Fink (Foto: Paolo Barretta)

„The Kids are alright“: Fink im Interview über sein neues Album, Kompromisse und den Brexit

Keine Kompromisse – das war das Motto des britischen Singer-Songwriters Fin Greenall alias Fink bei der Arbeit an seiner neuen Platte „Bloom Innocent“. Das Album ist gerade erschienen. Musiker in seinem Alter, so die These des Wahl-Berliners (Jahrgang 1972), sollten machen, was sie für richtig halten. Wir haben mit dem Musiker, der früher auch als DJ gearbeitet hat, über seine neue künstlerische Kompromisslosigkeit, die Zusammenarbeit mit Top-Produzent Flood (der unter anderem an „Violator“ von Depeche Mode und „Joshua Tree“ von U2 mitwirkte), Umweltbewusstsein und den Brexit gesprochen.

Fin, man sagt ja oft, das Album-Format sei tot. Oder es liege zumindest im Sterben. Liege ich da falsch, wenn ich sage, dass du mit deinem neuen Album da auch ein bisschen den Gegenbeweis antreten willst?

Ich bin ein großer Fan des Album-Formats. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es stirbt, auch wenn da immer wieder geunkt wird. Sicher, es gibt heute Künstler, gerade jüngere, die verstärkt auf Singles setzen und das Streaming im Hinterkopf haben, und das ist auch in Ordnung. Aber es wird immer Musiker geben, die im Album die beste Möglichkeit sehen, sich auszudrücken. Man kann das vielleicht mit der Kunst vergleichen: Da hat es Banksy auch geschafft, mit Traditionen zu brechen, die Kunst raus aus den Galerien und auf die Straße zu holen. Für jedermann zugänglich. Und das ist auch spannend und gut so. Wäre ich aber ein Künstler in diesem Sinne, würde ich trotzdem in einer Galerie ausgestellt werden wollen.

Keine Kompromisse

In einem Interview hast du kürzlich gesagt: Je tiefer man in seiner Karriere steckt, desto mehr hat man die Verpflichtung zu tun, was man tun will. Welches konkrete Ziel hast du denn mit der neuen Platte verfolgt? Was wolltest du tun, wo sollte dir keiner reinreden?

Hier ging es mir vor allem darum, die Musik mal wirklich atmen zu lassen. Mir keine Gedanken darüber machen zu müssen, für welchen Kanal ich produziere, an irgendwelche Streaming-Anbieter oder das Radio denken zu müssen. Sondern einfach nach meinem Gefühl, nach der Musik zu gehen. Wenn ein Song verlangt, fünf, acht oder neun Minuten zu dauern – warum nicht?

Ich habe bei dieser Platte das Sonische in den Vordergrund gestellt. Hier geht es um Stimmungen, den Klang, die Atmosphäre. Und alles, was nicht zu dieser Idee gepasst hat, ist am Ende auch nicht auf dem Album gelandet. Deswegen sind es auch nur acht Songs und nicht zehn. Da wollte ich diesmal einfach keine Kompromisse eingehen.

Im Waschzettel zum Album sprichst du davon, dass sich Erwartungen wie Fesseln anfühlen können. Wenn man sich deine Karriere so anschaut, hat man aber schon das Gefühl, dass du immer irgendwie getan hast, was du willst. Krasse Genre-Wechsel inklusive. Gab es denn musikalische Kompromisse, die du heute bereust?

Sicher, ich habe schon immer irgendwie darauf geachtet, das zu tun, was ich tun möchte. An mir war ja immer alles indie – vom Manager über die Musik bis hin zum Label. Auch wenn man sich da vielleicht mehr über die Bezahlung Sorgen machen muss als wenn man den kommerziellen Weg gegangen wäre. Aber ich wollte es nie anders. Dennoch gab es natürlich auch immer diese Momente, in denen man Kompromisse eingehen musste und am Ende vielleicht nicht glücklich darüber war. Auf fast jedem Album hat es diese Songs, die man aus irgendwelchen Gründen darauf packen musste, auch wenn sie einem selbst vielleicht nicht so ins musikalische Konzept gepasst hatten. Ich werde jetzt aber hier nicht verraten, welche das sind (lacht). Auf solche Kompromisse hatte ich bei dieser Platte keine Lust.

So lief die Zusammenarbeit mit Flood

Wie muss man sich denn in diesem Zusammenhang die Zusammenarbeit mit einem so großen Produzenten wie Flood – der ja unter anderem mit Big Names wie Depeche Mode, U2, New Order, PJ Harvey oder Nick Cave kollaboriert hat – vorstellen? Geht das ohne Kompromisse?

Flood ist fantastisch. Eine Legende. Der Mann hat auf so viele Karrieren einen so großen Einfluss gehabt. Und wirklich maßgeblichen Einfluss. Er weiß, wovon er spricht, seine Meinung ist unheimlich viel wert. Flood war mir bei der Arbeit an diesem Album wieder wie ein Mentor. Ein Möglichmacher. Ein Ermöglicher. Er spricht seinen Künstlern immer Mut zu, ermutigt sie, zur besten und extremsten Version ihrer selbst bei der Arbeit an einer Platte zu werden. Und er hält überhaupt nichts von Deadlines. Eine Platte ist erst dann fertig, wenn sie gut ist. Ein Album, mit dem man am Ende vollauf zufrieden ist, bringt einem mehr als eines, das man rechtzeitig abgegeben hat. Das ist sein Motto.

Die Stimmung der Platte ist dabei recht nachdenklich und melancholisch geworden, manchmal fast meditativ.

