Nirvana

Nirvana (foto: universal)

Sie wurden zum Sprachrohr einer ganzen Generation, ohne dies je sein zu wollen: Nirvana. Die Geschichte eines kometenhaften Aufstiegs und eines krachenden Absturzes.

Kurt Cobain wächst als Sohn einer Hausfrau und eines Chevron-Automechanikers südwestlich von Seattle auf. Schon im zarten Alter von zwei Jahren zupft er bereits an seiner ersten Gitarre, fünf Jahre später verkündet Klein-Kurt, gerne einmal Rockstar werden zu wollen. Ein Zuckerschlecken wird seine Jugend nicht: Seine Eltern lassen sich scheiden, er ist auf sich alleine gestellt – die Isolation, die Cobain hier verspürt, wird zum Nährboden für sein späteres künstlerisches Schaffen und seine persönlichen Dämonen. Während seiner Schulzeit gilt Cobain als Misfit, als Außenseiter, der gerne Heavy Metal und Hardcore hört. Zu seinen Lieblingsband gehören damals Black Flag und die Pixies.

Über Freunde lernt Cobain Buzz Osborne und dessen mittlerweile legendäre Melvins aus dem nahe gelegenen Olympia kennen. Die Punks beeindrucken ihn, weil sie so ganz anders sind als seine Mitschüler. Die Band weckt Kurts Interesse an Punkrock, der daraufhin Fecal Matter beitritt. Nachdem die Gruppe zwei Demos bei Cobains Tante Mari aufnimmt und einige Konzerte, unter anderem als Vorband der Melvins, gespielt hat, löst sie sich aber auch schon wieder auf. Dennoch hat das Intermezzo musikhistorische Relevanz: Die Fecal-Matter-Demo vom Dezember 1985 überzeugt nämlich Krist Novoselić, mit Cobain eine Band zu gründen.

Tun sie dann auch. Die beiden durchlaufen gemeinsam mehrere kurzlebige Formationen  und Bands, ehe sie Skid Row – in der Besetzung Kurt (Gitarre, Gesang), Krist (Bass) und Aaron Burckhard (Drums) – gründen, wobei der Name hier noch mehrfach wechseln sollte. Bei ihren ersten Auftritten spielt das Trio schon erste Versionen von Songs wie „Spank Thru“, „Beeswax“ oder „Floyd The Barber“, die sich später überarbeitet auf dem Nirvana-Debütalbum „Bleach“ wiederfinden sollten. Dass Burckhard nicht lange in der Band bleiben würde, zeichnet sich schnell ab. Nicht nur, dass der Schlagzeuger einen gänzlich anderen Musikgeschmack als seine Kollegen hat, nein, er ist auch mit deutlich weniger Engagement bei der Sache. Für ihn ist die Sache ein großer Spaß, für Novoselić und Cobain hingegen bitterer Ernst. Burckhard verlässt die Band, die sich mittlerweile Nirvana nennt, und diese steht nun ohne Drummer da.

Im Herbst 1987 zieht Cobain nach Olympia. Die Stadt liegt unweit von Seattle, jenem Ort, der Anfang der 90er Jahre durch die Popularität des Grunge-Rock und das Label Sub Pop in den Fokus des Musikbusiness rücken sollte. Mit ihrem alten Buddy Dale Crover an den Drums nehmen Nirvana 1988 ihr erstes, aus zehn Stücken bestehendes Demo auf. Produziert wird es von Jack Endino. Bruce Pavitt und Jonathan Poemann, die Sub Pop-Gründer, werden dadurch auf die Band aufmerksam und verhelfen ihnen zu ein paar Auftritten. Weil Crover nach San Francisco zieht, sucht die Band aber wieder mal nach einem neuen Drummer. Dave Foster stößt daher zur Band – und verabschiedet sich recht schnell wieder, nachdem er wegen Körperverletzung ein Jahr ins Gefängnis wandert. Burckhard springt kurz für ihn ein, ehe Chad Channig die Drumsticks übernimmt. Mit letzterem nehmen Nirvana ihre erste Single, in kleiner Auflage gepresst, für Sub Pop auf: „Love Buzz“, eine Coverversion der niederländischen Popband Shocking Blue, auf der A-Seite und der eigene Titel „Big Cheese“ auf der B-Seite.

