Christin Nichols ist eine Frau der vielen Talente. Die deutsch-britische Künstlerin ist nicht nur Musikern, sondern auch Schauspielerin – und neuerdings auch Podcasterin („Nackt im Kopf“, mit Musiker-Kollegin Gwen Dolyn). Trotz des Tanzens auf vielen Hochzeiten kommt die Musik aber nicht zu kurz. Soeben hat sie mit „Christin Nichols“ ihr drittes Album vorgelegt.
Mit dem dritten Album ist es gemeinhin so eine Sache. Vielen gilt es als „Make it or break it“-Platte, an ihrem Erfolg lässt sich ablesen, wie das wohl jetzt karrieretechnisch wohl weitergehen wird. Der große Durchbruch? Oder weiter brotlose Kunst? Entsprechend Druck ist bei vielen Künstlern auf dem Kessel, wenn es um das schwierige Dritte geht. Christin Nichols würde – wie im Song „Spotlight“ – vielleicht sagen: „Ich will alles oder nichts und dazu ein Beerenmixgetränk.“
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Christin Nichols lässt sich den Druck, sofern er denn da war, nicht anmerken. Die Musikerin bleibt sich treu, stellt keine sonderlich verrückten Dinge an, sondern liefert auf dem selbstbetitelten Machwerk das an, wofür sie eben steht. Eine Mixtur aus New Wave, Indie-Rock, Pop und Post-Punk, dazu clevere, knackige Texte. Die Songs fühlen sich maximal persönlich an, sind im weiten Spannungsfeld zwischen Selbstbewusstsein und Selbstzweifel angesiedelt. Ein Album wie ein musikalischer Stimmungswechsel. Immer wieder geht es in den Songs um ein Hadern mit der eigenen Existenz oder gleich mit der ganzen Welt. Deswegen wirkt die LP aber noch lange nicht düster oder gar perspektivlos. Immer wieder steuert Nichols auf der Platte auch auf lichte Höhen zu. Es gibt Hoffnung, Selbstbehauptung, Liebe. Hopecore, nennt Nichols diesen Stil selbst.
Die eigene Cheerleaderin sein
Seit Herbst 2024 hat Nichols mit ihrem Kreativpartner Stefan Ernst (Isolation Berlin) an den neuen Songs gearbeitet und das neue Album schließlich produziert. Zu den Glanzlichtern gehört unter anderem das auch als Single ausgekoppelte „Cheerleader“. „Kein Leben ohne mich und kein Ich ohne mein Leben“ singt die Deutsch-Britin hier zunächst – und erhebt sich dann zu treibenden Indie-Gitarren und Keyboardflächen in einem strahlenden Refrain über ihren Schmerz.
Auch „Bittere Pillen“ (ein Duett mit besagter Gwen Dolyn, die man auch als Teil des Duos Tränen kennt) und „Unsterblich“ bleiben haften. Letzteres: eine einprägsame Empowerment-Hymne mit starkem Bizeps. Auch das gewaltige „Keine Kontrolle“, „Spotlight“ und das auf glamouröse Weise schwerelose, überaus sonnendurchflutete „Chelsea Boots“ igeln sich im Gehörgang ein. Mit dieser tranceartig schwebenden Lakonie, die für den Indie-Rock der Christin Nichols ebenso typisch ist wie die herrlich verdrahteten Gitarren, die stakkatoartig permanent schieben und gleichzeitig hochmelodiös sind.
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