Live: Marteria

Marteria (foto: paul ripke)

Wenn einen das Hip-Hop-Magazin „Juice“ mit sechs Kronen adelt, dann gleicht das in diesem Genre einem Ritterschlag. Marteria wurde diese Ehre jüngst für sein Album „Zum Glück in die Zukunft II“ zuteil. Der Reimer aus Rostock ist damit im Rap-Olymp angekommen. An der Spitze der deutschen Musiklandschaft steht er ja ohnehin schon längst.

Und dafür ließ sich der  Rapper am Samstag in der ausverkauften Mannheimer SAP-Arena ausgiebig feiern. Die Namensgebung seines neuen Albums, die kann man Marteria möglicherweise vorwerfen. Den Unfug kennt man ja aus der Filmbranche, dass es da immer noch einen zweiten, dritten und vierten Teil geben muss. Kann mal gutgehen, wie bei der Batman-Reihe mit Christian Bale; kann aber auch schon mal schiefgehen. Oder hat jemand Police Academy 6 auf seiner Lieblingsfilmliste stehen?

Auch Marteria gibt sich dem modernen Fortsetzungsfetisch hin, um wenig subtil zu suggerieren, dass er mit seinem neuen Machwerk an die Erfolge von „Zum Glück in die Zukunft“ aus dem Jahr 2010 anknüpfen möchte. Das war’s dann aber auch schon. Mehr als die Einfallslosigkeit beim Plattentitel lässt sich dem Rapper nicht vorwerfen, denn das, was der Gute mit dieser Scheibe (oder sagt man im iTunes-Spotify-Zeitalter mittlerweile „Datei“?) da kredenzt hat, ist ganz feine Hip-Hop-Kost.

Sicher, Marterias Stil ist immer noch etwas eintönig, da ist er sich über die Jahre treugeblieben. Das ist auch live so, wovon man sich in Mannheim am Samstag überzeugen konnte. Aber es ist seine unverwechselbare Stimme, die darüber hinwegtäuscht (nach dem Motto: wenn schon monoton, dann bitte so). Und vor allem sind es seine wunderbaren Lyrics, die so knackige Zeilen wie „Evolution wird mit R geschrieben“ hervorbringen. Die sprechen eher nicht den gemeinen Kay-One-Bushido-Sido-Larry an, wie ein Rundblick durchs Publikum untermauert, sondern sie stellen an den Hörer ganz andere Anforderungen. Da gibt es, anders als der Titel des Albums erwarten  lässt, Subtiles. Da gibt es doppelte Böden und Mehrdeutigkeiten sowie gute Beobachtungen. Und es knallt trotzdem.

 

Die Erfolgsgeschichte von Marteria beginnt in Rostock, in einem Plattenbau-Ghetto. Dort steht er bereits als 16-Jähriger (auch unter dem Pseudonym Marsimoto) mit der Underdog Crew auf der Bühne, und schafft es ganz nebenbei als Amateur-Kicker bis in die U17-Nationalmannschaft. 1999 wird er in New York auf der Straße entdeckt und beginnt für Hugo Boss und Diesel zu modeln. Ach ja, und geschauspielert hat er auch noch. Ein talentierter Tausendsassa also, am Ende hat aber die Musik die Oberhand behalten. Marteria ging zunächst auf Tourneen und trat im Vorprogramm von Peter Fox, Jan Delay und Sido auf. Dann folgten Auftritte bei Stefan Raabs Bundesvision Songcontest, heute Goldene Schallplatten. Die Karriere von Marteria, sie war, sie ist kometenhaft.

In Mannheim nimmt Marten Laciny, wie der bürgerliche Name des 31-Jährigen lautet, das glänzend aufgelegte Publikum mit auf einen Streifzug durch eben diese kometenhafte Karriere und performt sozusagen ein Best-Of. „Sekundenschlaf“ und „Lila Wolken“ sind da ganz besonders hervorzuheben. Allerdings ist auch das neue Album gut vertreten, mit dem der Mann ja nun schon seit einem guten Jahr tourt, und die Stücke kommen gut an. „OMG“ ist gleich ein guter Anheizer.

Die Vielseitigkeit des Rostockers zeigt sich gerade in den neuen Tracks: Sanftmut und Randale stehen hier gleichberechtigt nebeneinander. Vielleicht schafft es nur Marteria binnen einer Stunde das süß-klebrige „Welt der Wunder“ völlig unironisch auf das gewaltschwangere  „Bengalische Tiger“ folgen zu lassen.

Gänsehaut kommt schließlich auf, als Marteria für ein paar Songs in die Rolle seines Alter Egos „Marsimoto“ schlüpft. Er erscheint auf der Bühne in voller Maskerade, die Stimme verzerrt, die Arena in grünes Licht getaucht – das hatte was. Und das sahen auch die Mannheimer so, die zu den Beats gnadenlos steil gingen. Am Ende des Konzerts hüpfte die ganze Halle auf und ab. Und obendrein stand das Publikum  zum großen Teil ohne T-Shirts da. Über den missglückten Titel des Albums wollte da dann irgendwie niemand mehr diskutieren.

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