Es war eine unwirkliche Konstellation: Da war diese dreiteilige Fernsehkomödie – zum damaligen Zeitpunkt die teuerste WDR-Produktion aller Zeiten – von Dieter Wedel, „Wilder Westen inclusive“ (1988), in der eine deutsche Familie auf einem Road-Trip durch die USA allerlei Herausforderungen zu bestehen hat. Und dann handelt der bekannteste Song des Soundtracks, „Room with a View“, völlig zusammenhangslos und maximal dramatisch von einem Obdachlosen. Der Singer-Songwriter Tony Carey (72) lacht, wenn man ihn heute darauf anspricht. Im Interview mit Benjamin Fiege verrät der frühere Rainbow-Keyboarder, wie es zu der seltsamen Konstellation gekommen ist, warum er nach seiner Zeit mit Ritchie Blackmore nach Deutschland kam und was wir von seinem anstehenden Gastspiel in Bensheim erwarten können. Dort tritt er am 15. Oktober im Musiktheater Rex auf.
Tony, Sie sind 1978 nach Deutschland gekommen. Was hat damals den Ausschlag gegeben?
anzeige
Ich war mit Rainbow in Europa 1976 und 1977 auf Tournee. Dabei habe ich Abi Ofarim in München kennengelernt. Er lud mich dann 1978 ein, nach München zu kommen und auf seiner Platte Klavier zu spielen. Ich hatte Rainbow zehn Monate zuvor verlassen und Zeit und Lust dazu. Deutschland hat mich fasziniert, ich war noch jung, gerade mal 24 Jahre alt. Dann hat sich die Chance aufgetan, in Frankfurt ein professionelles Aufnahmestudio zu nutzen, dort zu komponieren, aufzunehmen, mich mit Soundengineering zu befassen. Ich bin also irgendwie hängen geblieben. Auch als ich Anfang der 1980er einen Plattenvertrag mit Geffen Records bekommen habe – als Solo-Künstler und mit Planet P Project – bin ich geblieben, hatte ja mittlerweile in Deutschland eine Familie gegründet.
Gab es da nicht erst einen Kulturschock?
Nein, gar nicht. Ich bin auch nicht der Typ, der Heimweh hat. Mein Motto: Die Party ist da, wo ich gerade bin. Ich habe ja auch zwischendrin noch ein paar Jahre in Spanien gelebt, in Skandinavien, Frankreich und bin in Deutschland umher gezogen. Ich war und bin eher auf einer Kulturreise statt einem Kulturschock ausgesetzt gewesen zu sein.
Gibt es nach 50 Jahren an Ihnen etwas typisch Deutsches?
Nein, ich denke, ich bin Amerikaner pur. Aber natürlich bin ich in Deutschland lange verwurzelt. Gut möglich also, dass ich über die Jahre langsam deutsche Eigenheiten übernommen habe, ohne dass mir das aufgefallen ist. Da bräuchte es vielleicht den Blick von außen.
Sie hatten Rainbow angesprochen. Stimmt es, dass Sie eigentlich vor ihrem Gig dort gar nichts mit Hard Rock am Hut hatten?
Ja, überhaupt nichts. Ritchie Blackmore, damals der größte Gitarrist der Welt, suchte einen Keyboarder für die Band, ich probte zufällig gerade im Nebenstudio, und er hat mir dann ein Angebot gemacht. Für mich hatte das gerade gepasst, obwohl ich zeitgleich auch in einer Band war, die einen Plattendeal hatte. Irgendwie bewegte die sich aber nicht von der Stelle. Hollywood war in den Siebzigern crazy, es gab zu viele Ablenkungen.
Wie war das damals mit Ritchie Blackmore und Ronnie James Dio? Waren Sie da erst mal starstruck?
Überhaupt nicht. Ich war nie jemand, der irgendwelche Ikonen anbetete. Aber Respekt hatte ich natürlich schon.
Mit Rainbow haben Sie damals erstmals vor großen Kulissen gespielt. Trotzdem sagen Sie heute, es wäre ein schlechter Karriere-Move gewesen …
Wir waren jetzt nicht riesengroß. In Deutschland und England haben wir etwa vor rund 3000 Leuten gespielt, in Japan waren es 15.000, 18.000. Auch in Australien. Damals waren solche Kulissen natürlich neu für mich. Dennoch war die Zeit der Horror für mich, weil ich in der Band schwer gemobbt wurde. Anfangs subtil, später immer grober. Als wir gerade in Frankreich Station machten, hatte ich die Nase voll und hab um drei Uhr morgens die Band verlassen und bin abgereist. Ich bereue es nicht. Das Leben hat es gut mit mir gemeint.
Gab es später nochmal eine Aussprache?
Nein. 2006 hatte ich mal das Management von Ritchie kontaktiert, um zum 30-Jährigen unserer Live-Platte zu gratulieren, die damals in der Presse gefeiert wurde. Aber zu Ritchie bin ich nicht durchgekommen, er wollte nicht mit mir reden.
