Die kroatisch-deutsche Songwriterin und Autorin ZUSTRA („Rolling Stone“ hat dieser Tage mit „I Am Water“ ein neues Album vorgelegt. Die zehn Tracks sind eine Reise durch Träume und Abgründe und vereinen Dream Pop, Indie-Rock, klassische und elektronische Elemente, dazwischen eine Balkan-Blaskapelle und Trip-Hop-Vibes – experimentell, aber ebenso verspielt und lässig. Ihre existentialistischen Lyrics sind sowohl intimer als auch politischer geworden. Hier geht sie für uns ihre neue Platte durch – Track by Track.
1. I Am Water
Als ich dieses 6-Minuten-Stück fertig geschrieben hatte, war mir klar: Das wird der Titelsong zu meinem neuen Album. “I Am Water” lag als Thema bei mir aber auch auf der Hand. Es ist aus der Perspektive von Wasser geschrieben, dem Element, das seit 4 Milliarden Jahren das Geschehen der Erde in sich gespeichert hat, und in allem ist, was lebendig ist. Ich wollte in dem Song das Spannungsfeld ausdrücken von Einsamkeit in der Welt und gleichzeitig die Verbundenheit mit ihr – etwas, das vermutlich viele angesichts der politischen und gesellschaftlichen Lage fühlen. Der Aufbau des Songs ist eine Art Evolution im Zeitraffer: „I Am Water“ beginnt als Kammerspiel zu Klavier und Streichern, und irgendwann folgt
der Vulkanausbruch aus treibenden Drums und Synths – ich mag Tempowechsel!
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2. Down with the World
„Down with the World“ ist sozusagen meine kleine Anleitung zur Revolution: „I want no seat at the table, I want all of us to sit on the ground!“ lautet die Ansage im Chorus. Aber wenn das bedeutet, auch
erstmal einfach aus seinem Bürostuhl aufzuspringen und gemeinschaftlich zu tanzen, bin ich auch schon happy!
3. Noćno more (Nocturnal Sea)
Ich weiß noch, als ich mit diesem Track ins Studio kam, war mein Kollege und Produzent Danny erst einmal irritiert, dass der Chorus langsamer ist als die Verse, weil in der Pop-Logik da das Tempo in der Regel anzieht. Als ich dann am Ende nach den Trip-Hop-Vibes auch noch eine Balkan-Blaskapelle ausgefahren habe, die Richtung Berghain schielt, meinte er nur lachend: Okay, solange es Spaß macht, mach du mal!
4. River
Die Songs auf diesem Album sind in einer Spanne von elf Jahren entstanden, aber “River” habe ich zu einer ähnlichen Zeit wie “I Am Water” geschrieben, auch wieder zunächst solo am Klavier. Der Song ist geprägt vom Aphorismus Panta Rhei, also “Alles fließt”, und in diesem Zusammenhang vom Ausspruch: „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen“. Mir hilft die Lektüre von Philosophie, Abstand zu den Dingen
des Alltags zu bekommen. In “River” bette ich die Geschichte einer unmöglichen Liebe in ein zirkuläres Zeitverständnis ein, das ich habe. Es war mir eine Ehre, dass der britische Musiker Simon Ralph Goff unter
anderem diesen Song für mein Album produziert hat – er hat zwei Grammys für seine Mitarbeit am Soundtrack für “Joker” mit Joaquin Phoenix zu Hause im Regal stehen! Und ich freue mich, dass “River” es in den Soundtrack des Amazon-Prime-Thriller „UN/DRESSED“ geschafft hat – in eine Sexszene im Auto, tagsüber im Parkhaus. Nehm ich!
5. Lullaby for Laing
Als mir ein befreundeter Musiker erzählt hat, dass er aufgehört hat zu singen und nicht vorhat, es je wieder anzufangen, und dass er auch kaum mehr schläft, kam mir die Idee zu „Lullaby for Laing“. Es soll ein
zärtliches Schlaflied für Erwachsene sein, die nachts von Sorgen wachgehalten werden. Und weil es sich gemeinsam besser Trost spendet, habe ich die Berliner Indie-Künstlerinnen ANIQO und Joanna Gemma Auguri gefragt, ob sie Lust hätten, Backing Vocals beizusteuern. Wir kannten uns von einem Netzwerktreffen von Frauen in der Musikbranche und ich finde ihren Sound toll. Ich bin glücklich, dass sie zugesagt haben, denn ihre Stimmen sind im wahrsten Sinne des Wortes stimmig. Allein der Moment, in dem die beiden das erste Mal einsetzen, berührt mich jedes
Mal.
6. Banja Luka
Neben meiner Arbeit an meinem Album habe ich in den vergangenen Jahren mit ein paar Kolleg:innen die Idee für ein Musiktheater umgesetzt: „Bosnia, My Love“. Wir haben das Stück im Juni 2026 gemeinsam mit dem Kulturbüro Friedrichshafen uraufgeführt. Unser Arbeitstitel lautete 2022 noch “Balkanoper”, und daher war ich inspiriert, passende Musik dafür zu komponieren. So entstand „Banja Luka“, benannt nach einer Stadt in Bosnien, die de facto die Hauptstadt des serbischen Landesteils Republika Srpska ist. Ich liebe es, wie Simon Ralph Goff die Schwere des Stücks mit seinen elektronischen Texturen in futuristische Sphären hebt.
7. This Must Be Underwater Love
So schließt sich der Kreis! Bei meinem Debütalbum habe ich für eure Rubrik “My Soundtrack” meine Lieblingssongs zusammengestellt, und “Underwater Love” von Smoke City war als All-Time-Favourite natürlich ganz oben mit dabei. “Ich glaube, mein kompletter Kreislauf ist auf diesen Beat geeicht”, hatte ich geschrieben, und es stimmt immer noch. Ich hätte damals nicht mal im Traum gedacht, dass ich den Song mal covere und in meine Muttersprache Kroatisch übersetze – und dass Nina Miranda, die Sängerin des Originals, als Feedback schreibt: „Great singer and artist, very moving!“
8. Requiem for Pero
“Requiem for Pero” ist der Abschied von einem tragisch verstorbenen Jugendfreund aus meiner Heimatstadt Dubrovnik. „Pero, singst du, wenn wir den Maestral hören?“, singe ich im Refrain übersetzt. Er sagte mir mal, dass er nie so glücklich ist wie auf dem Wasser.
9. Astronauts
„Astronauts“ ist der älteste Track auf dem Album, ich habe ihn schon 2015 geschrieben. Ich bin glücklich, ihn nun endlich zu veröffentlichen, weil er sozusagen auf die Visitenkarte von ZUSTRA gehört. Mein Ziel bei der Produktion war, dass er aus der Schwere der Welt in interstellare Höhen schwebt, deswegen treffen Lyrics über barocke Vanitas-Symbolik auf kosmische Synths. Ich hoffe, dass man sich beim Hören so ein bisschen
wegträumen kann!
10. It’s All Been Done Before
Der Ausreißer, haha! „It’s All Been Done Before“ klingt anders als alles, was ich bisher veröffentlicht habe. Man hört dem Song an, dass ich eben auch ein Kind der Nullerjahre bin und als Jugendliche ein Fan von Post-Punk und Indie-Rock war. Es gab daher Überlegungen, ob man den Song aufs Album nehmen soll, aber ich dachte mir: Och, wieso sich einschränken? Dieser Sound ist eben auch eine Facette. Und jetzt ist es kein Hidden Track, sondern ganz offiziell das Finale des Albums. Außerdem war es an der Zeit, auch mal in einem Lied zu singen, wie sehr ich Esel liebe!
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