Alt-Pop-Provokateurin Girli meldet sich mit ihrem dritten Album zurück. Auf „It’s Just My Opinion“ zeigt sie sowohl politisch als auch persönlich klare Kante.
Girli heißt eigentlich Amelia Toomey. Die Londoner Singer-Songwriterin – übrigens Halb-Australierin – legte 2019 mit „Odd One Out“ ihr Debütalbum vor und hat sich dann spätestens mit dem Nachfolger “Matriarchy” (2024) einen Namen in der britischen Alternative-Szene gemacht. Die offen LGBTQ+ lebende Künstlerin besticht dabei durch mutiges Storytelling, bei dem sie persönliche Geschichten mit größeren kulturellen Diskursen verbindet, und die Fähigkeit, Pop mit Underground zu vermählen. In ihren bisherigen Arbeiten thematisierte sie beispielsweise Identität, Politik und mentale Gesundheit.
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Nun schlägt die 28-Jährige mit ihrem neuen Album das nächste Kapitel auf. Die Platte kann dabei durchaus als eine mutige Rückkehr zu den eigenen Wurzeln betrachtet werden. Hatte Girli bei „Matriarchy“ noch durchaus den Mainstream-Appeal im Blick, wird es jetzt erneut ein bisschen kantiger. Rohe Ausdruckskraft schlägt wieder Glanz und Perfektion.
Keine Selbszensur
Girli begann 2025 mit der Arbeit an dem Album und setzte sich das Ziel, es innerhalb von neun Monaten fertigzustellen, während sie die Entstehung für ihr Publikum dokumentierte. Dabei kehrte sie zu einem intuitiveren Ansatz zurück und traf die bewusste Entscheidung, ohne Selbstzensur zu arbeiten. “Als ich angefangen habe, Musik zu machen, hatte ich einen starken politischen Antrieb, der mit der Zeit verwässert wurde, da ich dazu ermutigt wurde, ‘kommerziell zugänglicher‘ zu werden“, erklärt sie. „Inzwischen hat sich das verändert, und Hörer:innen fühlen sich zunehmend zu Künstler:innen hingezogen, die wirklich für etwas stehen.“
Musikalisch schlägt „It’s Just My Opinion“ einen Bogen zwischen der punkigen DIY-Attitüde ihrer Jahre in Nordlondon, der Energie der Indie-Sleaze-Ära und einem modernen Alt-Pop-Sound, der gleichzeitig sowohl eingängig als auch schroff bleibt.
Das sind die Glanzlichter
Zu den Glanzlichtern gehört das eindringliche “Slap On The Wrist“, in dem es um sexuelle Belästigung und Gewalt gegen Frauen geht. Auch das gefühlige, dabei aber energetische “Romantic Sadness“ bleibt in dem Zusammenhang haften. Die Nummer fängt die Tendenz ein, Schmerz als eine Form des Überlebens zu romantisieren. Auch das zunächst chaotisch anmutende “Squirm“; der romantische Coming-of-Age-Titel “The Answer“, in dem Girli ihren ersten Teenager-Crush und den Moment reflektiert, in dem sie sich ihrer Queerness bewusst wurde.
„Bones“ atmet schwer den Geist der 1980er, Die Breakup-Hymne „Better Undressed“ lotet mit rauen Gitarren und ungefilterten Vocals die Grauzonen nach einer Trennung aus. „Petal“ startet soft, geht dann aber doch gut nach vorn.
Dass Girli auch die eher sanfteren Töne wirklich beherrscht, zeigt sie auf dem verträumten „Don’t Make Me Cry“, das in Richtung Country-Pop geht. Das abwechslungsreiche “Lifestyle“ wiederum transportiert den Geist der frühen 2000er und erzählt davon, dass Queerness eben keine Lifestyle-Entscheidung ist – und von den Herausforderungen, die entstehen, wenn man mit jemandem zusammen ist, der sich mit der eigenen Identität nicht wohlfühlt.
Im Oktober in Deutschland
Mit dem Album im Gepäck ist Girli gut gewappnet für das, was da so ansteht. Aktuell ist die Musikerin in Großbritannien auf Tour, um ihr neues Album zu feiern und den Austausch mit der Community fortzuführen, die sie sich über die Jahre aufgebaut hat. Von Edinburgh bis Southampton und überall dazwischen tritt sie in Plattenläden im ganzen Land auf, präsentiert das neue Material und sorgt dabei immer wieder für Überraschungen. Die deutschen Fans müssen noch bis Oktober gedulden, ehe Girli dann auch hierzulande live zu erleben ist.
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