Doof: Nach der Veröffentlichung der Single hat Sub Pop Ende 1988 mit finanziellen Problemen zu kämpfen, so dass sich Nirvana erstmal keine Hoffnungen auf eine Albumveröffentlichung machen können. Trotzdem geht die Band volles Risiko und verbarrikadiert sich im Dezember 1988 und Januar 1989 mit Endino erneut im Studio. Die 30 Stunden an insgesamt drei Tagen kosten die Band 606,17 Dollar, die von Jason Everman bezahlt werden, einem Kumpel der Band, der letztlich im Frühsommer 1989 zweiter Gitarrist wird, da Cobain nicht gleichzeitig singen, Gitarre spielen und sich den Text merken kann. Eine erste US-Tour führt die Band im Sommer 1989 durch diverse Bars und Clubs. An ihrem vorzeitigen Ende steht der Rausschmiss von Jason Evermann, der danach bei Soundgarden anheuert.

Während Sub Pop am liebsten weiterhin einfach nur Nirvana-Singles veröffentlichen würde, wünscht die Band ein Album-Release. Am 8. August 1989 ist es soweit: Nirvana bringen mit „Bleach“ ihr Debütalbum auf den Markt, benannt nach einem Werbeplakat, das Heroinsüchtige dazu auffordert, ihre Nadeln mit „Bleach“ zu reinigen. Musikalisch mischen Nirvana hier den Sludge, Doom und Hardrock der Melvins mit Pop. Inhaltlich geht es um Entfremdung, Verbitterung und Resignation – in der Gesellschaft ebenso wie im Privaten. Gedrosselte Bassläufe, heruntergestimmte Gitarren, ein schroffes Schlagzeug und ein mal wütender, mal trauriger, aber immer verzweifelter Gesang schaffen eine düstere Atmosphäre. Das recht sperrige Album ist zunächst kommerziell nicht sehr erfolgreich – das sollte sich erst nach „Nevermind“ ändern -, aber schon hier wird das Gespür der Gruppe für kraftvolle, ehrliche Songs deutlich. Die Authentizität, mit der Nirvana hier zu Werke gehen, sorgt für die nötige Glaubwürdigkeit, die der Band auch nach ihrem späteren Mainstream-Erfolg nicht mehr abgesprochen werden konnte. In der US-Indie-Szene und an dem amerikanischen Colleges wird die Platte gefeiert – und auch in England wird man schnell auf die Band aufmerksam, weshalb die Band noch im Jahr 1989 auf eine 42-tägige Europa-Tour aufbricht.

Danach dreht sich wieder das Personalkarussell: Im Mai 1990 verlässt Chad Channings die Band. Für Krist und Kurt ist das kein allzu großer Verlust, da sie mit ihm schon lange nicht mehr zufrieden sind. Dan Peters (Mudhoney) springt kurzfristig ein und ist auch auf einer Single („Sliver/Dive“) zu hören. Melvins-Mastermind Osborne spielt daraufhin erneut Schicksalsfee für Nirvana. Er gibt dem jungen Schlagzeuger Dave Grohl, der damals in der Hardcore-Band Scream spielt, die Telefonnummer von Novoselic. Grohl ruft an, obwohl er von Nirvana zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich begeistert ist.

Ein Wechsel zur richtigen Zeit: Nachdem sich mehrere Labels um Nirvana rissen, unterzeichnet die Band am 30. April 1991 einen Plattenvertrag bei Geffen Records. Das finanziell klamme Sub Pop erhält eine Ablösesumme. Mit Butch Vig, mit dem Nirvana schon einige Demos aufnahmen, beginnen Nirvana direkt die Arbeit am neuen Album. Was da noch keiner ahnt: Es entsteht etwas ganz, ganz Großes: „Nevermind“ erscheint am 24. September 1991. Knapp zwei Wochen zuvor veröffentlicht die Gruppe bereits die Single „Smells Like Teen Spirit“, benannt nach einem Spruch, den Bikini-Kill-Sängerin Kathleen Hanna an Cobains Wand gesprüht hat, um dessen Körperduft mit einem Deo zu vergleichen. Der Song wird zu einem der wichtigsten Lieder der neunziger Jahre und macht Grunge gesellschaftsfähig. Das in einer Schulturnhalle gedrehte Video läuft auf den Musiksendern der Welt in Dauerrotation, wird ikonisch. Die Vorverkaufserwartungen von Geffen für „Nevermind“ stellen sich mit einer Produktion von 50.000 Exemplaren schnell als Fehlkalkulation heraus, es muss flugs nachgepresst werden. Ein paar Wochen später wird „Nevermind“, das natürlich längst auf Platz eins der US-Charts steht und von dort Michael Jacksons „Dangerous“ verdrängte, mit Platin ausgezeichnet, mehr als eine Millionen Exemplare werden binnen kürzester Zeit verkauft.

