Alexa Feser (foto: Katharina Schmidt)

Track By Track: Alexa Feser über „Kino“

Zehn Jahre sind seit dem Debütalbum „Gold von Morgen“ von Alexa Feser bereits vergangen. Zehn Jahre, in denen sich die Gute mit ihren oft tiefgründigen Texten einen festen Platz im deutschen Musik-Kosmos erarbeitet hat. Nach dem Top-drei-Album „Zwischen den Sekunden“ (2017) und den Top-Ten-Alben „A!“ (2019) und „Liebe 404“ (2022) legt Feser nun mit „Kino“ ihren neuesten Wurf vor. Ein Album, das einem auditiven Filmpalast mit zwölf Sälen gleicht, jeder Song wie ein musikalischer Kurzfilm.  Welche Gedankenspiele hinter den einzelnen Nummern stehen, verrät uns die aus Wiesbaden stammende Feser in diesem „Track By Track“-Interview.

1. Das Universum vergisst nicht

Ein Kino ist immer auch ein neues Universum. Das ist der Grund warum für mich „Das Universum vergisst nicht“, der Opener des Albums ist.

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Der Song selbst klingt für mich vielleicht ein wenig wie das Universum selbst und löst bei mir ein Gefühl von Schwerelosigkeit aus. Ein Kosmos, der so allumfassend und gewaltig groß ist, dass man als einzelnes Individuum dazu neigt, die Relevanz der eigenen Existenz zu hinterfragen. Der Song spiegelt uns alle als gleichwertige Bausteine eines Kollektivs und lässt uns darauf berufen, dass jedes Individuum einen Unterschied machen kann. Jeder einzelne hinterlässt eine Spur, einen Pinselstrich, der am Ende ein ganzes Bild ergibt.

Soundlich habe ich bei diesem Song mit Vocoder gearbeitet. Der Song schwebt durch die vielen Flächen und Arpeggiators und pumpt sich durch den in der zweiten Songhälfte langsam reinkommenden Beat immer mehr hoch.

2. Highscore

Ein Song, den ich komplett produziert habe.

„Musik muss traurig oder sexy sein.“ Ich wollte einen sexy Track.

Hatte ein ziemlich eingängiges Synthie-Riff im Kopf, was mich nicht mehr los ließ und ich direkt festgehalten habe. Drumherum hat sich der ganze Song aufgebaut und der Beat hat sich sofort im Kopf festgesetzt. Für mich persönlich einer meiner stärksten Songs. Auch inhaltlich. Weil die Bilder so fantasievoll sind und trotzdem klar wird, worum es geht.

„Deine Küsse sind cozy, cozy wie ein Turtleneck. Halte lieber deine Hand, als eine Birkin Bag.“

3. Mein Name ist

„Mein Name ist“ ist ein besonderer Track, in dem die Hoffnung personifiziert wird, indem sie die Erzählperspektive einnimmt. Sie spricht aus sprachlich gemalten Bildern, findet sich in dem „von deinem glücklichsten Moment, bin ich das Standbild“, wird erfühlt „in deinem Bauch, so wie eine Explosion“. Während die Welt manchmal, wie ein chaotisches Gemälde erscheint, halten wir unbeirrt an der Hoffnung als kostbare Wahrheit fest.

Für mich ist Hoffnung ein Pfeiler der menschlichen Resilienz und erinnert uns daran, dass genau diese Hoffnung eine innere Kraft ist, die uns antreibt, auch wenn alles um uns herum in Unordnung zu geraten scheint. In Zeiten, in denen wir nach Antworten suchen, erinnert uns dieser Song daran, dass die Frage nach dem „Warum“ oft weniger wichtig ist als die Existenz der Hoffnung selbst. Dieser Track ist durch außergewöhnliche Bilder tröstend und trägt eine Schlichtheit, ohne dabei kitschig zu sein.

Musikalisch entwickelt sich der Track mit einem immer grösser werdenden Arpeggiator nach vorne. Musik und Lyrics bilden eine deepe Symbiose.

4. Fritten

Beat-Beton-Wucht trifft auf Gefühl, Melancholie und Faustschlag. Jemanden empor heben mit unabdinglicher Loyalität. Auch schon etwas zu meinem Markenzeichen geworden, Extreme oder Kontraste miteinander zu verbinden/zusammen zu führen, „Mal wieder Katertränen,
ich bringe Aspirin
trag Deine Adiletten,
ein schönes Assi-Team,
wenn wir am Wochenende,
vor all den Assis fliehen,
mit Tempo 180
Hauptsache nicht Berlin“

Bei dem Song mischen sich wuchtige Drums mit 808 Bässen. Während E-Gitarren und meine Stimme darüber etwas wie Wellen gleiten.