Ich weiß nicht, ist sie das? Melancholisch? Ich habe es diesmal etwas ruhiger angehen lassen, es ist weniger poppig geworden. Ja, vielleicht ist das melancholisch. So bin ich eben. Aber traurig ist sie nicht geworden, das würde ich nicht sagen.

Viel Liebe fürs Detail

Ihr habt auf jeden Fall mit so viel Liebe fürs Detail Wert auf den Klang gelegt. Tut es einem dann weh, wenn der Hörer so eine Platte dann am Ende über das Smartphone konsumiert?

Ach, eigentlich nicht. Das kann jeder machen wie er mag. Manchen geht es ja auch gar nicht so sehr um die sonischen Details, sondern vielleicht eher um meine Stimme oder die Texte. Ich kann das verstehen. Außerdem höre ich ja auch ab und an Musik über das Smartphone.

Wie hörst du denn Musik normalerweise?

Das kommt immer auf die Umstände an. Manchmal lasse ich mich am Smartphone oder vom Laptop beschallen, gerade wenn ich unterwegs bin. Zu Hause dann gerne aber mit Kopfhörer und an der Anlage. Ich habe eine unheimlich große Vinyl- und CD-Sammlung, plündere oft Plattenläden, egal in welcher Stadt ich gerade bin.

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Künstler und Umweltbewusstsein

Bei deinen physischen Veröffentlichungen legst du Wert darauf, dass diese nachhaltig produziert sind. Wie muss man sich das vorstellen?

Wir versuchen, so nachhaltig wie möglich zu arbeiten, ohne dabei aber irgendwie den Leuten etwas vorpredigen zu wollen. Sicher, die Platte ist selbst Vinyl, die CD aus Plastik, da kommt man nicht dran vorbei. Bei der Verpackung versuchen wir aber, nachhaltig zu produzieren. Da fängt bei dem Papier und dem Faltpaket an, bei dem Bambus, den wir verwenden – und den Wildblumensamen, mit denen die Download-Karte gespickt ist. Die Verpackung wiederum ist durch eine abbaubare biobasierte Schutzfolie geschützt.

Wo wir gerade über ökologisches Bewusstsein sprechen: Ich habe neulich mit einem Künstler gesprochen, der häufiger in Japan zu tun hat und mittlerweile schon so etwas wie eine Tour-Scham entwickelt hat.

Ja, das mit dem Touren ist so eine Sache. Ich würde von mir schon behaupten, dass ich bewusster und ökologisch bedachter als so manch anderer lebe, aber das Touren reißt mich dann halt schon rein. Da gibt es leider auch aktuell keine Alternative zu. Natürlich fliege ich viel, wir haben einen schweren Nightliner und so weiter. Ich versuche das dann immer irgendwie zu kompensieren, aber letztlich ist dadurch ja nix gewonnen. Das CO2 ist dann freigesetzt. Ich würde aber jederzeit auf ökologisch sinnvollere Verkehrsmittel umsteigen, sobald das möglich ist. Das Segelboot ist für mich leider keine Alternative.

Der Brexit und kein Ende

Wenn man so will, ist „Bloom Innocent“ ein sehr europäisches Album: In deiner Wahl-Heimat-Berlin aufgenommen, den Feinschliff in London abgeholt. Wie verfolgst du denn als Brite im Ausland die Debatte um den Brexit?

Man hält sich natürlich auf dem Laufenden, klar. Es ist ja ein leidiges, nervendes Thema, das uns alle unmittelbar betrifft. Und mich irgendwie gleich doppelt – als Privat- und als Geschäftsmann. Und dann zieht sich diese ganze Ungewissheit so sehr in die Länge. Man würde sich langsam schon mal Klarheit wünschen.

Ist das auch im privaten Umfeld ein schwieriges Thema?

Als Künstler hat man ja viel mit anderen Künstlern zu tun, da ist das eigene Umfeld eher liberal, das ist klar. Aber natürlich trifft man auch immer wieder auf Leute, die für den Brexit gestimmt haben und gerät dann in Diskussionen. Ich frage mich immer, ob diese Leute heute noch mal so stimmen würden, wie sie es damals getan haben. Mit dem ganzen Wissen von heute.

Auch Deutschland macht ja gerade gesellschaftliche Veränderungen durch. Siehst du da Parallelen zu Großbritannien?

Eigentlich nicht. Berlin ist ja auch nicht Bayern. Noch vor ein paar Jahren sah es für mich irgendwie so aus, als würde ganz Europa zerfallen. Mittlerweile sind es nur noch die Briten, die es nicht auf die Kette zu bekommen scheinen. Jetzt sind sie und die USA nach rechts gerückt, ja, und auch hier gibt es solche Tendenzen. Aber alles in allem: Wenn ich mir da die Jugend anschaue, die nachwächst, bin ich doch insgesamt optimistisch. Da kommt was. Man schaue sich beispielsweise Greta Thunberg oder Malala Yousafzai an. Menschen wie sie werden das schon schaukeln, da ist mir nicht bange. The kids are alright. Menschen wie sie werden das schaffen, was ihre Vorgänger nicht geschafft haben. Statt der Rolle rückwärts wird es dann wieder einen Schritt nach vorne geben.

Ist da diese Sehnsucht nach neuen Horizonten, nach Eskapismus, die ja „Bloom Innocent“ durchweht, auch politisch zu verstehen?

Ja, sicher. Man muss sich diesen Optimismus bewahren. Und die Leute dazu ermutigen, nicht im Gestern verhaftet zu bleiben. Und wer gar nicht anders kann, als ständig zurückzublicken und zu sagen: „Früher war alles besser“, der sollte alles dafür tun, dass das, was er am Gestern schätzt, den Sprung in die Zukunft schafft. Sofern es etwas Positives ist.

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