Eigentlich ist John Grisham ja vor allem für seine Gerichtsdramen und Justizthriller bekannt. Jetzt legt der US-amerikanische Schriftsteller mit „Das Vermächtnis“ seinen ersten waschechten Kriminalroman vor. Einen klassischen Whodunit – mit verschiedenen Verdächtigen, mehreren Twists und einem überraschenden Täter. So ganz ohne Courtroom-Drama geht es dann aber auch nicht.
Wo John Grisham drauf steht, ist gewöhnlich ein Bestseller drin. Der 1955 in Jonesboro, Arkansas geborene Autor hat in seiner langen, illustren Karriere so manchen Klassiker geschaffen. Unter anderem flossen ihm“Die Jury“, „Die Firma“, „Die Akte“, „Der Klient“ und „Der Regenmacher“ aus der Feder. Grishams Bücher sind in 42 Sprachen erschienen, in einer Gesamtauflage von 275 Millionen Exemplaren. Kann man mal so machen.
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Das Publikum erwartet von Grisham natürlich seine für ihn typischen Gerichtsdramen und Justizthriller. Insofern ist es schon ein bisschen mutig, wenn auch nicht verwegen, ein bisschen an der Erfolgsformel zu schrauben. Auch wenn ein bisschen Courtroom-Drama dabei ist, ist Grishams neuester Wurf schon eher ein klassischer Whodunit. Dem Verlag zufolge ließ sich der Gute von Kollegen wie Raymond Chandler, Walter Mosley und James Lee Burke inspirieren. Den entscheidenden Anstoß habe Scott Turows Bestseller „Aus Mangel an Beweisen“ geliefert, in dem ein Anwalt des Mordes an seiner Geliebten beschuldigt wird.
Alle Indizien sprechen gegen Simon
Im Zentrum von „Das Vermächtnis“ (im Original: „The Widow“) steht Simon Latch. Ein kleiner Anwalt im ländlichen Virginia. Finanziell kommt er gerade so über die Runden, zumal er seiner Leidenschaft, den Sportwetten, etwas zu sehr frönt. Auch seine Ehe ist ein Scherbenhaufen. Dann betritt Eleanor Barnett sein Büro, eine ältere Witwe, die ein neues Testament braucht. Offenbar hat ihr Mann ihr ein gewaltiges Vermögen hinterlassen, von dem niemand etwas weiß. Simon behandelt den Auftrag streng vertraulich, aber die Nachricht von Eleanors Reichtum scheint durchzusickern. Als Eleanor Opfer eines schweren Autounfalls wird, entgleitet Simon in kürzester Zeit alles. Nichts ist, wie es scheint, und plötzlich wird er wegen Mordes verhaftet. Alle Indizien sprechen gegen ihn, und er hat nur eine einzige Chance, der Todesstrafe zu entgehen: indem er selbst den wahren Täter findet.
Man muss etwas Sitzfleisch mitbringen, bei diesem Grisham-Krimi. Der Schriftsteller lässt sich etwas Zeit, wählt hier einen eher bedächtigen Erzählstil. Dafür ist er zwar bekannt, hier übertreibt er es aber ein bisschen. Erst als Simon ins Fadenkreuz gerät, nimmt die Story Fahrt auf. Grisham macht dann einen guten Job, den Leser auf verschiedene, falsche Fährten zu führen und so einen veritablen Spannungsbogen aufzubauen. In dem windigen Simon hat er auch einen interessant gezeichneten Charakter, keinen klassischen Helden, im Mittelpunkt der Geschichte, die natürlich auch wieder als Kritik am US-Justizsystem und seinen Protagonisten funktioniert. Am stärksten ist der Roman denn auch – man ahnt es – in den Gerichtsszenen. Leider lässt die Auflösung am Ende dann zu wünschen übrig – und verwässert so den eigentlich positiven Gesamteindruck.
Lesezeichen
John Grisham: „Das Vermächtnis“, Heyne, München, 480 Seiten, 24 Euro.
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