Alternative Rock ist spätestens durch dieses Album im Mainstream angelangt. Für Nirvana und vor allem für Kurt Cobain bedeutet das, dass sie über Nacht zu Stars werden, plötzlich im gleißenden Rampenlicht stehen. Und obwohl Cobain immer Rockstar werden wollte, das Spiel am Anfang auch durch provokante Auftritte mitspielt, ist ihm dieser neu gewonnene Ruhm nicht ganz geheuer. Er fühlt sich von der Öffentlichkeit missverstanden und sieht das Werk seiner Band als völlig überbewertet dargestellt. Ein „Sprachrohr für eine ganze Generation“, wie er von den Medien schnell getauft wird, will er eigentlich gar nicht sein. Als Cobain die Hole-Sängerin Courtney Love 1992 heiratet, nimmt die Aufmerksamkeit der Medien aber eher zu als ab. Love ist zu diesem Zeitpunkt schwanger und bringt am 18. August 1992 die gemeinsame Tochter Frances Bean zur Welt. Knapp 14 Tage später schreibt das Boulevard-Blatt „Vanity Fair“, Love habe während ihrer Schwangerschaft Heroin konsumiert. Daraufhin verlieren die Eltern für einen Monat das Sorgerecht und gelangen es erst nach einem Rechtsstreit wieder zurück.

Dem Druck der Öffentlichkeit versucht sich Cobain mehr und mehr mit Hilfe von Heroin zu entziehen. Für eine Weile ist er nicht mehr in der Lage, an neuen Songs zu arbeiten geschweige denn ins Studio zu gehen. Geffen veröffentlicht daher im Dezember 1992 die B-Seiten und Raritäten-Sammlung „Incesticide“, um die Band weiter (musikalisch) im Gespräch zu halten. Auf Drängen der Bandmitglieder wird für die Platte nicht die große Promo-Maschine angeschmissen, dennoch erreicht sie Platz 39 der US-Charts.

Ende 1992 beginnt die Band mit Arbeiten am neuen Album, ersetzt Produzent Endino Anfang 1993 aber durch Steve Albini – gegen den Willen des Labels, das die Aufnahmen auch folgerichtig beschissen findet und durch R.E.M.-Produzent Scott Litt neu mixen lässt. Der Streit zwischen Plattenfirma und Band dauert Monate. Nirvana wollen nicht erwartbar sein, nicht nach Mainstream klingen und wählen für den Longplayer einen sperrigeren Ansatz. Trotz aller widrigen Umstände – die Band, vor allem Cobain, geraten immer wieder negativ in die Schlagzeilen – erscheint am 13. September 1993 tatsächlich das dritte Album „In Utero“, bis auf wenige Ausnahmen wahrlich nicht geeignet für MTV und Mainstream-Radio, ein Musik gewordener Wutausbruch. Und obwohl die Platte kein zweites „Smells Like Teen Spirit“ in sich hat, erreicht sie Platz eins der Charts. Bei der anschließenden Tour stößt Pat Smear zu Nirvana.

Am 18. November 1993 spielen Nirvana mit Akustik-Instrumenten ein MTV Unplugged-Konzert, das ein Jahr später als CD veröffentlicht wird. Ein legendäres Konzert, das die Gruppe von einer überraschenden, softeren Seite zeigt.

Anfang 1994 befinden sich Nirvana wieder Mal auf Tour. Diese wird aber vorzeitig abgebrochen, weil Cobain sich in eine Entziehungskur begeben will. Letztlich flieht er aber aus dem Krankenhaus. Eine folgenschwere Entscheidung: Eine Woche später, am 8. April 1994, wird der Frontmann von einem Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma, die eine Alarmanlage im Haus Cobain-Love installieren sollte, tot aufgefunden. Er hat sich mit einer Schrotflinte selbst gerichtet.

Das Ende des Grunge. Und das traurige Ende einer Band, die mehr als 75 Millionen Platten verkauft und die Musik-Geschichte maßgeblich geprägt hat. Das musikalische Erbe wird heute unter anderem von Courtney Love und ihrer Tochter verwaltet. Krist Novoselić hat in Folge unter anderem ein paar Solo-Alben veröffentlicht, sich als Politiker, Lobbyist und Kolumnist versucht. Dave Grohl hat mit den Foo Fighters eine zweite erfolgreiche Band-Karriere hingelegt.

2014 werden Nirvana in die Rock’n’Roll-Hall-of-Fame aufgenommen, die Laudatio hält Michel Stipe (R.E.M.). Bei dieser Gelegenheit treten Grohl, Novoselić und Pat Smear mit den Gastsängerinnen Joan Jett, Lorde, Kim Gordon (Sonic Youth) und Annie Clark auf.

 

DISCOGRAPHY

1989: Bleach

1991: Nevermind

1993: In Utero

 

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