Diesen Song habe ich für einen guten Freund geschrieben. Es ist eine melancholische Antwort an den Zusammenhalt, den wahre Freunde erfahren, wenn sie eine schwierige Zeit durchleben und bedingungslos füreinander da sind. Ob es die nächtliche Fahrt nach Hause ist, das Tragen der Kisten beim Umzug nach einer Trennung oder die Portion Fritten mit Mayo nachts um halb vier: in einer loyalen Freundschaft priorisiert man einander in Krisenzeiten und fegt selbstlos die Scherben zusammen, die andere hinterlassen.

So sind wir jedenfalls beide füreinander da, selbst um 4 Uhr morgens und Fritten essend.

5. Was du brauchst

„Was du brauchst“ ist wie eine Art Résumé, von allen Dingen die das Leben so beeinflussen., Am Ende bekommt man nicht immer „das was man will, aber das was macht braucht.“
Wollte einen Song, der thematisch auch so ein bisschen beobachtend das Loslassen beschreibt. Auch die Zeit in der wir gerade leben, die uns zunehmend komplexer erscheint, etwas aus den Angeln zu heben und für viele Dinge eine Art Gelassenheit zu entwickeln.

Musikalisch hebt er sich auf dem Album etwas ab. Organische Basedrums und Rims, einem Soul-Bass und meine sampligen Pianoriffs erzeugen eine warmen Teppich, was auch inhaltlich gut zu dem Song passt.

6. Anker

In meinem Song „Anker“ steckt die Message, dass man sich im Leben nicht mit vielen umgeben muss, um erfüllt zu sein. Es geht eher darum, auf dieser chaotischen Welt jene zu finden, die einen wirklich verstehen und sehen und damit einen Ankerpunkt bilden, ohne an Bedingungen geknüpft zu sein. Dabei muss es nicht nur um romantische Beziehungen gehen, sondern auch um Freundschaften.

Tiefe Verbundenheit muss nicht immer das große, aufregende Abenteuer sein, sondern zeigt sich in den kleinsten Dingen: „Ich seh dir gerne zu, auch wenn du gerade gar nichts machst. Und wenn du mit deinen friends ausgehst, dann bleib ich eben für dich wach.“ Der warme Lofi-Sound spiegelt für mich die Message des Songs und umgekehrt.

7. Kaiserschnitt feat. Ava Ion

Diese Narbe, sie wird bleiben wie ein Kaiserschnitt, „Back to Black“ das von Amy, singe leise mit, doch auch wenn die Liebe mich auf diese Weise tritt, ich nehme keinen Hass auf meine nächste Reise mit. Wahrscheinlich mit „Universum“ zusammen der filmischste Song von allen. Episch, schlicht, modern, melancholisch, verbindend, verabschiedend und irgendwie auch befreiend und zu neue Ufern aufbrechend.

In dem Song verschmelzen organische und futuristische Welten, denn er hat eine ziemlich einzigartige Komponente, etwas das es bisher in Deutschland so noch nicht gab. Nämlich ein Feature mit einer AI. Obwohl es sich bei Ava Ion um eine künstliche Intelligenz handelt, die aus meiner Stimme generiert wurde und den zweiten Refrain singt, lässt sich kein Unterschied zu einem fühlenden, menschlichen Wesen ausmachen, das Wärme und Gefühl in einen Song fließen lässt. Ava Ion ist irgendwie die Schnittstelle zwischen emotionaler Menschlichkeit und moderner Technologie. Zusammenfassend passt dieser Satz wahrscheinlich am besten zu dem Song:
Ein Song über die Vergangenheit mit der man abschließt und das zusammen mit der Zukunft gesungen. :)

Schönheit und Leichtigkeit

Ein gebrochenes Upright Piano trifft auf zerstörte Beats. So spiegelt die Produktion auch den Inhalt des Songs wieder, der davon handelt, dass nach einer zwischenmenschlichen Lektion eine Narbe zurückbleibt. Ein Schnitt, der jedoch positiv geprägt ist und ein lebenslang bleibt, wie eine Kaiserschnittnarbe. Denn sie erinnert nicht nur an etwas, was hinter einem liegt, sondern auch an die weitere Reise und an das, was vor einem liegt. Damit zelebriert der Song die Schönheit und Leichtigkeit der Lehre, die man aus etwas zieht, statt mit Verbitterung und Hass beladen zu sein.

