Lenny Kravitz (foto: fiege)

Live: Lenny Kravitz in Mannheim

Nach einer ganzen Reihe doch eher mäßiger Alben scheint das Vertrauen in US-Rockstar Lenny Kravitz noch nicht wieder ganz da zu sein: Nur zu etwa zwei Dritteln war die Mannheimer SAP-Arena gefüllt, als der 54-Jährige am Mittwochabend nach sieben Jahren mal wieder in der Stadt Station machte. Dabei zeigte der Musiker doch zuletzt wieder aufsteigende Form.

Auch einen Superstar wie Lenny Kravitz plagen manchmal Selbstzweifel. Es ist noch gar nicht so lange her, da hatte der gebürtige New Yorker das Gefühl, irgendwie sein musikalisches Mojo verloren zu haben. Ein Gefühl, das nicht von ungefähr kam. Hatte der Gute in den späten 80er und 90er Jahren noch einen Hit nach dem anderen gelandet, war im neuen Jahrtausend irgendwie der Wurm drin. Mit Ausnahme von „Black And White America“ (2011) gab es für seine Alben – „Baptism“ (2004), „It’s Time For A Love Revolution“ (2008) und „Strut“ (2014) – maximal lauwarme Kritiken.

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„Nachdem ich 30 Jahre lang Musik gemacht hatte, fühlte ich es plötzlich nicht mehr“, erinnerte sich Kravitz im vergangenen Jahr in einem Interview mit dem US-„Rolling Stone“ an diese Phase. „Ich hatte mich noch nie so verwirrt gefühlt. Und das machte mir durchaus Angst. Weil ich eben nicht wusste, ob das Gefühl überhaupt jemals wieder kommt“. Zwischendurch versuchte er sich ja sogar als Schauspieler.

Aber: Das Gefühl kam ja zum Glück dann doch zurück. Sein jüngstes Album „Raise Vibration“ (2018) legt davon Zeugnis ab. Die Platte ist gleichermaßen sexy und bissig. Nicht ganz, aber doch fast wie in den guten alten Zeiten. Und vor allem ist sie eines: politisch.

Und so ist es bemerkenswert, dass Kravitz an diesem Mittwochabend in Mannheim gleich fünf Songs aus dem neuen Album mit auf die Setlist gepackt hat. Stars seines Kalibers bauen in ihre Best-of-Shows ja oft nur wenige neuere Songs ein. Und wenn, dann meist etwas verschämt oder auch ein bisschen trotzig. Kravitz hingegen scheint seinen Instinkt wieder gefunden zu haben. Er trägt sein neues Material, das auch beim Publikum gut ankommt, voller Selbstbewusstsein vor. Wie etwa das funkige, von Prince inspirierte Anti-Kriegslied „Who Really Are The Monsters?“. „The war won’t stop as long as we keep dropping bombs“, klagt er darin. Leider zeitlos.

Musik aus dem Lendenbereich

Sie merken: Kravitz ist und bleibt ein rockendes Blumenkind. Die Themen Frieden, Liebe, Sex und Kommunikation ziehen sich wie ein roter Faden durch seine Songs. Musik, die aus dem Lendenbereich kommt. Gefährlich, aber Kravitz wirkt dabei nie schmierig oder missionarisch. Im Gegenteil. Er hat immer noch diese besondere Ausstrahlung. Er wirkt immer noch fast unverschämt cool. Junggeblieben, ohne peinlich bemüht rüberzukommen. In Zeiten, in denen andere große Legenden seiner Ära sich gerade selbst demontieren (Madonna) oder demontiert werden (Michael Jackson), ja auch irgendwie mal ganz erfrischend.

Aber, neues Material hin oder her: Die alten Songs wollen die Fans natürlich trotzdem hören. Und sie sind ja auch gut gealtert. Zumal sie ja schon retro waren, als sie das Licht der Welt erblickten: die Midtempo-Ballade „It Ain’t Over Til It’s Over“ mit ihren charmanten Anleihen bei Motown und im Philly-Soul etwa. Zieht auch heute noch. Gänsehaut-Garantie auch bei der Ballade „Can’t Get You Off Of My Mind“ und dem magischen „Stillness Of Heart“. Da gingen in der SAP-Arena natürlich die Smartphone-Lichter an.

Es waren auch willkommene Verschnaufpausen in einer ansonsten energetischen Rock-Show, in der es Kravitz so richtig krachen ließ. Bei „American Woman“ oder „Fly Away“ stand nicht nur den Musikern der Schweiß auf der Stirn. Auch das Publikum ging gut ab.

Die Hose hält

Lennys Hose – auch immer so ein Thema – ist übrigens heil geblieben. Selbst als der Gute von der Bühne kletterte und eine Ehrenrunde durch die Halle lief. Auf Tuchfühlung mit den Fans, auch wenn er natürlich von Anstandswauwaus in Form einer ganzen Gruppe von Ordnern eskortiert wurde. So konnte man sich dann auch in letzter Reihe stehend davon überzeugen, dass das da auf der Bühne wirklich und ohne jeden Zweifel Lenny Kravitz war. Denn auf Brimborium wie Leinwände oder große Screens hat Kravitz an diesem Abend verzichtet.

Am Ende: überall zufriedene Gesichter, sowohl vor als auch auf der Bühne. Und das Wissen, dass ein Superstar da mal wieder die Kurve bekommen hat. „Again“.

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