The Cardigans (foto: Ola Bergengren)

Interview: Nina Persson (The Cardigans) über ihre Rückkehr nach Deutschland, „Lovefool“ und neue Musik

Die schwedische Rock-Pop-Band „The Cardigans“ feierte vor allem in den 90ern weltweite Erfolge. Nun treten sie nach 18 Jahren zum ersten Mal wieder in Deutschland auf: beim Mannheimer Zeltfestival. Benjamin Fiege hat mit Frontfrau Nina Persson über den Erfolg der Band, die Hitsingle „Lovefool“ und weibliche Superstars in der Musiklandschaft gesprochen.

Nina, Sie sind erst im Oktober mit James Yorkston in Weinheim aufgetreten, kommen jetzt mit den Cardigans nach Mannheim. Hand aufs Herz: Suchen Sie hier ein Haus?

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Hah! Das sollte ich vielleicht!

Wie lief denn die Tour mit James?

Es hat unheimlich viel Spaß gemacht. Wir sind knapp zwei Jahre getourt, nur wir zwei, durch viele Länder Europas.

Damals hatten Sie ja angedeutet, dass es zu einer weiteren Kollaboration zwischen Ihnen beiden kommen könnte.

Ja, er hat auch schon wieder eine neue Platte aufgenommen, bei der ich wieder mitgemacht habe. Diesmal wird sich wohl aber nicht wieder eine so große Tour anschließen.

Wie wird sich das Touren mit James vom Touren mit den Cardigans unterscheiden?

Wir waren zu zweit unterwegs, was logistisch himmlisch ist. Diesmal sind wir als Band zu fünft plus eine fünfköpfige Crew. Das ist ganz anders. Und: Diesmal ist es keine echte Tour. Wir spielen zwar viele Shows, aber das sind eher One-Offs. Wir spielen in Deutschland zum Beispiel nur die eine Show in Mannheim, da fliegen wir ein und werden dann in Frankfurt abgeholt. Es ist nicht mehr dieses On-the-Road-Leben wie damals.

Früher sind Sie ja häufiger on the road gewesen. Hat Ihnen dieser Lifestyle gefallen? Oder war das eher lästig?

Beides. Es kann schnell zu viel werden, klar, einen ermüden. Ich bin ja auch nicht mehr 20, habe Kinder. Damals, mit 20, war das anders. Man geriet nach der Schule in diesen Lifestyle hinein, hat oft nur gemacht, was einem irgendwer gesagt hat. Heute will ich machen, was ich will und das ist auf Tour schwer, weil man in einer Routine steckt. Dennoch liebe ich es, unterwegs zu sein. Ich liebe das Reisen, bin auch neugieriger als früher. Früher habe ich mich nur auf Metropolen wie London, New York und Paris wirklich gefreut. Heute finde ich es auch toll und unglaublich, nach Mannheim zu kommen. Ich finde es faszinierend, so viel von der Welt zu sehen.

Ihr seid jetzt das erste Mal seit knapp 18 Jahren wieder in Deutschland. Warum hat das so lange gedauert?

Das letzte Mal waren wir hier, als wir ein neues Album veröffentlicht haben. Da geht man normalerweise auf Tour. Sonst spielen wir dann, wenn wir eine Anfrage erhalten. Jetzt haben wir ein Angebot bekommen, bei dem es für uns gepasst hat.

Ihr spielt jetzt auf einem Festival. Wie unterscheidet sich das von einem eigenen Konzert? Es sind ja nicht zwangsläufig nur Fans da.

Wer zu so einem Konzert kommt, auch auf einem Festival, der hat zumindest eine gewisse Neugier oder ein Interesse an uns. Darauf baue ich. Aber bei einem eigenen Konzert merkt man natürlich schon, dass die Leute mehr Lieder kennen, aufmerksamer sind, auf Details achten. Festivals machen aber Spaß, weil die Crowd über sich selbst funktioniert und einen guten Vibe verströmt. Da wir auch kein Album mehr promoten, spielen wir mittlerweile am häufigsten auf Festivals.

Gehen Sie denn selbst auf Festivals, als Zuschauerin?

Ich war selbst nie der Super-Festival-Freak. Jetzt denke ich aber darüber nach, ich habe einen Sohn, er ist 13 und ein großer Musikfan. Gerade fehlt die Zeit, weil ich eben selbst auftrete.

Was können Fans denn von der Show erwarten? Greatest Hits? Oder wird es auch neues Material geben?

Wir können die Hits nicht weglassen. Aber es macht uns auch Spaß, Album-Tracks einzustreuen, die nie als Single veröffentlicht wurden. Vielleicht dann etwas anders arrangiert, zeitgemäßer.

Ein neues Album ist nicht in Sicht?

Es wird zwar kein Album mit neuem Material geben. Aber bei Universal wird eine Compilation namens „Rest of the Best“ erscheinen, eine Kollektion von B-Sides, First Takes und Demos. Eine Doppel-LP.

Euer Bassist Magnus hat mal gesagt, dass die Band sich ihres Erbes bewusst ist und nichts veröffentlichen möchte, was qualitativ minderwertiger ist. Heißt das: Es gibt neue Songs der Cardigans, aber die sind dann doch im Giftschrank verschwunden?

Der Hauptgrund ist, dass Peter, der Gitarrist und Hauptsongschreiber der Band war, nicht mehr mit uns arbeitet. Wir alle machen Musik außerhalb der Cardigans, sind in der Lage, gute Musik zu machen. Aber der typische Sound der Cardigans, dafür war Peter verantwortlich. Wir müssten ohne ihn einen ganz neuen Sound erfinden. Und dann kann man eigentlich auch gleich was anderes machen.

