Live: Westernhagen in Mannheim

Westernhagen bei MTV Unplugged (foto: joerg steinmetz)

“Wer ist der Mann mit dem Hut?”, schallte es zwischendurch mal nicht ganz ernst gemeint aus dem Rund. Den meisten aber dürfte an diesem Samstagabend in der Mannheimer SAP-Arena eben jener schlanke Typ durchaus bekannt gewesen sein: Vor fast ausverkauftem Haus gab Marius Müller-Westernhagen sein “MTV Unplugged”-Nachholkonzert. Und was für eins.

“Freiheit” ist kein Grundrecht. “Freiheit” muss man sich verdienen. Zumindest wenn es um eben jenen Song geht, der – eher unbeabsichtigt – seinerzeit zum Soundtrack der Wiedervereinigung mutierte. Viele Jahre verzichtete Marius Müller-Westernhagen, einer der letzten deutschen Rock-Dinos, darauf, den Song live zu spielen, weil er erstens nicht auf ihn reduziert werden und zweitens außerdem verhindern wollte, dass die Hymne als banale Stadion-Mitgröl-Nummer missbraucht wird. Eine Karriere-Retrospektive – und nichts anderes ist ein “MTV Unplugged”-Konzert ja – ohne den größten Hit, das wäre allerdings auch äußerst seltsam gewesen. So nahm ihn Westernhagen letztlich – wenn auch ein bisschen zähneknirschend – in die Setlist auf. Und deswegen ist das Lied nun auch wieder häufiger live zu hören, als letzter Song des Abends, als dramaturgischer Höhepunkt in der zweiten Zugabenrunde, die sich das Publikum eben durch gute Führung verdienen kann. Wie eben an jenem Samstagabend in Mannheim.

Die Mannheimer mussten nicht nur auf “Freiheit” ein bisschen warten, sondern auch auf Westernhagen. Eigentlich sollte das Konzert ja bereits im Oktober stattfinden, damals musste der gute Marius aber aus gesundheitlichen Gründen kurzfristig absagen. Hut ab, dass so schnell ein Ersatztermin gefunden werden konnte. So war es dann eine Art verfrühtes Weihnachtsgeschenk für die Westernhagen-Fans, denn der 69-Jährige präsentierte sich in der SAP-Arena äußerst gut in Form.

Im Großen und Ganzen richtete er sein Programm an eben jenem “MTV Unplugged”-Abend aus, den er im vergangenen Jahr in der Berliner Volksbühne bestritt (und dessen Mitschnitt ja mittlerweile auch in Ton und Bild vorliegt). Klar, die Reihenfolge hat der Gute etwas durcheinandergewirbelt, die eine oder andere Nummer (das starke “Willst Du Tanzen”, “Lichterloh”) flog auch raus, dafür kamen andere (“Honky Tonk Woman”, “Hass mich oder lieb mich”, “Unter meinem Fingernagel”, “Fertig”) dazu. Bei “Willst Du Tanzen” schade, der Rest verschmerzbar. Die Glanzlichter waren damals in Berlin wie heute in Mannheim sowieso andere: Das angesprochene “Freiheit”, sicher, aber auch das stampfende “Halt Mich Noch Einmal”, diese geradezu epische Version von “Sexy”, die Alkoholiker-Hymne “Johnny W.” sowie die neue Komposition “Luft um zu Atmen”, die von Westernhagens neuer Flamme Lindiwe Suttle vorgetragen wurde. Sie  übernahm an diesem Abend auch die Duett-Parts, die in Berlin noch Mimi Westernhagen (“Lass uns leben”), Jan Plewka (“Mit 18”) und Elen (“Durch deine Liebe”) inne hatten. Keine Frage, eine großartige Sängerin.

Auch Westernhagen ist stimmlich immer noch voll auf der Höhe, röhrt immer noch wie annodazumal – und das auch noch nach 24 Songs, mit immerhin 69 Lenzen. Da haben jüngere Rock-Sänger oft schon weitaus früher abgebaut. Der alte Mann mit dem Hut, er hat es zweifellos immer noch drauf.

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