Silly - Zehn (foto: sony music)

Silly – Zehn

Erscheinungsdatum
September 13, 2019
Label
Sony Music
Unsere Wertung
8

30 Jahre Silly: Zum Wiegenfest der Rocklegenden, deren Karriere in der damaligen DDR startete, gibt es mit „Zehn“ ab morgen eine hörenswerte Retrospektive. Sie vereint das Beste der schicksalsgeprüften Band aus zehn Studioalben – und das in hervorragender Sound-Qualität.

„Wir haben ganz zu Anfang sehr viele Kompromisse gemacht, daraus haben wir gelernt, und seitdem machen wir keine mehr. […] Du kannst keine Musik machen mit Kompromissen.“

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Tamara Danz, Silly-Sängerin, in der Doku „flüstern und SCHREIEN“ (1988)

Dass Silly keine Band von der Stange sein würden, sondern eine, die sich durchaus mit den Obrigkeiten des Unrechtsstaates anlegen würden, zeigte sich eigentlich schon kurz nach der Gründung, damals im Ost-Berlin des Jahres 1978. Seinerzeit wollte die Kulturbehörde der Band erst untersagen, sich „Silly“ zu nennen. Ein Anglizismus! Käme ja gar nicht in die Tüte. Durch den cleveren Schachzug, die Katze Silly zum Bandmaskottchen zu erklären und sich selbst als deren Familie – Familie Silly – zu deklarieren, konnte man die DDR-Zensoren überlisten und den Wunschnamen retten. Es sollte nicht das einzige Mal bleiben, dass Silly den Authoritäten ein Schnippchen schlugen.

Schon das Debüt schlägt ein

Aber der Reihe nach. Zwar hatte die Gründungsbesetzung der Band um Sängerin Tamara Danz – wie jede andere Gruppe auch – die Aufgabe, sich ihr Publikum erst einmal zu erobern, aber schon das Debütalbum „Tanzt keiner Boogie“ erzeugt große Aufmerksamkeit und liefert neben dem Titelsong mit „Der letzte Kunde“ auch noch einen ersten heimlichen Underground-Hit und frühen Klassiker.

Richtig überschlagen sich die Ereignisse dann ab 1982. Mit steigender Popularität schafft man es, den Zusatz „Familie“ zu streichen und kann bereits das Zweitwerk “Mont Klamott“ unter dem finalen Signet “Silly“ veröffentlichen. 

Das Album ändert alles!

Der Sound, getragen von Tamara Danz‘ ikonischer Stimme über dominanten Gitarrenriffs und einem von Ritchie Barton gelegten Keyboard-Teppich, wird zu einem großen Erfolg. Die Texte berühren und treffen den Zeitgeist einer Generation. Der Titelsong katapultiert die Band an die Spitze und avanciert 1983 zum Nummer-Vier-Hit in der Jahresgesamtauswertung der DDR. Tamara Danz als Frontfrau wird gemäß dem Albumtitel quasi zur Personifizierung „Der wilden Mathilde“. Die Band hat es geschafft, unangepasst und kritisch zu bleiben und in einem versucht gleichgeschalteten und gelenkten System, eine Lücke für sich zu finden.

Mit Argusaugen beobachtet

Der Ruhm hat aber nicht nur Vorteile, er zieht alle Augen auf sich, auch die der Überwachung und Zensur. Das bekommen Silly mit dem dritten Album zu spüren. Das Artwork und der gewünschte Titel erregen den Unmut der Kulturwächter. Womöglich fühlten sie sich bei dem Bild der leeren Bahntrasse in Kombination mit dem Titel „Zwischen unbefahrenen Gleisen“ ertappt und an den Grenzstreifen erinnert. Das war zu viel der Provokation. Cover und Titel mussten geändert werden, der Inhalt blieb trotzdem rebellisch und frech. „Liebeswalzer“ prangt schließlich als Titel auf dem Cover. Das Lied selbst avanciert, ebenso wie „Die Ferne“ und „So ’ne kleine Frau“, schnell zum Silly-Klassiker.

