Live: Metallica in Mannheim

James Hetfield (Metallica) (foto: fiege)

Im amerikanischen Gefangenenlager Guantanamo auf Kuba wurde ihre Musik einst zu Folterzwecken eingesetzt. Am Freitagabend in Mannheim waren die Zuhörer – soweit wir wissen – alle freiwillig da: Metallica machten in der SAP-Arena Station und stellten dort mit 14.500 Zuschauern einen neuen Besucherrekord auf. Den hielten vorher übrigens Pur.

Es gibt da bei Metallica diesen einen Moment, noch recht früh im Programm, bei welchem den Zuschauern derzeit gerne Mal der Atem stockt. Nämlich jenen während „Now That We’re Dead“, wenn plötzlich vier riesige Löcher im Boden der Bühne aufreißen, aus denen ganz langsam vier überdimensionierte Percussion-Instrumente gefahren werden. Denn der geneigte Fan weiß: Da ist schon einmal mächtig etwas schiefgegangen: Bei einem Gig in Amsterdam übersah Metallica-Frontmann James Hetfield mal eines dieser Löcher und stürzte hinein. Sah böse aus. In Mannheim ging das Ganze gut, und so konnte man sich, während die Jungs da auf der Bühne groovig vor sich hin trommelten, Gedanken darüber machen, dass das da gerade nicht nur ein etwas gefährlicher, sondern auch ein sehr poppiger Moment gewesen war.Musikalisch sind derlei Momente im neuen Jahrtausend bei der kalifornischen Band ja doch wieder seltener geworden. Nachdem sie in den achtziger Jahren den Wettkampf mit Slayer, Anthrax und Megadeth, wer denn nun die wichtigste Thrash-Metal-Gruppe der Welt sei, deutlich für sich entscheiden konnten, orientierte sich Metallica in den neunziger Jahren doch deutlicher am Mainstream. Mit Erfolg: Das schwarze Album (1991), auf dem sich das legendäre „Nothing Else Matters“ befand und das kürzere und eingängigere Songs umfasste, als man sie von der Band zuvor gewohnt war, ging in vielen Ländern auf Platz eins. Es war der große Durchbruch, ein Album, mit dem sie die Szene transzendierte. Kurzum: Man lieferte fortan Metal für die Massen, was Hetfield und Kollegen zwar den einen oder anderen puristischen Anhänger kostete, aber eben auch jede Menge neuer Fans einbrachte.

Die Lust am gefälligeren Ton trieben Metallica dann mit ihren Alben „Load“ (1996) und „Reload“ (1997) sowie der Zusammenarbeit mit einem Orchester (1999) auf die Spitze. Erst im neuen Jahrtausend besann sich die Band wieder auf ihre Wurzeln und ließ es wieder härter angehen. Mal schlecht („St. Anger“, 2003), mal recht („Death Magnetic“, 2008).

Die stilistische Achterbahnfahrt führt nun eben dazu, dass das Publikum, das sich einem bei einem Metallica-Konzert heute bietet, doch sehr heterogen ist. Da steht der versnobte Seidenschal-Träger, der vor dem Konzert noch eben schnell eine Latte an der Kaffeebar der SAP-Arena trinkt, dann gleichberechtigt neben dem Kutten-Willy im Uralt-Band-Shirt, der ein bisschen so aussieht, als sei er einem der beiden „Wayne’s World“-Filme entsprungen.

Beiden ist gemeinsam: die Vorliebe für das neueste Metallica-Album, „Hardwired … To Self Destruct“ aus dem Jahr 2016, das in Mannheim einen großen Teil der Setlist ausmacht und in seinem Stil ja ein bisschen an die „… And Justice For All“-Zeit erinnert.

Als James Hetfield sich an diesem Abend als Meinungsforscher betätigt und das SAP-Arena-Auditorium fragt, wie ihm das neue Machwerk gefalle, gehen auf jeden Fall die meisten Daumen nach oben. Und warum auch nicht? Gerade live kommen die neuen Tracks auf jeden Fall ziemlich gut rüber.

„Hardwired“, „Atlas, Rise!“ wählen Metallica, die sich auch im fortgeschrittenen Alter noch gut in Form präsentieren, direkt als Opener. Auch das erwähnte „Now That We’re Dead“, das von einer Amy-Winehouse-Doku inspirierte „Moth Into Flame“ und „Spit Out The Bone“ schlagen ein. Mit „Halo On Fire“ wird an der richtigen Stelle auch mal Tempo rausgenommen. Faszinierend: die wie Glühwürmchen leuchtenden Mini-Drohnen, die bei dem Song zum Einsatz kommen und für Atmosphäre sorgen.

Metallica wären aber nicht die Profis, die sie nun mal sind, wenn sie nicht wüssten, dass man dem Publikum auch zwischendurch Zucker in Form von alten Hits kredenzen muss. Tun sie dann natürlich auch. Mit „Seek & Destroy“ zum Beispiel, „Sad But True“, „Enter Sandman“, „For Whom The Bell Tolls“, „Wherever I May Roam“, „One“, „Master Of Puppets“ – alles dabei, alles mit Lust vorgetragen. Und als Zugabe natürlich auch die Nummer, wegen der der Seidenschal-Träger überhaupt da und ist und bei der selbst Kutten-Willy Gänsehaut bekommt: „Nothing Else Matters“. Auf diesen Song können sich eben alle einigen. Und auf Guantanamo wurde der sicher auch nicht gespielt.

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