Wiederhören mit einem Klassiker: „Different Class“, der größte kommerzielle Wurf der Britpop-Legenden von Pulp, liegt jetzt in einer remasterten Neuauflage vor.
Das Musikgeschäft ist schnelllebiger geworden, keine Frage. Bands bekamen früher wahrscheinlich etwas mehr Zeit eingeräumt, den Durchbruch zu schaffen. Die rund 20 Jahre, die Pulp seinerzeit benötigt haben, waren allerdings auch schon damals eher eine Seltenheit.
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Pulp wurden 1978 von dem damals 15-jährigen Schüler Jarvis Cocker aus Sheffield gegründet, hießen aber zunächst Arabicus Pulp. Zwar spielte die Gruppe anfangs ein paar Konzerte und konnte Anfang der 1980er sogar dem legendären Radio-DJ John Peel ein Demotape in die Hand drücken, mehr aber war zunächst nicht drin. Die anfängliche Perspektivlosigkeit führte dazu, dass die Gründungsmitglieder andere berufliche Wege einschlugen – mit Ausnahme von Cocker, der Pulp einfach neu zusammenstellte. Zwischen 1983 und 1992 veröffentlichten Pulp denn auch drei Alben beim Label Fire, die allesamt aber kommerziell eher floppten, was wiederum zu mehreren Line-Up-Wechseln führte.
Plötzlich war man wer
Nach ein paar Singles, die Pulp für das „Gift“-Label einspielten, unterschrieb die Band bei Island Records – und plötzlich kam Leben in die Bude. Ihr Debüt bei dem Major, das Album „His ,n‘ Hers“ (1994) zum ersten kommerziellen Erfolg der Band. Top Ten in den UK-Charts. Plötzlich war man wer. Die Rampe war damit gebaut für den größten Wurf, den die Band in ihrer Geschichte landen sollte.
Dieser gelang mit dem Nachfolgealbum, das die Band am 30. Oktober 1995 – also auf dem Peak der Britpop-Welle – auf den Markt brachte: „Different Class“. Die Inspiration zu dem Titel kam Cocker dem Vernehmen nach während einer Nacht in „Eve’s Club“ in der Londoner Regent Street, als einer seiner Kumpel Dinge, die er für außergewöhnlich hielt, als „Different Class“ bezeichnete. Cocker mochte die Doppelbedeutung, da man die Phrase auch auf das britische Sozialstatus-System anwenden konnte – das ja auch das Hauptthema des neuen Albums war.
Chris Thomas mit an Bord
Aufgenommen wurde die Platte zwischen Januar und Juli 1995 im Town House Studio in Londons Stadtteil Shepherd’s Bush, als Produzent fungierte Chris Thomas, der schon erfolgreich mit Größen wie den Beatles, Elton John, Pink Floyd, Roxy Music, den Sex Pistols oder auch INXS zusammengearbeitet hatte.
Zwölf Nummern gab es auf der Platte, darunter vier Singles, die allesamt die Top-Ten der britischen Charts knackten: die Nummer-Zwei-Hits „Common People“ und „Mis-Shapes/Sorted for E’s & Wizz“, „Disco 2000“ (Platz: 7) und „Something Changed“ (Platz: 10). Kann man mal so machen.
Das sind die Glanzlichter
Das partytaugliche „Disco 2000“ mag dabei etwas über die inhaltliche Tiefe der Platte hinwegtäuschen. Hier geht es um das britische Klassensystem, um die Spannung, aber auch die Verbindungen zwischen den einzelnen Schichten. Das hymnische „Common People“ bringt dieses Thema auf den Punkt, in dem Song geht es um reiche Menschen, die sich als etwas Besseres betrachten und sich als Touristen unter die „gewöhnlichen“ Leute mischen, um mal zu schauen, wie diese so leben. Eine Kritik am sogenannten Slum-Tourismus, am Elends-Porno, den es damals schon gab. In „I Spy“ wird das Thema von der sexuellen Seite beleuchtet.
Dass sich die Band eher mit den Außenseitern identifizierte, wird in „Mis-Shapes“ deutlich, ein Loblied auf eben diese Menschen, die von anderen als „weirdos“ beschimpft werden. Cocker verarbeitete der Nummer seine eigenen Erfahrungen, auch er wurde als junger Mann bespuckt und gepöbelt, weil er sich anders gab und kleidete als der bloke-next-door.
Was die Platte für die Band bedeutete
In dem psychedelisch angehauchten „Sorted for E’s & Wizz“ verhandelt die Band das Thema „Drogen“, bleibt dabei in ihrer Haltung zu eben diesen aber uneindeutig. „Disco 2000“ atmet den Geist der 1970er Jahre und ist eine Ode an die Tanztempel der Vergangenheit, in denen sich auch Pulp rumtrieben. Im Kontrast dazu: das eher melancholische „Something Changed“ (diese Streicher!).
Die Platte brachte der Band sowohl national als auch internationale Anerkennung ein. Im UK landete das Album auf Platz eins der Charts, in Deutschland war seltsamerweise nur Platz 71 drin. 1996 gewann die Gruppe für ihre Leistung den Mercury Music Prize. Bis heute wurden in Großbritannien über 1,4 Millionen und in Europa über eine Million Exemplare verkauft.
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