Die Hoffnung, dass Silly sich vom System vereinnahmen lassen, zerstreut die Band mit dem vierten Album „Bataillon d’Amour“ endgültig. Die Fans feiern die Unangepasstheit und nicht nur den Titelsong, der wiederum die Jahresauswertung von 1986 auf Platz vier prominent besetzt, das ganze Album gilt als Meilenstein. Ob es der New Wave inspirierte Song „Josef & Maria“ ist oder das bedrückend atmosphärische Lied „Schlohweißer Tag“, kaum jemand kann damals so gut Stimmungen in Musik einfangen wie Silly.

Mit der selbstgesetzten Messlatte können Silly dennoch gut umgehen. Auch das nächste Album „Februar“ – betitelt nach dem geplanten Veröffentlichungstermin – kann das Level halten und wird in der DDR gar zum „Album des Jahres“ werden. 

Schwere Schicksalsschläge nach dem Mauerfall

Im November schließlich zerfällt das Land und zeitgleich das Publikum für viele bis dahin etablierte DDR-Künstler. Die neue Freiheit bedeutet erst einmal auch die Freiheit, all das nachzuholen, was vorher versagt blieb – Westmusik. Die eigenen Helden kannte man und hat sie vernachlässigt. Viele DDR-Stars sind mit den Folgen dieses Umschwungs verschwunden, nicht so Silly. Die durch den Umbruch entstandene Schaffenspause wird mit dem abermals provokanten Albumtitel „Hurensöhne“ 1993 beendet und überzeugt die Fans von der anhaltenden Kreativität der Band, die sich schnell wieder zurückerobern lassen. 

Anspieltipps
Bataillon d'amour
Josef & Maria
Schlohweißer Tag
Die wilde Mathilde
8
Gelungene Werkschau.
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Kaum ist der erste große Schicksalsschlag mit Bravour gemeistert, da lauert bereits die nächste Schicksalsprüfung. Sängerin Tamara Danz muss mit einer Krebsdiagnose kämpfen und verliert am Ende gegen die Krankheit. Das letzte mit ihr aufgenommene Album „Paradies“ wird 1996 zwar zum ersten Silly-Album in den Gesamtdeutschen-Charts, bedeutet aber auch das vorläufige Aus für die Band. Zu schwer haben alle an dem Verlust zu tragen. Der Krebs fordert zudem mit Herbert Junck 2005 ein weiteres Opfer innerhalb des Bandgefüges. 

Die verbliebenen drei, Barton, Hassbecker und Reznicek entschieden davon aufgerüttelt, dass sie das Erbe der Band aufrechterhalten wollen und langsam wurde Silly – zuerst mit sporadischen Auftritten unterstützt durch Gastmusiker – wiederbelebt.

Neustart mit Anna Loos

Schließlich hatte das Schicksal auch mal eine positive Wendung für Silly zu bieten. Mit Anna Loos fand sich 2006 eine neue Stimme, die hervorragend zur Band passte (uns bis Ende 2018 fest dabei blieb). Die Zusammenarbeit entwickelte sich so erfolgreich, dass mit „Alles rot“ 2010 schließlich ein lange für unmöglich gehaltenes neues Silly-Album erschien. Ein überraschender und umso beeindruckender Erfolg. „Alles rot“ stürmt die Charts, überzeugt auch Kritiker.

Von dieser Erfolgswelle getragen wird das 2011 veröffentlichte Werk „Kopf an Kopf“ mit einer Nummer 2 Platzierung in den Charts sogar noch einen Punkt weiter oben notiert. Der Jubel hält selbst 2016 noch an, als das bislang letzte Studioalbum „Wutfänger“ erscheint. Mit einer Top 5 Platzierung steht es den Vorgängern kaum nach und stellt als nunmehr 10. Studioalbum einen vorläufigen Höhepunkt in der musikalischen Bilanz dar. 

Morgen, am 13. September, erscheint „Zehn“ – Das Beste aus zehn Studioalben auf Deluxe Doppel-CD, als zwei Einzel-CDs, Doppel-Vinyl mit farbiger LP und im Streaming.

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