Ilgen-Nur (foto: Miriam Marlene)

Interview: Ilgen-Nur über Los Angeles, ihr neues Album und die Pfalz

Sie ist der Hauptact der 22. Ausgabe der „Langen Nacht der Kultur“, die am 22. Juni in Kaiserslautern über die Bühne geht: Ilgen-Nur. 2019 veröffentlichte die 1996 in Kirchheim unter Teck geborene Sängerin ihr hochgelobtes Debüt „Power Nap“. Im vergangenen Oktober folgte das nicht minder beklatschte zweite Album „It’s All Happening“, das schwer den Geist des Laurel Canyons atmet. Benjamin Fiege sprach mit der Wahl-Hamburgerin über den Sehnsuchtsort Los Angeles, ihre neue Platte und die Pfalz.

Nach Ihrem Debütalbum wurden Sie ja erst einmal – wie viele Künstler – von der Pandemie ausgebremst. Bekommen Sie jetzt, nach Album Nummer zwei, das erste Mal einen Geschmack davon, was es heißt, ein Popstar zu sein?

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Das würde ich so nicht ganz sagen. Ich bekomme jetzt wieder einen Geschmack davon, wie es ist, vor Menschen meine Songs zu singen, auf Tour zu sein und unterwegs zu sein. Es ist ein neues Gefühl, das sehr anders ist als damals, als ich mit 20 Jahren angefangen habe. Ich hatte in den letzten Jahren mehr Zeit zum Reflektieren. Allerdings bin ich weit entfernt von dem Gefühl, ein Popstar zu sein. Ich existiere als Indie-Künstlerin in Deutschland in einer extremen Nische, bin aber trotzdem sehr dankbar dafür.

Einen Teil der Pandemie haben Sie in den USA verbracht. Was war das für eine Erfahrung, was ist aus dieser Zeit geblieben?

Ich habe nur etwa zwei Monate vor und während der Pandemie in Los Angeles verbracht und bin anschließend Mitte März mit einem der letzten Flieger wieder zurück nach Berlin geflogen. Erst 2022 bin ich wieder in die USA gereist. Trotzdem war es eine sehr surreale Erfahrung, die Anfänge der Pandemie in leeren Supermärkten und vor den Nachrichten in Los Angeles zu erleben. Ich erinnere mich noch an die erste Märzwoche, in der ich mich täglich testen ließ. Dafür erledigte ich alles, typisch LA, per Drive-thru und drehte täglich meine Runden durch den Elysian Park zur Teststation im Dodger-Stadium-Parkplatz.

Aus der Zeit geblieben sind vor allem die Songs die ich dort geschrieben habe, Erinnerungen und Freundschaften.

War diese Phase auch eine Inspiration für den Sound Ihres neuen Albums? Der hat ja schon starke Laurel-Canyon-Vibes.

Laurel Canyon hatte tatsächlich einen großen Einfluss auf mich. Es war der Ort, an dem ich unter anderem für einen Monat wohnte, bevor es zurück nach Deutschland und in die Pandemie-Realität ging. Dort oben, zwischen den Schluchten und Eukalyptusbäumen, wirkte alles noch sehr friedlich und unberührt. Weit entfernt von allem, was danach passieren sollte. Dieses Gefühl versuchte ich bei meiner Rückkehr nach Berlin zu bewahren, und davon handelt auch der Opener des Albums „Lookout Mountain“.

Sehnsuchtsort Los Angeles

Was macht diesen Ort zu solch einem Sehnsuchtsort?

Diese Frage habe ich im Rahmen des Pressezyklus für das Album schon oft beantwortet: die Sonne, die endlosen Straßen, das tolle Essen und die Diner, die 24 Stunden geöffnet haben, und die unendlichen Möglichkeiten, Orte in der Stadt und der Natur zu entdecken. Das alles hat mich sehr beeindruckt. Ich denke aber auch oft an den Sleater-Kinney-Song „No Cities to Love“, in dem die Band singt: „There are no cities to love. It’s not the city, it’s the weather we love. It’s not the weather it’s the people we love.“

Das passt für mich sowohl auf Berlin als auch auf Los Angeles. Ich habe dort nur diese besonderen Erinnerungen durch Freunde und Bekanntschaften. Eine meiner engsten Freundinnen ist aus LA und hat mich vielen tollen Menschen vorgestellt, mit denen ich unvergessliche Erinnerungen habe. Zudem durfte ich dort viele Freunde sehen, die ich über das Internet oder auf Festivals und Touren kennengelernt habe.

Welche Rolle spielt denn Ihre direkte Umgebung beim Songwriting? Gibt es so etwas wie den perfekten Ort, um Songs zu schreiben?

