Hellmut Hattler (rechts) mit seiner Band Hattler (foto: bassball recordings)

Hellmut Hattler im Interview: „Der Bass hat mich gerettet“

Die Tatsache, dass Hellmut Hattler heute noch auf der Bühne steht, hat er auch seinem Lieblingsinstrument zu verdanken: dem Bass. Er hat ihm durch seine Leidenszeit geholfen, den Kampf gegen den Blutkrebs. Wie der Musiker die vergangenen Jahre erlebt hat und wie es ihm heute geht, das hat er Benjamin Fiege verraten.

Herr Hattler, Sie haben in den vergangenen Jahren mit Blutkrebs gekämpft, daher sei die Frage gestattet: Wie geht es Ihnen?

Danke, es geht mir momentan gut. Ich will das Thema eigentlich gar nicht so an die große Glocke hängen. Die Ärzte sagen, ich sei ein Vorzeigepatient. Man könnte fast sagen: ein medizinisches Wunder. Ich hatte es mit zwei Formen von Leukämie gleichzeitig zu tun, samt Lungenentzündung. Das kann dann schon eng werden, wenn das Immunsystem gerade platt ist. Aber es geht immer besser, seitdem ich eine Blutstammzelltransplantation vor zwei Jahren überstanden habe – und brauche immer weniger Medikamente. Daher bin ich ganz happy.

Sie sollen sich Ihren Bass damals ins Krankenhaus haben bringen lassen.

Das stimmt. Ich würde fast sagen: Er hat mich tatsächlich gerettet. Dabei war es gar nicht so einfach, ihn in die Klinik zu bekommen. Die Ärzte hatten sich Sorgen gemacht: das Holz, die Keime. Mein Immunsystem war ja total am Boden. Ich habe Ihnen dann aber gesagt, dass das Instrument aus Graphit ist. Unter der Auflage, ihn jeden Tag zu desinfizieren, habe ich ihn dann aufs Zimmer bekommen.

Und dann haben Sie damit die Mitpatienten unterhalten?

Nein, ich hatte ja ein Einzelzimmer. Ich habe ihn dann für mich genutzt, zum Komponieren, zum Songschreiben. Das hat mir sehr geholfen. Ich hatte sehr viel Zeit, mich mit mir und meiner Musik auseinanderzusetzen. Auch mein Arzt, ein Hämatologe und wahrlich kein Esoteriker, hat mir gesagt, dass meine Fortschritte auch durch die Musik zu erklären sind.

Haben Ihnen denn auch bestimmte Songs anderer Künstler durch die schwere Zeit geholfen?

Nein, gar nicht. Ich höre normalerweise gar keine andere Musik. Die würde mich nur von meiner eigenen Musik beziehungsweise von  meinen Ideen ablenken, die in meinem Kopf herumschwirren. Als meine Freundin zu mir ins Krankenhaus kam, hat sie mir auf dem Handy zumindest meine eigene Musik vorgespielt. Sie sagte: Ganz ohne Musik im Zimmer geht es nicht.

Hat Sie der Kampf gegen den Krebs verändert?

Man nimmt die Welt schon anders wahr. Wenn ich heute den Fernseher anschalte, bin ich fast schon genervt von der ganzen Selbstproduziererei. Man würde den Menschen am liebsten zurufen: Kümmert euch doch um die wirklich wichtigen Dinge im Leben.

Was sind denn diese wichtigen Dinge für Sie?

Zum einen die Familie, das ist klar. Ich wohne in Ulm in einem schönen Haus, führe eine tolle Beziehung, habe sechs Kinder. Das ist mir alles sehr wichtig. Und dann ist da natürlich die Musik. Ich genieße es einfach, unterwegs zu sein und zu spielen. Das brauche ich einfach. Es kann heute durchaus passieren, dass ich nach einem guten Konzert drei Tage lang völlig gehyped bin, völlig euphorisiert. Früher war das nicht so, da hatte ich schon gleich wieder den nächsten Auftritt im Kopf.

Man muss sich also keine Sorge machen, dass sie kürzer treten wollen? Sie sind immer noch mit drei Bands unterwegs: Siyou’n‘Hell, Hattler und Kraan.

Ja, das wird auch  so bleiben. Das macht mir einfach alles unheimlich viel Spaß. Ich genieße das.

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Bei Siyou‘n‘Hell steht ihre Freundin Siyou Isabelle Ngnoubamdjum am Mikro. Ein Pärchen in einer Band – ist das immer einfach?