Im Studio hatten wir eigentlich nur aus purer Neugier versucht meine Stimme durch einen KI Generator zu ziehen. Das aber das Ergebnis so emotional wurde, hat total überrascht und ich habe mich dann kurzerhand entschieden, diesen 2. Refrain als ein AI Feature zu verwenden. Der Name Ava Ion kam dann relativ schnell durch die Initialen AI zustande. Ist auf alle Fälle einer der berührenden Songs auf dem Album.

8. Kino Interlude

Ein kleines Streicher-Interlude, was die Melodie des nächsten Songs „Al Pacino“ aufgreift. Ich liebe Interludes, habe sie fast auf jedem Album. Sie geben einem ein filmisches Gefühl und man hat nochmal mehr das Gefühl ein komplettes Album zu hören, wo die Dramaturgie eine wichtige Rolle spielt.

9. Al Pacino

Die Kunst des Ablenkens. Mache so viel Dinge wie möglich, um den Menschen, der dir eigentlich den Kopf verdreht, zu vergessen.

„Flashmob: oldschool
ich bin dabei
Unterwassersafari
Tauchen mit Hai
Ex-Militär wir machen
Tandemsprung
ich bringe die Zeit
wo ich sie finde um.“

Im Chorus geht ein Breakbeat auf, der auf analoge Synthies und Streicher trifft. Süß-saure Melancholie hängt in der Aftershow-Festival Luft. Wie kann man den auf seinem Reisepass „wie der junge Al Pacino“ aussendenden Typ nur vergessen, frag ich mich. Ich glaube, ich habe selten so viele Bilder verwendet wie in diesem Song. Man taucht sekündlich in neue Welten, nur um sich abzulenken und jemanden zu vergessen.

10. Deine Freunde

Deine Freunde kaufen Länder, meine hin und wieder Gras, deine Freunde wollen reich sein, meine wollen lieber Spaß, deine Freunde fahren Tesla, meine einfach an den See und vergessen Deine Freunde, bis die Sonne untergeht.

Das sind meine Freunde, zumindest ein bisschen überspitzt :) Musikalisch wippt man wirklich mit, da es klar an NDW-Zeiten erinnert, aber natürlich ins Jetzt transportiert.

11. Lana Del Rey

Wenn Monster unter dem Bett plötzlich nett zu einem sind, weil man jemanden an seiner Seite hat, der ein klares Match ist, dann kann man sich entspannt zu Musik von Lana Del Rey zurücklehnen und Video-Games spielen. Es ist ein Song über diesen einen ganz besonderen Menschen, der einem die Angst nimmt, bis man sich zwischen grenzenloser Euphorie und süßer Melancholie komplett ineinander verliert. Die Retro-Synthies werden durch einen elektrisierenden Beat angetrieben. Mit einer sich für mich im Kopf festsetzenden Hook, beschreibe ich die perfekte Zweisamkeit.

12. Checkbox

Musikalisch treffen analoge Sample-Streicher auf moderne Sequenzer und moody E-Guitar-Chords. Ein laid-back-urban-Beat mischt sich unter meine Stimme, was eine spannende Fallhöhe zu den textlich krassen Bildern erzeugt.

Ich wollte einen Song über Depressionen schreiben, der es wirklich so beschreibt, wie es sich innerlich anfühlt und dass es nicht zwingend was mit Traurigkeit zu tun hat. Es ist oft ein abgestumpftes Gefühl, sich selbst nicht spüren können, aber in dem Bewusstsein, dass es mal anders war und man den Weg dahin nicht zurückfindet, weil jede Anstrengung mein System zum Absturz bringt. Das, was es so unfassbar schwer macht, ist die sich einschleichende, gefühlte Sinnlosigkeit gepaart mit einer Nutzlosigkeit. Man fühlt sich so krass machtlos.

Diese Beschreibung in den Lyrics, dass man seinen Alltag irgendwie meistert, alles beobachtet und wahrnimmt, selbst aber gerade nichts fühlt, wie benommen scheint, wirkt wie ein Film, in dem man das Gefühl hat sich von aussen zu sehen, selbst aber nicht checkt, dass man dort gerade die Hauptrolle spielt. Traurig-schöner Song und für mich einer der stärksten von dem Album.

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