Stephen King – Erhebung

Erhebung von Stephen King (foto: heyne verlag)

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8 Heyne Verlag
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Vor wenigen Monaten erst ließ Stephen King den Outsider auf die Menschheit los, jetzt kommt er mit einer Novelle um die Ecke, die nicht die Grusel-Gelüste seiner Leserschaft anspricht, sondern Themen wie Menschlichkeit, Freundschaft, Freiheit und Toleranz verhandelt. “Erhebung” ist soeben im Heyne Verlag erschienen.

Scott verliert an Gewicht. Das klingt zunächst beneidenswert, aber: Er nimmt rasend schnell ab. Unheimlich schnell. Kurios: Sein dickliches Äußeres verändert sich dabei trotzdem nicht. Und wenn er auf die Waage steigt, zeigt sie jeweils das gleiche Gewicht an, egal wie viel er momentan trägt, ob Kleidung oder gar Hanteln. Scott weiß, dass etwas mit ihm nicht stimmt. Aber er hat Angst, zum Arzt zu gehen. Er will nicht als medizinisches Phänomen betrachtet werden und als Versuchskaninchen enden. Aber er muss es jemandem erzählen. Zu dem sich bereits im Ruhestand befindenden Dr. Ellis hat er Vertrauen, aber auch der weiß keinen Rat.

Parallel dazu gerät der liebenswürdige Scott in seiner netten Wohngegend in der Kleinstadt Castle Rock in einen eskalierenden Kleinkrieg. Der Hund der neuen Nachbarn – zwei Lesben – verrichtet sein Geschäft ständig bei ihm im Vorgarten. Die eine Frau ist eigentlich recht freundlich, die andere aber eiskalt. Die beiden haben gerade ein Restaurant eröffnet, von dem sie sich viel erhoffen. Die Einwohner von Castle Rock wollen aber nichts mit Homo-Paaren zu tun haben. Das Geschäft läuft entsprechend schlecht. Als Scott endlich versteht, was Vorurteile in einer Gemeinschaft anrichten, überwindet er den eigenen Groll und tut sich mit den beiden zusammen. Merkwürdige Allianzen, der jährliche Stadtlauf und Scotts mysteriöses Leiden fördern bei sich und anderen eine Menschlichkeit zutage, die zuvor unter einer herzlosen Bequemlichkeit vergraben lag.

143 Seiten – für Stephen King geht das als Kurzgeschichte durch. In “Erhebung” führt uns King mal wieder nach Castle Rock zurück, jene fiktive Kleinstadt im Nordosten der USA, in der der Schriftsteller schon Werke wie “In einer kleinen Stadt”, “Die Leiche”, “Cujo” oder “Stark” spielen ließ. Auch diesmal zeigt sich die Stadt wieder nicht von ihrer besten Seite, sondern offenbart zunächst eine hässliche, intolerante Fratze. Grusel beziehungsweise das Übernatürliche spielt hier diesmal aber eine eher untergeordnete Rolle. Die Geschichte, die King hier erzählt, ist gleichermaßen hoffnungsvoll wie melancholisch. Einerseits zeigt sie, dass Vorurteile überwindbar sind, andererseits leidet der Leser durchaus mit Scott mit. Die Figur ist einem recht schnell sympathisch, auch wenn King sie nicht bis in jeden Winkel ausleuchtet. Was nicht heißt, dass die Story keinen Tiefgang hat. Das Rätsel um Scotts Gewichtsverlust ist hier kein überflüssiges Ornament, sondern metaphorisch zu verstehen. Und natürlich ist das Werk auch als Fingerzeig gegen das Hass-vergiftete Trump-Amerika zu deuten. Bei so viel froher Botschaft verzeiht man dann auch das leicht kitschige Ende der Novelle.

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Fazit: Überraschend warmherzig.

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