Westernhagen – MTV Unplugged

Westernhagen - MTV Unplugged (foto: Virgin Records)

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10 Virgin Records

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Ein alter Recke schickt sich an, „MTV Unplugged“ zu retten: Der Auftritt von Marius Müller-Westernhagen bei dem legendären Show-Format, der sich bereits im Juli ereignet hatte, liegt nun als Album vor.

Mit der „MTV Unplugged“-Reihe ist das ja so eine Sache. Ein Auftritt bei dem legendären Format glich immer irgendwie einem Ritterschlag. Immerhin traten da schon illustre Namen wie Nirvana, Eric Clapton, Bob Dylan oder R.E.M. auf – und schufen dabei magische Momente. Irgendwann setzte aber eine Art Inflation ein, und plötzlich durften dort Künstler ran, die dort eigentlich gar nicht hingehören.

Da tut es gut, dass einer wie Marius Müller-Westernhagen nun daher kommt und dem Ganzen wieder neues Leben einhaucht. Der die Magie, den Zauber zurückbringt, den ein solches Format versprüht, wenn ein ganz Großer seiner Zunft seine Songs in akustischem Gewand in intimster Atmosphäre spielt.

Warum erst jetzt, mag der eine oder andere fragen. Tatsache ist, dass Westernhagen der Legende nach sogar der erste deutsche Künstler war, dem MTV anbot, bei „Unplugged“ aufzutreten. Damals lehnte der gute Marius aber ab, es habe einfach so viel anderes zu tun gegeben. Jetzt aber hatte der Zeitpunkt gepasst – und Westernhagen lud in die Berliner Volksbühne, wo er dem Publikum eine atmosphärisch inszenierte Werkschau vorführen konnte. Die stellte er mit einem gewissen Anspruch zusammen, wie er verrät: „Wir haben ‚Unplugged‘ als künstlerische Herausforderung gesehen. Wir wollten uns nicht einfach nur akustische Gitarren umhängen und die originalen Arrangements als verkapptes Best of runterspielen. Es galt, das Material von über vier Jahrzehnten meiner Arbeit als Songschreiber zu sichten und sich mit ausschließlich analogen Mitteln völlig neu zu erarbeiten. Wir hatten die Ambition, es für uns wie für das Publikum auf den heutigen Stand unseres Verständnisses von guter Musik zu bringen.“

Am Ende hatte der gute Marius eine Auswahl von 24 Songs getroffen, die einen Bogen von seinen frühen Tagen bis hin zur Gegenwart spannen sollten – und die vom ersten Moment an begeistern sollte. Schon die ersten drei Songs nehmen den Zuhörer direkt mit: Die melancholische Folk-Nummer „Willst Du Tanzen?“ mit ihrem wehmütigen Akkordeon-Part, das trotzige „Geiler Is‘ schon“ und das stampfende „Halt Mich Noch Einmal“ bilden einen genialen Einstieg.

Und es geht stark weiter: Bei der Rock-’n‘-Roll-Einlage „Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz“ trommelt kein Geringerer als Udo Lindenberg. Hört man zwar nicht raus, ist aber ein netter Gag. Es ist nicht der einzige Gastauftritt an diesem Abend: Mit seinem mit einer zuckersüßen Stimme gesegneten Tochter MiMi (die schon an unserer My-Soundtrack-Reihe teilnahm) trällert er „Lass uns leben“, Selig-Frontmann Jan Plewka darf auf „Mit 18“ ran und das Lied „Durch deine Liebe“ performt Marius mit Straßenmusikerin Elen Wendt. Die stärkste Ko-Produktion ist an diesem Abend aber zweifellos „Luft Um Zu Atmen“, ein Duett mit der südafrikanischen Sängerin Lindiwe Suttle, der neuen Liebe Westernhagens, die in ihrem Heimatland ein großer Star ist. Hier hat sie die Musik geschrieben, Westernhagen den Text. Es ist der erste gemeinsame Song der beiden. Es dürfen gerne noch mehr werden. „Ich wollte keine Gäste einladen, nur weil sie im Augenblick populär sind und schon dadurch das Projekt kommerzieller gemacht hätten. Es sollten Freunde sein, Menschen, die mir nahestehen, Weggefährten. Alles andere hätte ich als unehrlich empfunden“, so Westernhagen im Waschzettel zum Album. Er hat ein gutes Händchen bewiesen.

Klar, sicher, natürlich ist auch die ganz große Nummer dabei: „Freiheit“, obwohl Westernhagen erst Bedenken hatte. Er wollte nicht, dass bei dem Song mitgesungen wird, hat die Nummer auch viele Jahre nicht live gespielt. Aber: Eine Retrospektive ohne „Freiheit“ wäre seltsam gewesen, gut, dass er den Song letztlich doch auf die Setlist gepackt hat. Verzichtbar wirkte an diesem Abend in Berlin eigentlich nur das David-Bowie-Cover von „Heroes“.

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Das große Finale bestreitet das Alkoholiker-Drama „Johnny W.“, hier in einer sehr zurückgenommenen Fassung. Geht unter die Haut.

Fazit: Ein Meisterwerk.

Anspieltipps: Willst Du Tanzen, Geiler Is‘ Schon, Halt Mich Noch Einmal, Johnny W., Luft Um Zu Atmen

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