St. Vincent - All Born Screaming (foto: Total Pleasure Records)

St. Vincent – All Born Screaming

Erscheinungsdatum
April 26, 2024
Label
Virgin Music
Unsere Wertung
8.5

„All Born Screaming“ mag zwar bereits das siebte Studioalbum von St. Vincent sein, und dennoch handelt es sich bei der Platte um eine Art Premiere. Denn erstmals hat Annie Clark auch die Produktion komplett alleine gewippt. Ein paar Gaststars schauten auch vorbei, darunter Justin Meldal-Johnsen und Dave Grohl.

Es geht um nicht weniger als um Leben und Tod. Und ein bisschen auch um Rückbesinnung. Denn plötzlich klingt Annie Clark wieder, nun ja, wie Annie Clark. Die frühe Annie Clark, um genauer zu sein. Denn das, was St. Vincent ihren Hörern auf „All Born Screaming“ kredenzt, ist Art Rock. Allerdings ein bisschen aggressiver als sonst.

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Keine Frage: Seit Clark im Jahr 2011 „Kerosene“ von Big Black live gecovert hat, war vielen offenbar, dass da auch so etwas Böses, Aggressives und Abgründiges in Clarks Gitarrenspiel lauert. Und wer ganz aufmerksam war, fand sogar noch frühere Vorboten: Die Musikerin hatte schließlich noch zu College-Zeiten eine Noise-Band namens Skull Fuckers. Auf „All Born Screaming“ darf sich diese Aggression nun das erste Mal so richtig Bahn brechen.

Annies Abrisskommando

Nicht nur das ist neu. „All Born Screaming“ ist das erste Studioalbum, das Clark komplett selbst produziert hat. Dafür hat sie sich aber ein paar renommierte Mitstreiter ins Boot geholt. Hinter der Platte stecke ein „kleines, eingeschworenes Abrisskommando“, so Clark. Bei „Broken Man“ und „Flea“ hört man etwa Dave Grohl am Schlagzeug. Beim Opener „Hell Is Near“ und „So Many Planets“ sitzt der neue Foo-Fighters-Drummer Josh Freese am Schlagzeug. Und außerdem schauten auch Justin Meldal-Johnsen (Bass), Rachel Eckroth (Keys), David Ralicke (Blasinstrumente), Mark Giuliana (Schlagzeug) und Stella Mozgawa von Warpaint (Schlagzeug) im Studio vorbei.

Und dann wäre da noch Cate Le Bon. Die walisische Songwriterin war es, die Clark während einer heftigen Phase des Frusts und der Selbstzweifel aus einem tiefen Loch herausholen sollte. Die befreundete Musikerin räumte nicht nur ein paar Hürden aus dem Weg, sondern steuerte auch musikalische Lösungen bei. Die grandiose Bassline in dem epischen Titelsong „All Born Screaming“ etwa stammt von Le Bon.

Die Glanzlichter

War der Siebziger-Cosplay des Vorgängers „Daddy’s Home“ noch stark persönlich gefärbt, ist „All Born Screaming“ dies nicht. Clark präsentiert dieses Mal auch keine Ästhetisierung von Schmerz. Mit der neuen, dystopischen Platte wolle sie „die Leute einfach richtig krass fertigmachen“, so die Musikerin.

Das gelingt ihr auch.

In der ersten Hälfte der Platte führte uns St. Vincent hinab in die Dunkelheit. Der eher langsame Opener „Hell Is Near“ führt dabei erst einmal auf eine falsche Fährte. Denn hernach geht es durchsaus härter zur Sache. Wie etwa in der wuchtigen Lead-Single „Broken Man“, ein Song über Verlust und Lust. Eines der Glanzlichter der Platte. „Reckless“ erinnert in seiner Machart schwer an Nine Inch Nails, startet erst zurückgenommen, um dann in Tausend Stücke zu explodieren. Bei „Flea“ vergleicht St. Vincent das eigene Verlangen mit einer Seuche.

Im zweiten Teil der Platte führt uns die Gute musikalisch dann langsam wieder aus dem dunklen Tal, der Sound wird heller, offener, ausladender (der Inhalt der Stücke nicht immer). Dem zweiten Part der Platte liegt die Erkenntnis zu Grunde, dass „Unterschied im Vergleich zum ersten Teil des Albums besteht nun in der Erkenntnis, dass „wir einander entweder lieben oder halt sterben müssen“, so Clark. Während „Violent Times“ beispielsweise fast schon erhaben à la Gainsbourg wirkt, wirft „So Many Planets“, das von der Suche nach einer Heimat handelt, die Frage auf, „wie es eigentlich wäre, wenn jemand, der Ska beziehungsweise 2-tone liebt, einfach alles falsch macht?!“

„The Power’s Out“ ist derweil ein klassisch-wunderschönes St.-Vincent-Porträt, in dem all die Junkies und Eltern, die Rasenden und Queers, die sich im Stadtbild tummeln, ihren Platz haben. Sie erwachen zwar inmitten einer Katastrophe, entdecken aber auch Schönheit in der zeitlupenlangsamen Aschewolke, die wie Konfetti auf sie hinabrieselt.

Der rasante Abschiedsgruß „Sweetest Fruit“ – auch eine Hommage an die 2021 verstorbene SOPHIE – zelebriert schließlich all jene Menschen, die es zumindest versucht haben, die Grenzen des Daseins und der menschlichen Erfahrung neu abzustecken. „Hol mal so richtig Schwung und scheitere damit krachend – aber, mein Gott, immerhin hast du den Versuch gestartet, so etwas wie Transzendenz zu finden“, meint Clark. 

Anspieltipps
Hell is Near
Broken Man
Sweetest Fruit
Violent Times
The Power's Out
8.5
Zurück zu den Wurzeln.
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