Christine and the Queens – Chris

Christine and the Queens - Chris (foto: caroline)

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Ihr verträumt-melancholisches Debütalbum “Chaleur Humaine” war vor vier Jahren sowohl ein kommerzieller als auch ein Kritiker-Erfolg. Selbst Madonna und Elton John outeten sich als Fans. Jetzt legt Héloïse Letissier aka Christine and the Queens mit “Chris” ihr zweites Album vor. Aus dem Indie-Darling ist längst ein Pop-Star geworden.

Mit dem neuen, stark an den 80er und 90er Jahren orientierten Elektropop-Projekt der Französin geht auch ein Image-Wandel einher. Auf den Tour-Plakaten für ihre anstehende Welttournee strich die queere Künstlerin einen Teil ihres Namens aus dem Artwork (CHRIStine and the Queens). “Aus irgendeinem Grund hatte ich das Gefühl, dass dieser lange Name nicht mehr relevant war und auf eine Geschichte verweist, die nicht mehr zu mir passt. Ich dachte darüber nach, wie ich ihn vielleicht nicht unbedingt verschwinden lassen, aber mich zumindest von ihm befreien kann. Und das auf eine vielleicht sogar bedrohliche Art und Weise”, so Letissier.

Aus dem Alter Ego Christine wurde so ein neues: die etwas maskulinere Chris. Im Clip zur ersten, überaus eingängigen Albumsingle “Girlfriend” tritt Letissier mit kurzen Haaren auf. Gleichzeitig zeigt sie aber für ihre Verhältnisse viel von ihrem Körper, von ihrer Weiblichkeit. Ein bisschen feminin, aber auch ein bisschen Macho – für diese Mischung hat sich Letissier an der 1991er Madonna und ihrer Doku “In Bed With Madonna” orientiert. Aber auch Janet Jacksons feministisches “The Velvet Rope” diente ihr als Quell der Inspiration. “Ich war wie besessen von der Idee, Macho und Frau zu sein. Was würde es bedeuten, wenn ich gleichzeitig Slim Shady und eine Frau wäre? Macht mich das zu einer Abweichung? Würde es Spaß machen?”, so Letissier, die auch Eminem zu ihren Vorbildern zählt.

Klar, dass dieser Image-Wandel dann auch Einfluss auf die Songs der aus Nantes stammenden Musikerin hat. Forscher sollten die neuen Tracks auf “Chris” sein, direkter, ja, auch persönlicher. Sie verhandeln auf eine selbstbewusste Art und Weise weibliches Begehren, das in vielen Köpfen immer noch als unverschämt gilt. Es geht auf “Chris” um eine komplexe Sexualität, die sich jeder Form von Kategorisierung entzieht. Daneben finden sich auf “Chris” auch Stücke tiefer Intimität und inneren Aufruhrs (“5 dollars, “What’s-her-face”).

Musikalisch wird diese neue Botschaft dynamischer und temporeicher vermittelt, als man es von Christine and the Queens bisher gewohnt war. Letissier schrieb die Nummern zu Hause in Paris, ehe sie sie in Paris und Los Angeles produzierte. Der kraftvolle Minimalismus, mit dem die Gute hier zu Werke geht, orientiert sich am Sound von G Funk (Dâm-Funk selbst arbeitete an zwei Tracks mit), Cameo, den Sampling-Skills von Michael Jacksons “Dangerous” und Serge Gainsbourgs “Love on the Beat”.  Selbst der Gesang wird bewusst reduziert, mit weniger Effekten und ohne Studiokorrektur.

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Fazit: Eindrucksvoll. Musikalisch ein bisschen retro, inhaltlich aber voll in der Gegenwart.

Anspieltipps: Girlfriend, 5 dollars, What’s-her-face, The Walker, Doesn’t matter

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