Wallis Bird in Mannheim (foto: fiege)

Live: Wallis Bird in Mannheim

Mit ihrem neuen Album „Woman“ will Wallis Bird unter anderem den matriarchalen Vibe in der Gesellschaft feiern. Ihre ganze feminine Power brachte die Irin, die schon lange in Deutschland lebt, am Montagabend im gut besuchten Mannheimer Capitol auf die Bühne. Dabei ließ sich das Energiebündel auch nicht von einer störrischen Gitarre aufhalten.

Etwas nervös, ja, fast ein bisschen aufgedreht, wirkte Wallis Bird an diesem Montagabend schon. Kein Wunder. Immerhin war der Auftritt im gut besuchten Mannheimer Capitol ja so etwas wie ein seltenes Heimspiel für die irische Singer-Songwriterin. Hier, in der Quadratestadt, hatte die heute 37-Jährige schließlich jahrelang gewohnt, unter anderem an der Popakademie studiert, Mitte der Nuller Jahre ihre Karriere gestartet, das Leben und die Liebe kennengelernt. Da ist es natürlich nicht verboten, auch mal etwas sentimental zu werden. 

Zwar ist die Wahl-Berlinerin immer mal wieder in der Region – unter anderem hat sie jüngst den Clip zu ihrer Single „Life is Long“ hier in der Kante gedreht -, aber eben nicht so häufig, dass sie jede Veränderung in der Stadt auch wirklich zeitig mitbekommt. „Wir waren neulich im Jungbusch schick Cocktail trinken. Im Jungbusch …“, sagt Wallis Bird und schüttelt ungläubig den Kopf. Offenbar hatte es sie und ihre Crew da ins „Hagestolz“ verschlagen. Auf die Überraschung hin sei es danach erstmal ins „Rhodos“ gegangen, wie in alten Zeiten. „Bis elf Uhr morgens … am übernächsten Tag“, so Bird augenzwinkernd.

Klassiker eröffnen die Show

Klar, dass bei so viel Rührseligkeit und Nostalgie das Konzert nicht einfach mit neuem Material gestartet werden konnte. Stattdessen eröffnete „Home“ die Show. Das ist bei der aktuellen Tour nicht nur in Mannheim so, aber hier passte der Song als Opener natürlich besonders gut. Die Nummer, die aus dem gleichnamigen 2016er Album stammt, trägt Wallis, ganz in Weiß gekleidet, a-capella vor. Gleich mal ein unter die Haut gehender Start. Auch mit den folgenden Liedern – „The Circle“ und „Blossoms in the Street“, beide aus dem Jahr 2007 – feierte die Gute noch mal die Vergangenheit ab. Gerade letztgenannter Song bezieht sich dabei sogar ganz konkret auf Mannheim. „Als ich damals hier her zog, war ich etwas traurig. Ich vermisste einfach meine Familie und meine Freunde. Aber dann bin ich hier durch die Straßen gelaufen und mir sind die vielen Blumen in der Stadt aufgefallen. Ab da ging’s besser. Das wollte ich in einem Lied festhalten“, schwelgte Wallis gemeinsam mit dem Publikum in Erinnerungen.

Bei so viel Glücksgefühlen, bei so viel romantischer Nostalgie und so viel Niedlichkeit ist schon bemerkenswert, dass die Songs aus Wallis‘ neuem Album „Woman“ tatsächlich allesamt aus ihrer Feder stammen. Denn diese sind zum großen Teil gar nicht niedlich. Bird hat sie mit viel Wut im Bauch geschrieben. Keiner blinden, sondern einer zielgerichteten. Die Platte ist ein politisches Manifest, eine eindringliche Kampfansage an alle Arschlöcher, Ewiggestrigen, Schwarzmaler und Hetzer, wie es im Waschzettel dazu heißt. An Sexisten und Rassisten, wie Bird dann noch mal im Interview mit uns präzisierte. Dabei singt Bird keineswegs gegen irgendwelche abstrakten Feindbilder an, sondern auch gegen Menschen, denen sie immer häufiger im privaten Umfeld begegnet.

Kampfansage an Sexisten und Rassisten

So ist „As The River Flows“ beispielsweise ein Musik gewordenes Streitgespräch mit einem rassistischen Typen aus ihrer Schulzeit. Eine Zeile darin ist Alan Kurdi gewidmet, jenem kleinen syrischen Flüchtlingsjungen, der im Mittelmeer ertrank. Das Bild seines leblosen, an die türkische Küste gespülten Körpers, geschossen von der Fotojournalistin Nilüfer Demir, wurde zum Symbol für den Umgang Europas mit Flüchtlingen. Die feministischen Hymnen „Salve!“ und „Woman Oh! Woman“ hingegen feiern die Kraft der Weiblichkeit. Keine Frage: Die Nummern gehören sicherlich zu den stärksten, die Bird bisher aufgenommen hat. Einerseits aus inhaltlichen Gründen, klar, aber sie spielen auch musikalisch die großen Stärken der Irin aus. Die Gute bewegt sich hier stark in Richtung Soul, ihr markantes Organ, das oft an Janis Joplin oder St. Vincent erinnert, kommt  dabei perfekt zur Geltung. 

Man sollte Wallis Bird aber nicht nur auf die Stimme reduzieren. Die Frau ist auch eine recht gute Gitarristin (wenn sie nicht gerade mit einem verstimmten Instrument zu kämpfen hat, wie am Montag geschehen). Was insofern eine Erwähnung wert ist, als dass sie als Kind alle Finger der linken Hand bei einem Unfall mit einem Rasenmäher verlor. Vier wurden wieder angenäht. Heute benutzt die Linkshänderin eine Gitarre für Rechtshänder, die sie einfach umdreht. Sich nicht unterkriegen lassen – es ist eine der vielen Qualitäten der Wallis Bird. Und auch eine Botschaft, die sie ihren Geschlechtsgenossinnen mit ihrer Musik auf den Weg geben will. 

Am Ende: drei Zugaben, darunter das wunderbare „In dictum“, ein herrlicher Abschluss. Zurück bleibt ein zufriedenes Publikum, das es zu diesem Zeitpunkt schon längst nicht mehr auf den Sitzen gehalten hat – und die Hoffnung, dass die gute Wallis bald mal wieder in ihrer zweiten Heimat vorbeischaut.

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