Die Prog-Rocker Grobschnitt feiern 55. Geburtstag. Am kommenden Samstag spielen sie in Kaiserslautern. Vor dem Gig sprach Benjamin Fiege mit dem Gründungsmitglied und Gitarristen Lupo über die Karriere der Band.
Lupo, Grobschnitt ist bereits 1971 gegründet worden, als der Begriff „Krautrock“ in Deutschland seinen ersten Höhepunkt erlebte. Auch Ihr werdet oft in die „Krautrock“-Schublade gesteckt. Ein Begriff, den die britischen Presse einführte. Hatte euch der Begriff geschmeichelt?
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Damals haben wir uns als Band nie mit irgendwelchen Schubladen beschäftigt. Die Fans hat es auch nicht interessiert. Für die waren unsere Musik und die Bühnenshow relevant.
Als wir 1972 unser Debütalbum auf dem Brain Label veröffentlichten, waren wir froh, eine Plattenfirma gefunden zu haben, die junge Bands abseits der Mainstreet-Musik fördern wollte. Wir haben das Album im Windrose-Dumont-Studio in Hamburg aufgenommen. Am Mischpult saß niemand anderes als Musikproduzent und Toningenieur Conny Plank, der ja in Hütschenhausen im Landkreis Kaiserslautern aufgewachsen ist.
War es zu Beginn euer Ansinnen, zu einer Szene dazuzugehören?
Nein, wir waren immer nur Grobschnitt und in jeder Hinsicht keine normale Band. Wir haben mit unserer Musik und den unverwechselbaren vierstündigen Bühnenshows aus Musik, Theatereinlagen, Licht-Show und Pyrotechnik konsequent die eigenen Ziele verfolgt und immer wieder für Überraschungen gesorgt. Grobschnitt-Konzerte waren inszenatorische Happenings und deshalb auch so einzigartig.
Krautrock: Wichtiger war deutsche Musik nie wieder
Der Journalist Christoph Dallach hat in seinem Buch „Future Sounds“ über die Zeit der Sechziger und Siebziger − gerade eingedenk des Krautrocks − geschrieben: „Wichtiger war deutsche Musik nie wieder.“
Richtig ist, dass Krautrock weltweit Feuilleton-Status genießt, obwohl wir uns immer dem Genre Progressive-Rock zugehörig gefühlt haben.
Vor einigen Jahren hat unsere Major-Company Universal Music auf dem legendären Brain-Label, das international als wichtigste Anlaufstelle für Krautrock gilt, eine umfangreiche Krautrock-Retrospektive-Box mit acht CDs und 83 Songtiteln von 42 beteiligten Bands veröffentlicht, die schnell ausverkauft war.
Grobschnitt Schlagzeuger Eroc hat alle Titel der Box remastert und ich selbst habe im umfangreichen Booklet federführend die Grobschnitt-Story verfasst.
Ist progressive Musik zu Hause, in Deutschland, damals ausreichend wertgeschätzt worden?
Im Ausland hatte sie ja immer einen guten Ruf.Ich kann hier nur über uns sprechen und möchte das etwas differenzieren. Was unsere Fans im In- und Ausland betrifft, hat die Grobschnitt-Musik immer eine große Wertschätzung erlebt.
Schwer getan haben sich eigentlich die Musikmagazine, Radio- und Fernsehsender, bei denen wir trotz vieler erfolgreicher Alben in den ersten Jahren um Anerkennung kämpfen mussten. Ein gutes Beispiel ist der in den 1970er Jahren sehr erfolgreiche „Rockpalast“ gewesen, der sich anfangs auch zierte, deutsche Bands in den Fernseh-Rocknächten auftreten zu lassen.
Als wir 1978 überall in Deutschland auch die großen Hallen füllten, hieß es dann endlich: „Liebe Freunde, heute Abend im ,Rockpalast’: Grobschnitt“. Wir wurden prompt von den Fernsehzuschauern und etlichen Musikmagazinen bundesweit zur besten Liveband des Jahres gewählt. Ab da war der Grobschnitt-Zug nicht mehr aufzuhalten.
Pyro-Technik als Show-Element
Ihr habt als eine der ersten Bands in Deutschland auf Pyrotechnik gesetzt.
