Kool & The Gang in Worms (foto: Fiege)

Live: Kool & The Gang in Worms – Die Feste feiern, wie sie fallen

Gelungener Auftakt des Jazz-and-Joy-Festivals: Kool & the Gang haben am Freitagabend den gut besuchten Wormser Rathausplatz in eine große Disco umgewandelt.

Es gibt Songs, die werden völlig ungeplant zu Soundtracks für historische Ereignisse. „Wind of Change“ von den Scorpions steht heute symbolisch für die Zeit von Mauerfall und deutscher Wiedervereinigung. Passte hervorragend. Enyas „Only Time“ kann man nicht mehr hören, ohne an 9/11, die Flugzeuge und das World Trade Center zu denken.

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Und bei „Celebration“ von Kool & the Gang? Da dürfte man hierzulande wohl eher an feucht-fröhliche Geburtstagsfeiern von Onkel Walter oder Tante Renate in irgendeinem holzgetäfelten, bundesrepublikanischen  Partykeller denken.

Song atmet Geschichte

Für amerikanische Hörer atmet der Song aber durchaus auch Zeitgeschichte. In den USA verbinden viele ältere Semester den Song nämlich mit der Geiselnahme von Teheran: Iranische Studenten besetzten am 4. November 1979 während der Islamischen Revolution die US-Botschaft in der iranischen Hauptstadt.  So wollten sie gegen die Aufnahme des gestürzten Schahs Reza Pahlavi in den USA  demonstrieren. Die Studenten hielten 52 US-Diplomaten als Geiseln: für 444 Tage. Als die Geiseln am 20. Januar 1981 endlich freigelassen wurden, spielten viele  US-Radiosender zur Feier des Tages einen noch recht frischen, passend erscheinenden Song: „Celebration“ (1980), von Kool & the Gang. 

Rathausplatz wird zur Tanzfläche

Unwahrscheinlich, dass diese Anekdote irgendeinem der Festivalbesucher in Worms am Freitagabend durch den Kopf ging, als Kool & the Gang die Nummer als – letzte und einzige – Zugabe auspackten. Es herrschte Partystimmung, für Politik war jetzt wirklich überhaupt keine Zeit, der Wormser Rathausplatz hatte sich in eine große Tanzfläche verwandelt. Kool & the Gang machten das, was sie seit rund 60 Jahren immer machen: die Leute dazu bringen, die Hüften zu schwingen und mit dem Allerwertesten zu wackeln.

Gut, das ist nur so halbrichtig. Zwar existiert die Band schon seit 1964, allerdings ist nur noch Bassist Robert „Kool“ Bell von der alten Garde dabei. Von den Gründungsmitgliedern der Kapelle, die in den Siebziger und Achtziger Jahren ihre größten Erfolge feierte, ist Robert Bell das letzte lebende Mitglied. Der last man standing. Zwar hat es in der langen Bandhistorie die eine oder andere Umbesetzung gegeben, dennoch ist da auch so etwas wie Beständigkeit: Sänger Shawn „Shawny Mac“ McQuiller steht etwa seit 1991 bei der legendären Formation am Mikro.

Alte Hits im Fokus

Zwar veröffentlichen Kool & the Gang seither noch neues Material – das bis dato letzte Studioalbum „People Just Wanna Have Fun“, der insgesamt 26. Studiolongplayer, erschien 2023 –, aber man muss sich da nichts vormachen: Die Leute kommen wegen der alten Hits. Neue Songs hatten Kool & the Gang daher noch nicht einmal auf die Setlist in Worms gepackt. Profis eben.

Hier und da stellten sie ihr Publikum in Worms aber auch auf die Probe. Sicher, es wurde auch in der Nibelungenstadt getanzt, aber: Hierzulande kommen die meisten doch eher zum Hören der Evergreens. Lange Instrumentalpassagen, die keinem Hit zuzuordnen waren, wurden von vielen ungeduldig rezipiert.

Nostalgische Zeitreise

Vielleicht war die Angst zu groß, ob eines zu langen Keyboard-, Gitarren- oder Drum-Solos da einen der ganz großen Hits zu verpassen. Und von denen haben sich im Laufe der rund 60 Jahre ja so einige angesammelt. „Celebration“ hatten wir ja schon erwähnt, Nummern wie „Ladies’ Night“, „Cherish“, „Joanna“. „Get Down On It“, „Jungle Boogie“ oder „Hollywood Swinging“ sind ebenfalls fest im kollektiven, popkulturellen Gedächtnis verankert. 70 Millionen verkaufte Tonträger, weltweit, müssen ja schließlich irgendwo herkommen.

Die knapp anderthalb Stunden, die die Band für die Zuschauer in Worms gespielt hat, gerieten also  zur nostalgischen Zeitreise: zurück in die Partykeller, zurück auf den Dancefloor der Dorfdisco, auf den Kool & the Gang den Zuhörer mit ihrer Mixtur aus Funk, Soul und Disco schon vor Jahrzehnten zogen. Sie waren damals in die aufkommende Disco-Kultur so reingestolpert, waren ab er eigentlich selbst gar keine Disco-Gänger, verrieten  Bandmitglieder einmal in einem Interview. Doch sie haben die Gelegenheit seinerzeit einfach beim Schopf gepackt, man muss die Feste eben feiern wie sie fallen. Auch wenn sie ungeplant daherkommen.

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