Long Distance Calling erzählen Geschichten, die ohne große Worte auskommen. Die Post-Rocker haben nun mit „The Phantom Void“ ein neues Album herausgebracht, das ihr bisher stärkstes in der 20-jährigen Bandgeschichte ist. Willkommen in der Dunkelheit.
Long Distance Calling sind seit 2006 ein Garant für epische Instrumentalhymnen. Die Band aus Münster, Dortmund und Mannheim versteht sich auf Rock-Monolithen, die auch ohne Gesang ein Gefühl transportieren. Keine Ablenkung durch Worte. Stattdessen: purer Sound.
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Das Konzept hat schon immer gut funktioniert, wird aber auf dem neuen Machwerk „The Phantom Void“ nochmal auf ein neues Level gehievt. Die Platte hat eine cineastische Wucht, wie sie Long Distance Calling immer angestrebt, jetzt aber auch in ihrer Absolutheit erreicht haben. Die vier Jahre Pause, die längste in der Bandgeschichte bisher, haben sich offenbar gelohnt, da wurde an den richtigen Stellschrauben gedreht. „Wir brauchten alle eine Auszeit. Wir haben praktisch im Zweijahrestakt Studioalben veröffentlicht, zwischendrin die EPs und jede Menge Konzerte. Uns war klar, dass wir alle mal etwas Abstand wollten, um dem Kopf freizubekommen“, so Schlagzeuger Janosch Rathmer.
So düster wie nie
„The Phantom Void“ ist das vielleicht dunkelste Werk der Band, es könnte auch der Soundtrack zu einem futuristisch-apokalyptischen Horror-Film sein. Der neue Arbeitsnachweis der Gruppe ist zwar kein Konzeptalbum, wird aber doch von einem roten Faden zusammengehalten – dem Träumen. „Nach den schweren Konzeptalben wollten wir diesmal einfach eine Geschichte erzählen“, sagt Rathmer. Ob der Schlaf nun der kleine Bruder des Todes ist, ob die Welten unserer Träume wie ein Upside Down über unserer Welt liegen, wer wir sind in unseren Träumen, all das erforschen Long Distance Calling hier.
Dabei legte sich die Band kein allzu straffes musikalisches Korsett an. Post-Rock und Metal, Alternative und Prog, elektronische Soundscapes und Bläser, das findet hier alles gemeinsam statt.
Der Opener „The Spiral“ pocht zunächst elektronisch. Hinterhältige Industrial-Sounds lassen an Nine Inch Nails oder Steven Wilson denken. Nach einem luziden Traum von assoziativer Kraft führt der achtminütige Klimax „Sinister Companion“ dann dramatisch, proggy und psychedelisch ins Wachsein zurück. Das Titelstück lässt den Hörer schweben.
Visuelle Komponente ausgebaut
Auch visuell wird etwas geboten. Zu den drei ausgekoppelten Singles – „A Secret Place“, „The Spiral“ und „Sinister Companion“ – hat Regisseur Felix Julian Koch einen übergeordneten Kurzfilm gedreht. Ein unheilvolles Videoclip-Triptychon. Irgendwo zwischen „Psycho“ und „The Lighthouse“, zwischen „A Nightmare On Elm Street“ und „Halloween“ angesiedelt. Der Zuschauer folgt einem Protagonisten, der ständig derselben seltsamen Person begegnet. Er wandelt durch verschiedene beklemmende Szenarien und stellt am Ende fest, dass er selbst diese Person ist. Dass er sich selbst durch seine Albträume jagt. David Lynch lässt grüßen.
Visuell überzeugend ist auch das Cover der Platte: Verantwortlich dafür zeichnet (!) Comic-Legende Rupert Gruber. Der arbeitet sonst für Marvel, beschert Long Distance Calling hier aber fürs Artwork ordentlich Achtziger-Slasher-Atmosphäre.
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