Live: Depeche Mode in Mannheim

Depeche Mode (foto: anton corbijn/columbia records/sony music)

Mit einer fulminanten Show zogen Depeche Mode am Donnerstagabend in der ausverkauften Mannheimer SAP-Arena  einen Schlussstrich unter ihre diesjährigen Deutschland-Aktivitäten. 2018 kehren die Briten zum Abschluss ihrer Welttournee aber in die Bundesrepublik zurück.

Es gibt da diesen Moment, in dem Dave Gahan „Where’s The Revolution“ ins Mikro bellt, während sich auf dem großen Screen hinter ihm Comic-Fäuste in die Luft recken. Ein Moment, in dem man eben mal kurz seinen inneren Kulturpessimisten von der Leine lassen kann, der dann nicht umhin kommt festzustellen, dass das schon eine komische Sache ist, mit dieser Musiksaison 2017/18. Da ist das meistdiskutierte Album dieser Tage die neue Platte von U2, „Songs Of Experience“, die am gestrigen Freitag erschienen ist. Vom „Rolling Stone“-Cover prangte gerade wieder Mal Bob Dylan. Guns N’ Roses verlängern ihre Comeback-Tour um ein weiteres Jahr und die Nachfrage ist auch ohne neues Material weiter so enorm, dass mal eben die Ticket-Preise vervielfacht werden können.

Und als Depeche Mode kürzlich für Juli 2018 das Ende ihrer derzeit laufenden „Global Spirit“-Tour ankündigten, das sie mit zwei Konzerten in der Berliner Waldbühne bestreiten möchten, waren die 44.000 Tickets binnen drei Stunden ausverkauft. Die alten Recken, sie sind noch dick im Geschäft. „Where’s the Revolution?“ – Wo bleibt sie also, die Revolution? Wo sind sie, die jungen Wilden, die sich anschicken, die musikalische Ü50 von ihrem Thron zu stoßen? Wird Harry Styles die SAP-Arena im April ebenfalls bis auf den letzten Platz füllen? Wird die Autoschlange vor dem Konzert dann auch von der Halle gefühlt bis zur Pylonbrücke reichen?

Fragen, die man aus der Lameng nicht so einfach beantworten kann. Weshalb man seinen inneren Kulturpessimisten, den ollen Miesepriem, am besten gleich wieder an die Leine nimmt. Denn eigentlich hat der das Konzert der alten Hasen – Depeche Mode steuern auf ihr 40. Bühnenjubiläum zu – ja ebenfalls in vollen Zügen genossen. Und die Antwort auf die Frage, warum die Synthie-Rocker auch in reiferem Alter noch relevant sind, steckt ja auch in einem eher provokanten Song wie „Where’s the Revolution“ (2017). Die Band traut sich immer noch was, hat was zu sagen, bezieht hier offen Stellung gegen Brexit, Trump und Rechtspopulismus.

Depeche-Mode-Shows im Jahr 2017, das sind keine reinen Nostalgie-Revuen. Die Songs aus dem aktuellen Album „Spirit“, die die Band vorträgt – neben dem erwähnten Track sind das „Going Backwards“ und „Cover Me“ –, sind zwar nicht allzu viele,  aber sie kommen gut an.

Neben den ganz großen Hits – unter anderem „Enjoy The Silence“, „Stripped“, „Never Let Me Down“, „Everything Counts“ und „A Question of Time“ -, die die Band wie gewohnt geballt zum großen Finale brachte, lag ein Schwerpunkt des Abends auf dem 1997er Album „Ultra“. Ein Glanzlicht war dabei sicher das bedächtige „Sister Of Night“, vorgetragen von Martin Gore, mit dem das Mannheimer Publikum an diesem Abend eine ganz besonders innige Beziehung aufbaute. Der genoss die Aufmerksamkeit sichtlich und trat noch ein ums andere Mal ans Mikro, etwa bei „Judas“.

Zwar ist Hauptsongschreiber Gore mit einer ganz vernünftigen Stimme ausgestattet, jedoch nicht mit einem solch überbordenden Charisma wie Frontmann Dave Gahan. Der war an diesem Abend in der SAP-Arena nicht nur stimmlich voll auf der Höhe, sondern wirbelte wie ein junger Gott über die für Depeche-Mode-Verhältnisse geradezu minimalistisch ausgestattete Bühne: pirouttendrehend, nie um die ausladende, große Geste verlegen und so viel Schweiß verlierend, dass man sich fragen musste, ob das denn verbrieft sei, dass der menschliche Körper nur bis zu 70 Prozent aus Wasser besteht. Und ob es bei Gahan nicht in Wirklichkeit viel mehr sein könnten. Kurzum: Der Mann wirkte fit. Erstaunlich fit. Wer sich in den neunziger Jahren mithilfe der „Bravo“ über Gahans Heroinsucht, seine Überdosis und seinen Suizidversuch auf dem Laufenden hielt und mitbekam, dass Gahan vor wenigen Jahren an einem bösartigen Blasentumor litt, den überrascht das nicht nur, nein, den freut es auch, dass der Mann die Kurve bekommen hat. Und wer sieht (und hört), wie das Publikum dem guten Dave aus der Hand frisst, der ahnt, dass es wohl so bald nichts werden wird mit der Rebellion gegen die alten Könige. Nicht so lange der gute Dave Everybody’s „Personal Jesus“ ist. Die Revolution, sie bleibt vorerst aus.

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