Bei ihrem neuen Album „Shadow Child“ hat sich die kanadische Singer-Songwriterin Abigail Lapell für ein eher karges, minimalistisches Akustik-Gewand entschieden. So können die Melodien und Texte noch heller strahlen. Das Album erscheint gerade rechtzeitig zum Muttertag.
Es hat sich viel verändert bei Abigail Lapell, seit wir das letzte Mal von ihr gehört haben. Abigail ist Mutter geworden. Nachdem im Mai 2024 noch ihr Album „Anniversary“ erschien, kam im November des gleichen Jahres ihr Sohn zur Welt. Das liest sich jetzt sehr smooth, in Wahrheit war Abigail Lapells Weg zur Mutterschaft aber beschwerlich und schmerzbehaftet – mit jahrelanger IVF und einer Fehlgeburt im Jahr 2023 – die sie auf der Bühne während einer Tournee erlitt.
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Als sie nun also erneut schwanger war, buchte sich Lapell Studiozeit auf Vancouver Island, um ein Album über Mutterschaft aufzunehmen. Die neun Songs auf dem nun vorliegenden „Shadow Child“ sind nun jeweils einem Monat der Schwangerschaft gewidmet. Es war ein durchaus ambitioniertes Projekt, denn schließlich wurde Abigail durch die Schwangerschaft eine natürliche Frist gesetzt. Die Platte musste bis zu einem bestimmten Zeitpunkt fertig sein. Ihr Rückflug nach Toronto war für den letzten Tag gebucht, an dem sie im dritten Trimester noch sicher fliegen konnte.
Der Aufwand hat sich gelohnt
Es hat irgendwie geklappt. In Zusammenarbeit mit dem Produzenten Colin Stewart konnte Lapell das Projekt wuppen, obwohl sie alle Instrumente selbst einspielte. Immerhin gingen ihr einige ihrer Lieblingssängerinnen zur Hand, allesamt aus British Columbia – und allesamt ebenfalls Mütter: Frazey Ford, Jill Barber, Pharis Romero.
Der Aufwand hat sich gelohnt. „Shadow Child“ ist ein wunderbares, intimes Folk-Album geworden, das den Hörer berührt. Der Songzyklus behandelt Freude und Verlust und verwendet Metaphern aus der maritimen Tragödie. Es geht um reproduktive Gesundheit und das Leben, das durch die Ankunft eines Neugeborenen verändert wird. Der Titelsong bezieht sich dabei auf die Ultraschallbildgebung einer „liminalen Person, die noch nicht ganz existiert“, sagt Lapell. „Ihr Status ist ontologisch unklar.“
Die Glanzlichter
Schon der Opener „Whistle Song (One in a Million)“ nimmt einen direkt gefangen. Ein Lied über „das Überwinden von Widrigkeiten und das Finden kleiner Wunder im Alltag“, sagt Lapell, die zu dem Song ein sehenswerten Visualizer gefilmt hat. „Ich habe dieses Zeitraffer-Video auf Super-8-Film hoch über den Straßen von Toronto gedreht. Für mich spiegeln diese Bilder die Themen des Songs wider: Verbundenheit, zerbrechlich und doch hoffnungsvoll. Eine weite, fast heilige Stadtlandschaft aus Licht und Schatten – scheinbar fest, doch immer im Fluss.“
Auch „Hazel“ (mit Jill Barber) bleibt haften. Die Nummer wurde als erste Single ausgekoppelt und ist teils Wiegenlied, teils Elegie und eine sanfte Liebeserklärung an ein ungeborenes oder zukünftiges Kind oder an eines, das es vielleicht nie geben wird. Die sanften Klänge der E-Gitarre untermalen die süßen Bilder der Kindheit: Sandburgen, Schneeengel, Sonnenschauer und ein Name, der vom Meereswind davongetragen wird.
„So Long“ ist eine gefühlige Ballade über eine maritime Tragödie und reproduktive Selbstbestimmung in Form eines akustischen Walzers. Dieser aüberzeugt durch die Harmonien von Gast-Sängerin Pharis Romero, getragen von den Wellen einer Baritongitarre und eines Akkordeons. Und am Ende geht das Kinderlied „Sing a Rainbow“ ob seiner Symbolik unter die Haut.
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