Ich schreibe eigentlich meistens allein für mich in meiner Wohnung oder in meinem Zimmer, wo auch immer ich eine Gitarre oder ein Klavier stehen habe. Viele meiner Texte entnehme ich direkt aus meinem Notizbuch, das ich oft mit mir herumtrage, um meine Tage festzuhalten. In LA habe ich oft im Auto geschrieben oder auch mal am Strand.

Es ist zu lesen, dass Sie Musikerinnen wie Carole King oder Joni Mitchell schon seit Ihrer Kindheit fasziniert haben. Wegen der Musik vornehmlich – oder wegen der Haltung?

Auf den Geschmack von Carole King und Joni Mitchell bin ich eher in meinen 20ern gekommen. Bei beiden fasziniert mich ihr einzigartiger Gesang, ihre Texte und ihr Umgang mit Instrumenten. Bei Mitchell natürlich die Gitarre und ihr Fingerpicking, bei King ihre schwebenden Akkordprogressionen am Klavier und vor allem das Erzählen ihrer persönlichen Geschichten und Beobachtungen.

Stadt der Widersprüche

Los Angeles ist ja eine Stadt der Widersprüche: Der Glamour einerseits, dann aber auch das krasse Gegenteil davon … Überhaupt wirkt das Land ja gerade sehr zerrissen. Nimmt man das vor Ort denn auch so wahr?

Ja, natürlich. Es gibt viele offensichtliche Probleme in der Stadt, sei es die Wasserknappheit oder die ständige Angst vor einem großen Erdbeben. Aber auch die Art und Weise, wie die Stadt ihre obdachlosen Bewohner behandelt und verdrängt. Es ist schockierend zu sehen, wie unfassbar reich manche Menschen dort sind und in was für Häusern sie leben, während nur 20 Minuten Autofahrt entfernt Menschen in absoluter Armut in Zelten unter Unterführungen und auf der Straße leben. Das ist belastend und schwer zu ertragen, aber es ist ein großer Teil der Stadt.

Ich habe während meiner Zeit in Los Angeles längere Zeit im Osten der Stadt gewohnt, zum Beispiel in Montecito Heights, Highland Park und South Pasadena. Diese Viertel sind wie eine andere Stadt im Vergleich zu Laurel Canyon. Generell sind die Viertel in Los Angeles sehr unterschiedlich, und die Stadt ist sehr groß. East LA hat mir aber auch sehr gut gefallen. Dort leben mehr Einheimische, und es ist für mich das realere LA im Vergleich zu den Hills oder West Hollywood etc. Ich hatte viele Gespräche mit Freunden, die dort aufgewachsen sind, über die Gentrifizierung von Stadtteilen wie Echo Park und Silver Lake, in denen heute hauptsächlich reiche Musiker und Künstler leben. Vor nur 20 Jahren galten diese Viertel noch als gefährlich, weil die Mehrheit dort Hispanics waren, die jetzt immer mehr an den Stadtrand gedrängt werden, da die Mietpreise explodieren.

„Ich habe mir selbst am meisten Druck gemacht“

Fürs erste Album hat man sein ganzes Leben, fürs zweite etwas weniger Zeit. Haben Sie da diesmal einen anderen Druck verspürt?

Ja, schon, aber irgendwie auf eine gute Art und Weise. Ich habe mich darauf gefreut, ein neues Album zu machen, weil es für mich eher wie ein neues Kapitel ist oder immer die aktuellere Version von mir und meinem Handwerk zeigt. Ich habe mir selbst am meisten Druck gemacht, da ich mir Zeit gelassen habe. Aber ich wollte wirklich ungern ein Pandemie-Album veröffentlichen mit Songs, die ich 2021 geschrieben habe. Diese sind in einem Papierkorb auf meinem Computer gelandet, nur 1-2 Songs haben es auf „It’s All Happening“ geschafft.

Mir sitzt ja auch kein Label im Nacken, das mir sagt, dass ich jeden Monat eine neue Single herausbringen muss. Auch wenn das sicher besser für meine Karriere wäre (lacht). Ich arbeite aber auch wirklich nicht so schnell (leider) und muss erst etwas erleben, um darüber zu schreiben. Da bin ich auch wählerisch. Ich wünschte, ich würde mehr und schneller Musik machen. Aber so bin ich einfach gerade nicht und war es bisher nicht, und das habe ich akzeptiert. Neben der Musik habe ich auch immer andere Arten und Weisen, Dinge einzufangen und zu verarbeiten, und das ist auch schön und privater.

Interessiert es Sie denn dann, was die Leute zum Album schreiben oder sagen? Lesen Sie Kritiken oder Kommentare im Netz?