Ja, schon Anfang der Siebziger, vor unserem ersten Album. Unser Schlagzeuger Eroc war Chemiker und hat während seiner Ausbildung mit Pulvern rumexperimentiert. So hatten wir recht früh Bengalo-Feuer und Nebeleffekte bei unseren Konzerten eingesetzt.
Das hat sich im Lauf der Jahre immer weiterentwickelt und wurde zu einem unserer Markenzeichen. Zudem waren wir auf dem Gebiet der Pyrotechnik auch sehr erfinderisch. Ich möchte nur an unsere Laserschwerter und an die Winkelschleifer erinnern, die einen irren Flex-Funkenregen über die komplette Bühnenbreite erzeugten, so dass die Fans nicht mehr aus dem Staunen herauskamen.
Was wir in den Siebziger und Achtziger Jahren indoor an Pyrotechnik abgefeuert haben, wäre heute sicherheitstechnisch undenkbar.
Das rief bestimmt auch die Feuerwehren auf den Plan!
Haha, da muss ich gleich mal schmunzeln. Es gab kaum ein Konzert ohne Feuerwehr hinter der Bühne, weshalb wir sehr oft noch vor den Shows unsere pyrotechnischen Effekte vorführen mussten. Das war dann immer so ein Katz-und- Maus-Spiel.
Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass wir dann die Bühne eingenebelt haben und kleine Kinder-Bengal-Feuer-Stäbchen sowie die legalen Theater-Feuerfackeln präsentiert haben. Wenn es dann bei „Solar Music“ richtig zur Sache ging, haben wir die Bühne so dicht eingenebelt, dass die Feuerwehr, das Publikum und wir Musiker nichts mehr sehen konnten.
Das war dann der Augenblick, wo die wasserfallähnlichen Fontänen gezündet wurden, einfach gigantisch und spektakulär. Der anschließende Ärger mit der Feuerwehr war dann vorprogrammiert, was zur Folge hatte, dass wir in manchen Städten und Hallen nicht mehr spielen durften.
Legenden zufolge habt ihr nicht kooperative Hausmeister gerne mal in ihren Kabuffs eingeschlossen …
Stimmt! Wahr ist aber auch, dass wir nie einen Veranstaltungsort abgefackelt haben.
Ging es bei den Feuerwerken ums Visuelle oder war das auch ein anti-autoritäres Statement?
Es ging uns rein um den Showeffekt. „Solar Music“ war damals ohne Pyroeffekte schlichtweg in Verbindung mit der Musik undenkbar.
„Wir waren nie auf einer Demo“
Ihr seid ja durchaus politisch unterwegs gewesen.
Wir waren nie auf einer Demo. Aber was wir politisch empfunden haben, ist in unseren Songs verarbeitet. Das Stück „Vater Schmidt“ aus dem Jahr 1976 dreht sich um eine Vision über den Wochenendausflug einer Familie in einem Kunststoffwald mit Rollbändern statt Gehwegen, künstlichem Tannenduft und einer Ess-Mischung aus dem Speisomaten für das Picknick.
Auf „Illegal“ beschäftigten wir uns 1981 mit dem wahren Fall eines Musikers, der von der Polizei abgeführt wurde, weil er keine Genehmigung hatte, Straßenmusik zu machen. 1982 auf „Razzia“ ging es um den Umgang der Obrigkeit mit Wohngemeinschaften, in denen gern mal gekifft wurde.
„Wir wollen leben“ vom gleichen Album handelte vom Abholzen der Wälder rund um die Erweiterung der Startbahn West in Frankfurt, ließ sich aber auch auf diverse AKW-Projekte anwenden. Es war der Umwelt-Song schlechthin.
Reizt es euch heute nicht, die aktuelle politische Lage mit neuen Songs zu kommentieren?
Dafür brauchen wir keine neuen Titel zu schreiben, weil das vorhandene Songmaterial in Verbindung mit unseren Moderationen bei den Konzerten genügend Stoff liefert.
Früher habt ihr ja echte Marathon-Konzerte gespielt, die auch mal vier Stunden dauern konnten.
Na ja, vier Stunden waren fast immer Standard bei uns, manchmal auch etwas länger. Danach haben wir dann noch 45 Minuten Autogramme vor der Bühne geschrieben und Alben signiert, was wir heute bei unseren dreistündigen Akustik-Konzerten immer noch machen.
