Nostalgie stand beim Auftritt der No Angels in der Mainzer Zitadelle beim „Summer in the City“-Festival am Donnerstag im Vordergrund. 2000 Zuschauer wollten nochmal so unbeschwert feiern wie zur Jahrtausendwende.
Die Apokalypse war ausgefallen, die Stimmung eigentlich erst einmal gut. Was hatte man sich in den Jahren zuvor alles so ausgemalt, was da nun bei der Umstellung vom 31. Dezember 1999 auf den 1. Januar 2000 wohl passieren möge. Vom „Millennium-Bug“ war die Rede, vom Zusammenbruch der Computersysteme. Man sah vor dem inneren Auge die Lichter ausgehen, Atomkraftwerke würden ihren Dienst nicht mehr verrichten, die Banken kollabieren und Flugzeuge vom Himmel fallen. Nichts dergleichen passierte letztlich, der Untergang blieb aus, der Jahreswechsel verlief nahezu reibungslos und die große Party, die die 1990er waren, konnte erst einmal weiter gefeiert werden.
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Musikalisch war das Jahr 2000 eine Übergangsphase. Die 1990er waren zu Ende, die Nuller Jahre hatten aber musikalisch auch noch nicht richtig Fahrt aufgenommen. Tanzbarer, glatt polierter Pop blieb vorerst das Ding.
Deutsche Antwort auf die Spice Girls
Man muss sich diesen Kontext mitdenken, wenn man den Erfolg der TV-Casting-Show „Popstars“ verstehen will, die am 14. November 2000 das erste Mal über den Bildschirm flimmerte. Als RTL II das neuseeländische Format für den deutschen Markt adaptierte, gab es etwas Vergleichbares hierzulande noch nicht. Sicher, Boy- und Girlbands wurden schon länger gecastet, nur fand der Auswahlprozess hinter verschlossenen Türen statt. „Popstars“ machte eben diesen öffentlich, in 17 Folgen konnte man hier einer Bandwerdung beiwohnen. So unschuldig wie „Popstars“ kamen Casting-Shows danach nie wieder daher, bemerkte der „Musikexpress“-Autor Fabian Soethof neulich, „Dieter Bohlen hatte mit ,Deutschland sucht den Superstar’ Simon Fullers ,American Idol’ noch nicht mit Häme und Sexismus eingedeutscht, Heidi Klum shamte noch keine Bodys in ,Germany Next Topmodel’.“
Gesucht wurde damals eine Girlband, die Gelegenheit schien günstig. Die Spice Girls hatten sich gerade verabschiedet, auch der deutsche Markt gab nichts her. Es fehlte an starken Frauenbildern im deutschen Pop. International schien die durch die Spice Girls losgetretene „Girlpower“-Bewegung wieder rückabgewickelt zu werden. Die neuen Stars der Stunde wie Britney Spears sendeten keine feministischen Botschaften aus, sondern erfüllten eher wieder alte Rollenbilder. Eine deutsche Girlgroup, so die Idee, sollte die Vakanz füllen, die die Spice Girls hinterlassen hatten.
25 Jahre Dienstjubiläum
In Mainz standen nun vier der fünf Damen auf der Bühne, denen das kurzzeitig gelungen war, wenn auch ohne die internationale Durchschlagskraft der britischen Vorbilder: Nadja Benaissa, Sandy Mölling, Jessica Wahls und Lucy Diakovska. Die No Angels. Mehrfach trennte und wiedervereinigte sich die Band (schrumpfte nach dem Ausstieg von Vanessa Petruo ab 2003 zum Quartett), war immer wieder für längere Zeit verschwunden, trotzdem feiert die Gruppe gerade ihr 25-jähriges Dienstjubiläum.
Man kann sich so ausführlich mit der popkulturellen Gemengelage in den Jahren 2000 und 2001 beschäftigen, denn die No Angels stecken weiterhin in dieser Zeit fest. Lässt man ein Weihnachtsalbum (2025) und das 2021 erschienene „20“, ein Album mit Neuaufnahmen ihrer Klassiker und ein paar neuen Songs, außen vor, erschien das letzte reguläre Album der Band 2009. Setlist, Choreografie, Bühnenklamotten: all das schreit „Nuller Jahre“ bei den No Angels, auch im Jahr 2026.
Solide Performance
Die Zuschauer, vornehmlich weiblich, lassen sich von der Band gerne zurück in diese Zeit entführen, die rückblickend-verklärend so krisenbefreit erscheint. Sie sind auch froh, dass sie überhaupt da ist. Zuletzt musste die Band viele Konzerte absagen. Mal war es die Gruppe selbst (aus gesundheitlichen Gründen), mal der Veranstalter (aus produktionstechnischen Gründen, was oft so heißt, dass zu wenig Tickets verkauft wurden).
Die Performance des Quartetts ist an diesem Abend solide, vor allem eingedenk der brütenden Hitze. Die Choreografien sitzen. Auch gesanglich passt es zumeist, auch wenn hier und da mal ein bisschen Wucht fehlt. Dass es der Gruppe an Selbstironie nicht mangelt, ist erfrischend. Wenn Lucy etwa das Publikum fragt, ob es Lust auf etwas Altes hat, wo es doch gar nichts Neues gibt. „Von wann ist dieser Song“, fragt sie in die Band, als „100% Emotional“ angestimmt werden soll. Aus der schallt es zurück: „Vom Debütalbum, 1963“.
Die Hitdichte ist überraschend hoch. Heute verbindet man die Band vornehmlich mit „Daylight in Your Eyes“ und dem Eurythmics-Cover „There Must Be An Angel“. Doch man merkt schnell, dass man seinerzeit wohl weit mehr Songs der No Angels ausgesetzt war als man dachte. Das Alison-Moyet-Cover „All Cried Out“, „Rivers of Joy“, „Something About Us“ oder „Still in Love With You“ erzeugen einen „Stimmt, das gab’s ja auch noch“-Effekt. Dennoch: Auf die zwei großen Hits, die sich die No Angels für den Zugabenteil aufgespart hatten, geht das Publikum am eindrucksvollsten steil. Noch einmal feiern, als wäre es 2001 – bevor die Türme fielen.
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