Hatten Sie nach Ihrem Ausstieg erstmal Sorge, wie es weitergehen sollte?
Nein, ich hatte direkt Angebote von The Sweet und auch drei anderen großen Rockbands. Ich hatte also schon einen kleinen Namen, und als Keyboarder hätte ich ohne Probleme jederzeit etwas Neues finden können. Aber ich bin eigentlich kein Keyboarder, sondern Singer-Songwriter. Ich fand es also eher spannend, den Weg weiterzugehen. Ums Rampenlicht ging es mir dabei gar nicht, sondern um die Musik. Meine ersten Platten waren rein instrumental, fast Krautrock. Frank Farian hat mich dann irgendwann ermutigt, selbst zu singen.
Sie hatten dann ja schon recht früh Charterfolge. Die großen Reichtümer kamen dabei aber nicht herum, heißt es.
Ich habe für meine damaligen Hits kaum Geld gesehen. Das Geld steckten sich andere ein. Dennoch: pleite war ich nie. Peter Maffay hat mir dann in Deutschland später aber so manche Tür geöffnet, unter anderem habe ich für Joe Cocker, Chris Norman und Milva produziert und komponiert. Ab da waren die Dinge für mich erheblich leichter.
Mit Maffay haben Sie lange zusammengearbeitet. Haben Sie noch Kontakt?
Ja, haben wir! Am 16. Oktober spielen wir gemeinsam in Berlin, auch Till Brönner und Leslie Mandoki sind dabei.
Ihr größter Hit hierzulande war „Room with a View“. Wie stehen Sie heute zu der Nummer?
Ein guter Song, ich mag ihn. Ich verstehe Künstler nicht, die ihre großen Hits nicht live spielen wollen. Das sind Idioten in meinen Augen. Ich spiele das Lied aber solo immer ein bisschen anders, wechsele mal die Tonlage oder füge eine Instrumentalpassage hinzu. Da sehe ich eine Live-Performance immer als Momentaufnahme. Die meisten kennen das Lied ja aus der TV-Reihe „Wilder Westen inclusive“, da war er Teil des Soundtracks. In den USA wurde er gar nicht veröffentlicht. Was viele nicht wissen: In dem Text geht es eigentlich um einen Obdachlosen, sein „Room with a View“ ist der Blick durch einen Kühlschrankkarton, durch den er runter auf Los Angeles blicken kann.
Hatten Sie den Song eigens für den Soundtrack geschrieben oder ihn in der Schublade gehabt?
Ich hatte ihn in der Schublade, zusammen mit 40, 50 anderen. Auf Band! Als die Anfrage kam, habe ich natürlich so getan, als würde ich mich jetzt eingehend mit dem Drehbuch befassen (lacht).
Und er ging trotzdem durch? Es handelte sich bei der Reihe ja um eine Komödie …
Ich hatte das Glück, dass Regisseur Dieter Wedel nicht gut Englisch konnte. Ihm gefiel aber die Zeile: „They say it never rains in L.A. county“. Das klang für ihn happy genug, auch wenn der Song eigentlich eine Tragödie beschreibt.
In Ihren Songs legen Sie viel Wert auf Storytelling, also das Erzählende. Ist das eine Kunstform, die heute mehr und mehr verloren geht?
In der kommerziellen Musik schon, aber es gibt darunter, auf Club-Level, immer noch eine blühende Szene an Geschichten erzählenden Singer-Songwritern. Die stärkste Ära war sicherlich in den 1960ern und frühen 1970ern mit Leuten wie Bob Dylan, CCR, den Beatles, James Taylor und Carole King. Der Hard Rock war dann der erste Sargnagel fürs Storytelling, da ging es dann vor allem um Themen wie Sex und Autos. Aber: Es gibt heute vereinzelt immer noch gute Storyteller im Mainstream, mir fällt da etwa Lewis Capaldi ein. Oder auch Adele und Coldplay.
Hängt das mit der Art und Weise zusammen, wie heute Songs geschrieben werden? Bei so manchen Hits wird da inzwischen eine ganze Armada an Songwritern genannt.
Ja, das ist verrückt. Mir ist mal ein Song aufgefallen, an dem waren 30 Autoren beteiligt. Das ist lächerlich.
Sie kommen jetzt solo nach Bensheim. Was können die Fans von der Show erwarten?
Die Show heißt „Songs and Stories“, und sie liefert genau das. Ich erzähle gerne etwas Hintergründiges zu den Songs. Ich wähle aus 40 Titeln relativ spontan, was ich an dem Abend spiele. Fest stehen vorher immer der Opener und das letzte Lied, der Rest sind Lust und Laune.
Termin
Tony Carey: »Songs and Stories« – Do 15.10., 20 Uhr, Musiktheater Rex, Bensheim. Tickets sind erhältlich unter www.reservix.de.
anzeige