Es interessiert mich mal mehr, mal weniger. Wenn ein Album rauskommt, an dem man mehrere Jahre gearbeitet hat und von dem man bisher nur positives Feedback aus seinem Umfeld bekommen hat, interessiert es mich schon, was fremde Personen dazu empfinden. Es verändert aber meine Beziehung zu den Stücken und der Musik nicht. Ich habe einige Kritiken zum Album gelesen und fand es schön zu lesen, dass die Kritiker verstanden haben, was ich erzählen wollte. Bisher habe ich allerdings noch nie eine Kritik gelesen, die mich zerrissen hat, daher wüsste ich nicht, wie ich darauf reagieren würde. Aber das sind auch nur Menschen mit Meinungen, und es muss nicht jedem gefallen, was ich mache, den Anspruch habe ich gar nicht.

Negative Kommentare im Netz habe ich doch schon eher gelesen und versuche diese wirklich zu meiden, soweit es geht. Wie gesagt, es muss nicht jeder mögen, was ich mache. Ich mag auch wirklich viele Musik nicht, die gerade rauskommt. Aber ich würde nie meine Energie verschwenden, einen Hasskommentar zu schreiben. Ich frage mich lieber, was ich da gerade in andere Künstler projiziere oder was genau ich schlecht finde. Meistens ist es ja Neid oder einfach persönlicher Geschmack, was ja auch normal ist, und dann lasse ich das zu und mache mein Ding weiter. Ich fokussiere mich wirklich viel lieber auf die Dinge, die ich gut finde, die mich inspirieren, und bin oft intensiv fasziniert von den Arbeiten anderer Personen und rede gerne darüber.

Sind Sie überhaupt groß in den Sozialen Medien aktiv?

Ich bin leider seitdem ich Zugang zu einem Computer habe, chronisch online. Ich liebe das Internet, wenn ich gerade nichts zu tun habe, bis es mir alles zu viel wird und ich das Handy in die Ecke schmeiße. Dann liebe ich es, im echten Leben im Moment zu sein und andere Dinge zu machen, und rege mich darüber auf, weshalb ich so viel im Internet hänge. Ich benutze soziale Medien privat mehr, als dass ich aktiv jeden Tag poste. Das mache ich eher nach Lust und Laune. Die verschiedenen Plattformen haben sich ja auch sehr über die letzten Jahre verändert. Instagram nutze ich für mich hauptsächlich für die Arbeit und um Freunden Memes zu schicken und zum scrollen wechsle ich mittlerweile lieber zu Reddit, TikTok und YouTube.

Sie betreiben ja auch Ihr eigenes Label, müssen also auch das Wirtschaftliche mitdenken. Sind Sie trotzdem eine Verfechterin des Album-Formats?

Ich mag Alben, weil sie irgendwie in sich geschlossene Kreise sind und mir mehr Zugang zum ganzen Bild geben. Ich freue mich aber auch sehr, wenn Leute regelmäßig hier und dort Singles herausbringen. Manchmal komme ich allerdings nicht bei jedem, dem ich folge, hinterher. Ich entdecke zwar gerne neue Musik, aber höre auch sehr viel immer wieder die gleichen Songs und Alben anderer Künstler.

Eigentlich hätten Sie Ihr Debüt in Kaiserslautern ja schon 2021 feiern sollen (Barbarockstar), wegen Corona ging das nicht. Jetzt also mit Verspätung: Was können Ihre Fans denn von Ihrem Auftritt bei der Langen Nacht der Kulturen erwarten?

Sie können das Album „It’s All Happening“ und ein paar meiner älteren Songs live mit meiner Band erwarten, in ihren aktuellen Versionen. Man wächst irgendwie anders in die Songs hinein, und es macht einen gigantischen Unterschied, diese live gespielt zu hören. Die Songs sind im Studio hauptsächlich über mehrere Tage und Takes mit Overdubs entstanden, und umso mehr Spaß macht es, mit echten Menschen, die ich mag, zusammen Instrumente zu spielen. Man kann einige verträumte, ruhige, intime Momente erwarten. Und hoffentlich ein paar mit etwas mehr Drive. Alle, die eine Gute-Laune-Party-Show erwarten, muss ich allerdings enttäuschen.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass es beim nächsten Album vom Laurel Canyon ins Pfälzische geht?

Sehr unwahrscheinlich. Aber wer weiß. Vielleicht verschlägt es mich noch mal für ein paar Tage dorthin und ich schreibe einen Song. Neulich war ich jedenfalls für eine Woche in Karlsruhe, um meine Schwester zu besuchen, und hatte eine wirklich sehr gute Zeit dort. Also noch steht alles offen.

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