Das funktioniert tatsächlich sehr gut. Wir verstehen uns auf der Bühne ganz prächtig. Und auch dann, wenn man hier und da mal wie bei jedem anderen Pärchen auch, eine Meinungsverschiedenheit gibt. Das ist völlig normal. Wir kennen uns außerdem schon sehr lange, haben uns über die Musik, über ein gemeinsames Projekt kennengelernt. Und des war von Anfang an diese gewisse Magie da. Nicht selbstverständlich, wenn man so eine Gospelstimme des Himmels mit einem zynischen Rocker zusammenbringt.

2018 ist Ihr neues Album „Velocity“ erschienen. Hätte dieses ohne Ihre Erkrankung anders ausgesehen? Oder hatten Sie da schon vorher die Pläne in der Schublade?

Klar, Pläne gab es schon. Oder sagen wir: Es gab Fragmente. Vieles ist dann aber tatsächlich erst im Krankenhaus entstanden, unter anderem das Arrangement. Diese Phase hatte also durchaus einen großen Einfluss auf die Platte.

Wie gehen Sie denn heute  mit Kritiken um? Interessiert einen das als Künstler nach solch einem Schicksalsschlag überhaupt noch?

Man wird natürlich gelassener, das ist klar. Aber tatsächlich finde ich Kritiken super interessant. Zu wissen, was im Kopf des Hörers vor sich geht, wenn er meine Musik das erste Mal hört. Das ist ja immer auch ein magischer Moment. Schade ist es natürlich, wenn man merkt, dass sich da einer nur oberflächlich mit der Musik befasst und Songs nur angespielt und nicht durchgehört hat. Wenn da einer nur auf das schnelle Zeilengeld aus war. Aber auch das muss man akzeptieren.

Neben der Karriere auf der Bühne gibt es ja auch die dahinter. Sie betreiben Ihr eigenes Label. Macht das in Zeiten von Streaming und Co. noch Spaß?

Wir arbeiten natürlich auch mit Streaming-Diensten zusammen, aber ich sehe diese schon als eine gefährliche Sache. Künstler profitieren in der Regel dadurch nur marginal. Die Beträge, die man damit verdient, sind sehr gering. Da muss man sich dann überlegen, ob man da mitspielt oder sich dem Ganzen entzieht, dann aber riskiert, vielleicht nicht mehr stattzufinden. Man merkt auch, dass das Hörverhalten sich verändert, die Menschen immer weniger zuhören. Das kann man ja sehen, wie schnell die Leute aus einem angespielten Song aussteigen, da fehlt vielen die Geduld. Ähnliches ist ja bei Filmen passiert. Schauen Sie sich doch mal alte Filme aus den 20ern, 30ern oder 40ern an, wie langsam damals erzählt wurde. Da fehlt heute einfach die Geduld.

Spielt da aber nicht auch eine Rolle, dass Musik immer mehr zum Konsumgut wird, also eine gewisse  Entwertung erfahren hat?

Das ist leider so. Aber davon muss man sich als Künstler freimachen. Am besten man konzentriert sich auf sich, macht einfach die Musik, die einem wichtig ist, die einem etwas bedeutet. Ich hatte das Glück, dass ich das immer machen und ganz gut davon leben konnte.

Man hört, dass der eine oder andere Streaming-Dienst ja schon überlegt, mit Künstlicher Intelligenz zu experimentieren, der es dann gelingen soll, Musik im Stile von Künstler X selbst zu produzieren.

Man kann da nur hoffen, dass sich das auf Wegwerf-Musik beschränkt. Ich denke, am Ende des Tages identifizieren sich die Menschen ja auch mit einem Künstler. Der hat ihnen mit einem Song ja vielleicht den Soundtrack zu einer Erinnerung oder einer bestimmten Phase ihres Lebens beschert. Eine KI, ein Algorithmus, kann das nicht ersetzen. Aber wenn damit Geld verdient werden kann, wird das mit Sicherheit leider auch gemacht werden.

Würden Sie denn als junger Mensch heute noch Musiker werden wollen?

Ja, ich denke schon. Man muss wissen, worauf man sich einlässt. Als ich als Teenager verkündet habe, sechs Wochen vor dem Abitur mit der Schule aufzuhören, um Musiker zu werden, da hat auch die Luft gebrannt. Da hieß es dann: Lern doch erst mal was Vernünftiges.

Trotz oder gerade wegen Streaming: Vinyl spielt wieder eine immer größere Rolle. Auch bei Ihrem Label?

Ja, das ist auch ein immer wichtiger werdender Faktor.  Wir haben auch immer welche bei unseren Shows dabei. Im Gegensatz dazu scheint die CD auszusterben, es gibt für sie ja kaum noch Abspielgeräte. Selbst an Laptops verschwinden die Laufwerke. Das ist dann immer ein klares Zeichen. Gerade arbeite ich auch an einem neuen Album, für meine Trilogie namens „Vinyl Cuts“.

Im Original erschienen in der RHEINPFALZ.

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