Ich habe vielmehr das Gefühl, durch eine größere Routine zwischen guten und schlechten Ideen besser unterscheiden zu können. Wie jeder Mensch habe ich 16 Stunden am Tag Zeit zur Verfügung. „Kein Geld, kein Glück, kein Sprit“ hat rund 200 Seiten, „Graf Fauchi“ etwa 60. Das ist ja zu bewältigen, wenn die Ideen da sind.
Gelingt es Ihnen, auch mal nichts zu tun?
Zu meinem Leidwesen nicht. Eigentlich würde ich gerne mal zwei Monate irgendwo hinfahren. Aber nicht zu arbeiten, das ist nicht meine Tasse Tee.
Man sagt ja: Bevor es Output geben kann, muss da erst Input gewesen sein.
Ich glaube, das ist ein Irrtum. Wenn man nur etwas schreiben kann, nachdem man etwas erlebt hat, wird es schnell eng. Wenn man nur aus seinem biografischen Fundus schöpfen kann. Aus dem wenigen, das ich erlebt habe, bin ich in der Lage, immer Neues zu schaffen. Ich brauche bis zum Ende meiner Tage absolut nichts mehr erleben und könnte trotzdem weiter arbeiten. Anders geht es nicht. Ernstzunehmende Künstler können das aus sich heraus. Ich selbst habe das auch gelernt. Nach „Heinz Strunk in Afrika“ habe ich mich vom Biografischen wegbewegt, danach kam „Der Goldene Handschuh“.
„Kein Geld, kein Glück, kein Sprit“ ist eine Kurzgeschichtensammlung. Die Kurzgeschichte hat es in Deutschland schwer. Wie hat der Verlag reagiert, als Sie das Projekt vorgeschlagen haben?
Der Verlag redet mir da nicht rein, zweifelt meine Vorhaben nicht an. Dafür ist meine Stellung viel zu stark. Es ist ja auch schon mein dritter Kurzgeschichtenband. Der erste hat sich knapp 30.000 Mal verkauft, der zweite 45.000 Mal, der dritte liegt nun bei 65.000. Die Zahlen sprechen für sich.
Woran liegt es, dass es die Kurzgeschichte so schwer hat bei uns?
Die Frage kann Ihnen keiner beantworten. Das ist leider so. Die Deutschen mögen Romane, und da am liebsten Krimis. In anderen Ländern, gerade in den USA, hat die Short Story einen ganz anderen Rang.
Worin liegt für Sie der Reiz des Formats?
Die Vielzahl an Ideen, die ich habe, kann ich hier in komprimierter Form ausdrücken, ohne ins Schwafeln zu geraten. Ich kann mich aufs Wesentliche beschränken. Ein Roman kommt oft auch mit viel Überflüssigem daher, um 300 Seiten füllen zu können, braucht man Nebenplots et cetera.
Welche Kurzgeschichtenautoren schätzen Sie persönlich?
Da gibt es so viele. Vor allem amerikanische. Hemingway etwa hat gleichberechtigt neben dem Roman Kurzgeschichten geschrieben. Im Deutschen fällt mir zuerst Botho Strauß ein.
Sie sind ein unheimlich präziser Beobachter. Sind Sie jemand, der nonstop mit ausgefahrenen Antennen durch die Welt läuft? Oder setzen Sie sich gezielt auf Parkbänke und observieren?
Ich führe eher ein Eremiten-Dasein, obwohl ich in einem Hotspot lebe: zwischen St. Pauli und Schanze. Die Antennen sind einfach immer ausgefahren, ich bin immer auf Empfang, wenn ich dann mal rausgehe. Meine Wahrnehmung ist da sehr scharf.
Hat Ihr Umfeld Sorge, in einer Ihrer Geschichten aufzutauchen?
Nein, das wäre mir auch zu plump. Ich verwende maximal minimale Teile einer realen Person. Nichts, was Rückschlüsse auf einen Menschen zulassen würde.
Sie sind bekannt dafür, melancholische Figuren zu beschreiben. In einem Interview sagten Sie neulich, dass Sie sich jetzt mehr um Balance bemühen. Macht es mehr Spaß, über das Glück oder das Unglück zu schreiben?
Das kommt auf die Idee an. So ein Kurzgeschichtenband mit seinen 36 Geschichten muss ausgewogen sein, da achte ich schon sehr drauf. Wenn da nur deprimierende Figuren auftauchen, könnte man das nicht ertragen. Mein Lektor, mit dem ich schon viele Jahre zusammenarbeite, achtet da genauso drauf wie ich. Ich will ja meine Bücher auch verkaufen. Der „Zauberberg II“ lief nicht ganz so gut wie erwartet, vielleicht war er den Leuten zu deprimierend.