Was sich nach „Lovefool“ verändert hat

Sie hatten ja jede Menge Hits, allen voran „Lovefool“. Kommt einem es da mal in den Sinn, den Song mal nicht zu spielen, weil man ihn über hat? Die Dexys haben ja irgendwann „Come On Eileen“ einfach weggelassen.

Diesen Impuls kann man als Künstler schon nachvollziehen. Wir spielen „Lovefool“ ja auch jedes verdammte Mal. In der Vergangenheit haben wir uns da schon mal verweigert, aber das rächt sich. Man ist manchmal einfach müde von einem Song und glaubt, dass man doch auch viele andere gute im Angebot hat. Aber das ist nicht aus der Sicht des Fans gedacht, der sich auf die Hits freut. Das müssen wir als Künstler akzeptieren. Es ist ja auch schön, wenn man sieht, wie die Leute auf so einen Hit abgehen – und man auch bei einem Festival merkt, dass diesen Song nun wirklich jeder kennt.

Ändert man den Song dann einfach mal ab? Macht ne Jazz-Version draus?

Ich würde niemals eine Jazz-Version aus einem unserer Songs machen (lacht). Wir haben aus „Lovefool“ aber schon etwas eher balladeskes gemacht, das war auch nicht schlecht. Aber jetzt spielen wir ihn so, wie ihn die Fans hören wollen. Das ist nicht der Song, mit dem wir experimentieren sollten.

Wie hat der Song Euer Leben verändert?

Als der Song gerade groß wurde, war unser Leben noch identisch zur Zeit davor: Wir waren auf Tour, haben gespielt, Interviews gegeben. Es gab vielleicht etwas mehr Anerkennung und die Hotelzimmer waren plötzlich besser. Aber der Song hat eine Schublade für uns geöffnet. Man hat von uns erwartet, weiterhin genauso zu klingen, obwohl wir vorher einen anderen Sound hatten, der Song also nicht repräsentativ für uns war. Später hat man dann gemerkt, dass da plötzlich mehr Geld im Spiel war, die Hallen größer wurden, man im TV auftrat. Es ist aber ein Geschenk, wenn man auch ohne Hit zufrieden ist. Der Großteil des Lebens besteht darin, gerade keinen Hit zu haben.

Das Label hat euch also gedrängt, in dem Stil weiter zu machen?

Wir haben den Druck, die Hoffnung des Labels, diesen Erfolg zu wiederholen, natürlich gespürt. Lustigerweise hätte „Lovefool“ eigentlich eher aufs Vorgängeralbum gepasst, wir waren im Sound schon weiter, hatten andere Ambitionen. Das war schon ironisch. Und mit der nächsten Platte wollten wir eigentlich in eine noch mal ganz andere Richtung gehen. Da sind wir dann auch stur geblieben. Zum Glück hatten wir da ein Management, das uns unterstützt hat, und unser schwedisches Heimat-Label hat uns da auch beschützt.

Big in Japan

Ist es wahr, dass Ihr zuerst in Japan eine große Nummer gewesen seid?

Das schwedische und auch das britische Publikum haben uns zuerst entdeckt, aber dann wurden wir in Japan echt groß, haben da viel Zeit verbracht. Das war sogar noch vor „Lovefool“. Aber auch in Deutschland waren wir recht früh. Durch die Verwendung von „Lovefool“ im Film „Romeo & Julia“ wurden wir dann auch in den USA bekannt.

Man kann Sie ja getrost zu den ikonischen weiblichen Pop-Gesichtern der 1990er zählen. Ist das seltsam, so mit einer bestimmten Dekade verbunden zu werden?

Ja und nein. Gerade sind die 1990er eben wieder in Mode. Natürlich habe ich auch davor und danach existiert und Musik gemacht. Aber so ist es eben, das war eben der Moment unseres größten kommerziellen Erfolgs. Jetzt hat das den Vorteil, dass ich praktisch immer mal wieder in diese Welt eintreten kann, sie aber auch wieder verlassen kann.

Sind Sie nostalgisch?

Nein, gar nicht. Und das rettet mich auch. Ich rede mit meinen Kindern gern über die 1990er, aber ich interessiere mich mehr für das Jetzt und das, was noch kommt. Wenn wir als Band aber zusammenkommen, schwelgt man schon mal in Erinnerungen.

Neulich hat mir Shirley Manson von Garbage im Interview erzählt, wie schwer es damals in den 1990ern für junge Frauen im Pop war – und wie sehr sie sich freut, dass die junge Generation heute ihre Meinung offensiver vertritt.

Das sehe ich auch so, komplett. Da muss ich mich mit ihr mal kurzschließen, wir haben da wohl ähnliche Erfahrungen gemacht. Es ist heute zum Glück so, dass Frauen mehr Möglichkeiten haben, ihr Narrativ zu bestimmen. Ich habe ja auch am Konservatorium in Kopenhagen unterrichtet, treffe da viele Studentinnen. Die junge Generation ist so inklusiv. Wir waren in den 1990ern so snobistisch, die Nischen waren so eng. Als Frau oder PoC war es damals schwer. Heute zählt, ob die Musik gut ist. Das hat sich echt verbessert.

Hat sich die Musiklandschaft insgesamt zum Positiven verändert, mit all den weiblichen Superstars an der Spitze gerade?

Ich denke ja, irgendwie schon. Aber natürlich ist das Business immer noch hinter den Kulissen von Männern dominiert. Da ist das keine Ladys World, leider.

Termin

The Cardigans treten am Samstag, 22. Juni,  beim Zeltfestival Rhein-Neckar auf dem Mannheimer Maimarktgelände auf.

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