Neneh Cherry – Broken Politics

Neneh Cherry - Broken Politics (foto: smalltown supersound)

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8 Smalltown Supersound/ Rough Trade
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Neneh Cherry auf Antwortsuche: Auf ihrem fünften Album “Broken Politics” verhandelt die Schwedin Fragen wie: Was ist zu tun in Zeiten des Umbruchs? Wie kann man in diesen Zeiten Mensch bleiben? Eine Protest-Platte, die gleichermaßen wütend, sanft, melancholisch und ermutigend daher kommt. 

„Für mich war das eine der besten Schreibphasen seit langer, langer Zeit“, sagt Cherry über die Entstehung von “Broken Politics”. Wie so oft in ihrer Kunst fußte die Inspiration darauf, dass die Stockholmerin ihren Blick auf jene Gebiete richtete, wo Persönliches und Politisches aufeinander treffen: „Ich schreibe meine Songs am liebsten aus meiner eigenen Perspektive, und die Ära, in der wir gerade leben, in der dreht sich so vieles um die Frage, wie man seine eigene Stimme finden kann. So viele Menschen haben das Gefühl, nicht gehört zu werden. Sie fühlen sich missverstanden und sind dementsprechend enttäuscht. Und was zur Hölle kann ich daran schon ändern? Vielleicht beginnt das Politische tatsächlich im eigenen Schlafzimmer, in den eigenen vier Wänden – als eine Form von Aktivismus, als ein Gefühl von Verantwortung.”

Dieses neue Album, so Cherry, handele von genau diesen Dingen: diesen Bruch zu fühlen, diese Enttäuschung und Trauer – aber es gehe auch um Beharrlichkeit, ums Weitermachen: “Es ist ein Kampf gegen die Vernichtung des freien Willens, des freien Denkens.“

Ein erstes Ausrufezeichen setzte Cherry mit der Single “Kong”, eine wunderbare Mischung aus Dub, Soul und Trip Hop, die den Geist der 90er Jahre atmet. Ein Song über jene Ignoranz, die in der eskalierenden Lage in den Flüchtlingslagern bei Calais ersichtlich wurde. „Immerhin waren da so viele Kinder, die alle ohne ihre Eltern quasi dort geparkt waren. Sie sollten eigentlich nach England gebracht werden, wo ihnen geholfen werden sollte, aber dazu kam es nie. Die Leute gehen immer davon aus, dass Flüchtlinge irgendwo ankommen, um dort ein System auszunutzen – als ob sie nicht auch Dinge zurücklassen müssten, die sie lieben. Ich versuche nun, ein Bild davon zu malen, mich in diese Geschichte einzufühlen, und in diesem Fall stelle ich mir nun vor, ein Mensch zu sein, der eigentlich gar nicht den Ort verlassen will, an dem er lebt.“

Ebenfalls stark: Single Nummer zwei, „Shot Gun Shack“, die sich mit dem Thema Waffengewalt beschäftigt. Titelgebend war in diesem Fall eine Erinnerung an ein Gespräch, das Cherry bei der Beerdigung von Ornette Coleman hatte. „Ich weiß gar nicht mal mehr so genau, wer es zu mir gesagt hat, aber ich dachte sofort: ‘Shotgun Shack’ – was für ein cooler Ausdruck!“, erzählt sie, und weiter: „Ja, es geht um Waffenkultur, um die Idee von Kriegsgebieten und um die vielen Tragödien, die Waffengewalt dort auslöst. Es geht um die ganzen Geschäfte mit Waffen. Um Street-Kultur. Waffen sind so krass. Sie haben diese Macht – sind so gefährlich und können alles schlagartig ändern. Die Waffe ist einfach da, in der Tasche, zusammen mit all den anderen Dingen, die wir tagtäglich bei uns tragen, und es ist so einfach, diese fehlgeleitete Energie einer Waffe zu missbrauchen.“

„Faster Than The Truth“ verhandelt dann – mit seinen massiven Hallräumen und sich anbahnenden Snares – das Thema Feminismus. „Als ich den Song anfing, war das so, als ob mein Körper plötzlich mitten in der Wüste gelandet wäre, von wo aus ich nun losziehen sollte – Richtung Norden“, so Cherry. „Es ist die Perspektive einer Frau, und zugleich eine Reaktion auf Leute, die einen so behandeln, als ob man aus falschen oder vorgeschobenen Gründen hilfsbedürftig wäre. Ich verlange ja gar nicht, dass du meine Mutter bist oder mein Liebhaber – ich will bloß ein offenes Ohr. Denn ich bin hier, und ich gehe auch nicht einfach so weg.“

Während sich die Wut inhaltlich in Cherrys neuen Songs Bahn bricht, wirkt die Musik auf “Broken Politics” im Kontrast dazu geradezu gelassen. Ja, fast schon sanft. Hier ein bisschen Jazz, da ein bisschen Dub, sanfte Beats und hingetupfte Piano-Klänge. Protest, das ist die Botschaft, muss im Vortrag nicht unbedingt die Zähne fletschen. Es geht auch subtiler.

Fun fact: Bei den Aufnahmen zu “Broken Politics” griff der nunmehr 83-jährige Jazzmusiker Karl Berger der guten Neneh unter die Arme. Berger spielte schon vor einem halben Jahrhundert mit ihrem Vater Don Cherry zusammen. Auf Nenehs “Synchronized Devotion”, das komplett ohne Beats auskommt, packt der Mann nun noch mal sein Vibrafon aus. Großartig.

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Fazit: Hörenswert.

Anspieltipps: Kong, Shot Gun Shack, Faster Than The Truth

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