Hat das was mit der Zeit zu tun, in der wir leben? Ist die vielleicht an sich schon zu deprimierend?
Die Realität war immer schon traurig. Die Gegenwart wird immer als schwer und krisenbehaftet wahrgenommen. Es ist zwar beklagenswert, dass sich die Welt nach den verheißungsvollen 1990er-Jahren wieder in eine andere Richtung entwickelt, aber wenn man sich wirklich umschaut, sind die meisten Menschen in ihrem Alltag doch gar nicht betroffen. Wenn ich hier ums Eck gehe, Richtung Kiez oder Schanzenviertel, dann sehe ich Menschen, die feiern, als wenn es kein Morgen gäbe.
Sie bringen immer Empathie für Ihre Figuren auf, selbst wenn es schwierige Charaktere sind. Gibt’s Figuren, bei denen Ihnen das schwer gefallen ist?
Ich muss mitfühlend sein, damit ich die Figur so vermittele, dass der Leser sie begreift. Das heißt nicht, dass ich für alle Figuren Empathie empfinden muss. Nehmen Sie die Figur Frank aus „Stampede“, der Betonklötze von der Autobahnbrücke schmeißt. Für ihn kann man keine Empathie empfinden. Da geht es eher darum zu beschreiben, warum solche Typen so sind wie sie sind und warum sie so geworden sind. Warum das so abgrundtief Böse existiert.
Gibt es Figuren in dem Band, die noch nicht auserzählt sind und denen wir in Zukunft wieder begegnen?
Es sind eher Typen, die ich vielleicht wieder verwende, aber nicht unbedingt dieselben Figuren. Ich kann die Menschheit ja auch nicht neu erfinden. Das größte Märchen, an das der Mensch glaubt, ist das, dass er einzigartig sei.
Wenn Sie schreiben, werkeln Sie so lange an einem Satz bis er passt? Oder entsteht der Feinschliff erst in der Überarbeitung?
Im ersten Anlauf geht es nur darum, Strecke zu machen. Der sprachliche Schliff kommt erst in der Überarbeitung. Ich bin froh, nicht vor 100 Jahren Schriftsteller gewesen zu sein. Handschriftlich oder mit Schreibmaschine, das wäre für mich schwierig gewesen.
Sie haben vorhin das Lektorat angesprochen. Fällt es Ihnen leicht, Kritik anzunehmen?
Ich nehme Vorschläge sehr gerne entgegen. Mein Lektor ist sehr gut, daher greife ich fast alle Anmerkungen auch auf, ich wäre dumm, wenn ich das nicht täte. Sich für Kritik unempfänglich zu zeigen, ist ein Fehler, denn viele Schreiber machen. Gerade am Anfang, wenn sie vielleicht ihr erstes Buch veröffentlicht haben und plötzlich meinen, sie wissen jetzt wie es geht. In die Falle zu tappen, ist selbstmörderisch. Kritikfähigkeit ist das A und O.
Werden Sie in Karlsruhe nur aus „Kein Geld, kein Glück, kein Sprit“ lesen? Sie haben mit „Memories of Heidelberg“ ja schon das nächste Buch in den Startlöchern …
Ja, es wird um „Kein Geld, kein Glück, kein Sprit“ gehen, dazu ein bisschen etwas aus „Graf Fauchi“. Dem neuen Buch wird dann ein eigener Auftritt gewidmet, das ist ja ein ganz anderes Thema.
Warum ausgerechnet Heidelberg?
Eine Schwester von mir wohnt da. Auch ein guter Freund, daher bin ich schon häufiger, bestimmt 30, 40 Mal, in der Gegend gewesen. Da ist dann eine Idee entstanden.
Zur Person
Heinz Strunk, bürgerlich Mathias Halfpape, ist ein deutscher Schriftsteller, Musiker, Schauspieler und Satiriker. 1962 in Bevensen (Lüneburger Heide) geboren, erlangte er erste Bekanntheit Ende der 1990er, als er mit Rocko Schamoni und Jacques Palminger das humoristische Trio Studio Braun gründete. Der große Durchbruch als Autor gelang ihm 2004 mit „Fleisch ist mein Gemüse“. Zu seinem Werk gehört auch „Der goldene Handschuh“ und „Zauberberg 2“.
Termin
Heinz Strunk liest am Samstag, 16. Mai, 20 Uhr, im Tollhaus in Karlsruhe aus „Kein Geld, kein Glück, kein Sprit“.
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