Allein der bekannteste Song „Solar Music“ kann zwischen 30 und 60 Minuten dauern. Er entwickelt sich weiter, es wird improvisiert.
Hält ihn das nach 50 Jahre für euch noch frisch?
„Solar Music“ ist die Grobschnitt-DNA und hat sich von Beginn an durch unzählige Improvisationen immer weiterentwickelt und fordert uns nach wie vor. Das Stück atmet und wird auch bei den akustischen Konzerten dank der nach wie vor vorhandenen Improvisationsteile nie langweilig. Dieses Epos ist ein Mythos und wird überall auf der Welt gehört und geschätzt.
Kaiserslautern ist jetzt in eurem Tourkalender keine seltene Ausnahme. Für euch war die Pfalz immer ein beliebtes Ziel, oder?
Wir haben in der Pfalz über die Jahre sehr viele Konzerte gespielt, eine Tour ohne diese Region ist einfach ein No-Go. Spontan erinnere ich mich an die Auftritte in Rockenhausen, Landau, Herxheim, Hauenstein, Pirmasens, Birkenfeld, Idar-Oberstein, Mandern, Alzey, Trier und an unser Wohnzimmer in Mainz im Eltzer Hof. Aber auch die Auftritte im benachbarten Saarland wie in Saarbrücken, Merzig, Illingen oder St. Wendel sind noch hellwach. Der Südwesten war immer schon eine Grobschnitt-Hochburg mit Top-Heimspiel-Faktor. Das wird ein Fest und eine Grobschnitt-Premiere im Kulturzentrum Kammgarn.
Viele andere Bands beklagen immer, dass die pfälzischen Locations etwas ab vom Schuss liegen.
Für mich als begeisterter Wein-Urlauber ist die Pfalz ein wunderbares Fleckchen Erde. Als Band haben wir es geradezu genossen, auch auf die Dörfer und in die kleineren Städte zu fahren, um Land und Leute kennenzulernen. Dass es mitunter auch mal tief in den Wald ging, empfanden wir eher als Abenteuer, immer auch unter der Prämisse, neue Fans zu erobern.
Die Pfalz scheint ja auch sehr prog-affin zu sein, wenn man sich allein die Tribute-Bands so anschaut, die hier gebucht werden.
Das ist kein spezielles Pfalz-Phänomen. Prinzipiell entdecken gerade junge Leute die handgemachte Musik der Siebziger Jahre und sind fasziniert davon. Das merken wir aktuell auch Generationen übergreifend bei Grobschnitt, wenn die Ur-Fans aus den frühen 70er Jahren gemeinsam mit ihren Kindern und Enkeln die Konzerte besuchen, aber auch bei den CD- und Plattenverkäufen.
Progressive Rockmusik verbindet Menschen und ist zeitlos. Das Phänomen Tribute-Band habe ich nie so ganz nachvollziehen können. Warum nutzen so viele professionelle Musiker ihre Kreativität nur dafür, Musik von bekannten Bands nachzuspielen, statt etwas Eigenes auf die Beine zu stellen?
Gibt es Grobschnitt-Tribute-Bands?
Schon seit über 30 Jahren Zeiten! Das hätten wir uns vor 55 Jahren nie träumen lassen, dass es mal Bands gibt, die Grobschnitt covern.
Zu Person & Band
Der Musiker Lupo, eigentlich Gerd Otto Kühn, Jahrgang 1949, ist Gründungsmitglied der Band Grobschnitt, die im April 1971 in Hagen aus der Taufe gehoben wurde. Zwischen 1972 und 2026 sind unter anderem 16 Alben und drei Box-Sets auf dem Brain Label erschienen. Besonders bekannt wurden „Rockpommel’s Land“ (1977) und „Solar Music Live“ (1978). Den 50. Geburtstag des Albums „Jumbo Deutsch“ feiert die Band mit einer Vinyl-Sonderedition zum „Record Store Day“ am 18. April. Auch gibt es Grobschnitt derzeit in Kinos mit „Solar Music Live“ zu erleben.
Termin
Grobschnitt spielen am kommenden Samstag, 28. März, 20 Uhr, in der bestuhlten Kammgarn in Kaiserslautern. In der dreistündigen Show (mit Pause) geht es akustisch (und garniert mit vielen Anekdoten) durch die Bandhistorie.
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