Placebo gehören zu den wichtigsten Bands der 1990er. Gerade feiern sie den 30. Geburtstag ihres Debüts. Am Donnerstag waren sie in der Frankfurter Festhalle.
War das Jahr 1996 besser als das Jahr 2026? Kommt drauf an, wen man fragt. Immerhin: Fußball-Deutschland ist damals Europameister geworden, Frankreich stellte seine Atombombentests im Pazifik ein, die Wissenschaft feierte die Geburt des Klonschafs Dolly, durch die Spice Girls wurde Feminismus Pop – und mit US-Präsident Bill Clinton kamen wir hierzulande sicherlich besser zurecht als heute mit Donald Trump.
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Musikalisch war das Jahr von Girlgroups, Eurodance, dem beginnenden Siegeszug des Hip-Hops und Britpop geprägt. Wenn man so will, dann waren Placebo seinerzeit das Gegengift zur damaligen Musiklandschaft. Der machohaften Lad-Kultur wurde das androgyne Auftreten der Band entgegengesetzt, Sänger Brian Molko trat etwa in Frauenkleidern und mit Make-up auf, was in der (mal wieder) eher heteronormativ geprägten Musiklandschaft der 1990er Jahre radikal schien. Dem breitbeinigen Britpop und dem glatten Girl- und Boygroup-Sound dieser Tage stellten Placebo eine Mixtur aus rauem Alternativrock, Post-Punk und Pop-Elementen gegenüber.
Berühmter Fan
Noch bevor das erste Album der Band erschien, hatte sie schon einen berühmten Fan: David Bowie. Der Großmeister war so fasziniert von der Einzigartigkeit der Musik der Gruppe, dass er sie einlud, mit ihm auf Tournee zu gehen. 1999 nahmen sie sogar zusammen den Song „Without You I’m Nothing“ auf.
1996 brachten Placebo dann ihr selbstbetiteltes Debütalbum auf den Markt. Es ging um Bisexualität, Androgynität, Drogenexzesse, psychische Probleme und sexuelle Identität. Ein Meilenstein, und auch eine Platte, die den Weg für den Emo-Rock der folgenden Jahre ebnete – und auch die Gothic-Szene nahm die Ästhetik der Band mit offenen Armen auf (obwohl sich diese dort musikalisch gar nicht verortete).
Eben jenes Album steht nun auch im Fokus der Jubiläumstournee, auf der sich Placebo gerade befinden – und die sie auch nach Frankfurt führte. Es galt, 30 Jahre „Placebo“ zu feiern. „Wenn ihr uns beschenken wollt, dann lasst eure Smartphones in der Tasche. Denn die hatten wir damals, vor 30 Jahren, auch nicht. Versucht, im Moment zu sein“, so Brian Molko zu Beginn des Konzerts. Es gehört zur Tragik der Gegenwart, dass wir vernetzt sind wie nie zuvor, aber dennoch weniger verbunden. Appelle wie die von Molko gibt es mittlerweile immer häufiger von Künstlern; nicht nur er hat es satt, während eines Auftritts Tausende von Handys ins Gesicht gehalten zu bekommen. Meistens verpuffen solche Ansagen aber. Nicht so bei Placebo. Das Publikum in der Frankfurter Festhalle ließ die Smartphones tatsächlich diszipliniert in der Tasche, und: dieser Verzicht machte etwas mit der Atmosphäre. Man fühlte sich, im besten Sinne, in die 1990er Jahre zurückversetzt und konnte so seine volle Aufmerksamkeit der Band schenken.
Gute Laune
Die war an diesem Donnerstagabend gut aufgelegt. Anders als wohl in Hamburg, wo Sänger Brian Molko vom NDR fehlender Biss vorgeworfen wurde, hielt seine Stimme in der Mainmetropole durch. Der Mann schien auch Lust zu haben, wirkte – der melancholischen Natur der Songs zum Trotz – gut gelaunt, ließ sich sogar zu ein paar deutschen Sätzen hinreißen.
Die Nostalgie-Stimmung wurde zu Konzertbeginn direkt durch ein Video gesetzt, das die Band – neben Molko ist das natürlich im Kern Gitarrist und Bassist Stefan Olsdal – zu verschiedenen Etappen der vergangenen 30 Jahre auf einer großen Leinwand zeigte. Danach wurde der Zeitreise-Charakter der Show durch die Songauswahl gefestigt. Schließlich setzte sich die Setlist vor allem aus Songs des Debüts und des Nachfolgealbums „Without You I’m Nothing“ zusammen. Mit „Pure Morning“ ging es gleich mit einem Klassiker eindrucksvoll los. „Teenage Angst“ kam an vierter Stelle und damit überraschend früh. Zu den Stücken, die Placebo selten spielen und bei dieser Jubiläumstour wieder mehr in den Fokus rücken, gehört das herrlich düstere „My Sweet Prince“. Ein Höhepunkt des Abends. Die neue Nummer „Helen Keller“ störte nicht weiter.
Zwei Brecher als Zugaben
Der Signature-Tune der Band, „Nancy Boy“, wurde von Molko lange stiefmütterlich behandelt. Obwohl der Song die Essenz der Band der frühen Jahre auf den Punkt bringt (und ja auch Bowie zum Fan machte), weigerte sich Molko lange Zeit, den Song live zu spielen. Er fürchtete, die Band würde auf ihn reduziert. In Frankfurt wurde er prominent als Abschluss des Hauptsets platziert. Und Molko wirkte dabei nicht so, als hätte man ihn mit vorgehaltener Waffe zur Performance gezwungen.
Als Zugabe hauten Placebo am Ende noch mal zwei Brecher raus. „Every You Every Me“, 1999 ein Riesenhit und auch Teil des Soundtracks des Erfolgsfilms „Eiskalte Engel“, machte den Anfang des Bonus-Teils. Nochmal ein starker Moment des Konzerts. Ebenso wie das abschließende Kate-Bush-Cover „Running Up That Hill“. Zu dem wurde die Halle in rotes Licht getaucht – wohl eine Anspielung auf die Netflix-Serie „Stranger Things“, in der der Song eine Renaissance erfuhr. Nach 17 Songs und etwas mehr als anderthalb Stunden war dann Schicht im Schacht. Eine gelungene Nacht. Und das Beste: Die Erinnerung an sie ist nun nur auf den Festplatten in den Köpfen des Publikums gespeichert – und nicht in irgendwelchen Clouds. Genauso muss es sein.
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